Nach vierzehn Jahren Gefängnis ändert sich das Leben von Leonard March nur wenig. Noch immer räumt er die „Scheiße“ von anderen weg. Denn so viele Unterschiede zwischen seinem momentanen Job als Reinigungskraft und seinem früheren Job als Auftragskiller gibt es nicht. Nur weniger Blut.


Vom Auftragskiller zur Reinigungskraft

Leonard March wirkt nur dem Anschein nach unscheinbar und wie ein gebrechlicher, alter Mann. Vierzehn Jahre Gefängnis hat er auf dem Buckel, das er nur durch einen Deal verlassen durfte, in dem er seinen ehemaligen Mafiaboss Lombard der Staatsanwaltschaft auslieferte. Stolz und unberührt trägt er 28 ermordete Opfer auf den Schultern, für die er aber durch den Deal nicht mehr belangt werden kann. Gerissener Hund, kann man da sagen.

Und so gerissen er auch ist, weiß er, dass er nun in Freiheit selbst zum Abschuss freigegeben ist.
March befürchtet, dass Lombards Leute ihn aus Rache ausschalten möchten. Doch nicht nur diese Leute muss er fürchten, nein, sondern einfach jeden und jedem. Denn viele Leute erkennen ihn aufgrund der Zeitungsartikel wieder und verachten ihn. Andere wollen unbedingt ein Buch über ihn schreiben und die dicke Kohle machen. March ist ständig einem Verfolgungswahn unterworfen, mal berechtigt, mal eingebildet. So lebt es sich nämlich als Ex-Knacki. Klingt ja ganz schön stressig.

Waltham (Massachusetts) ist nun sein Gebiet. In einem kleinen Bürogebäude putzt er nun des Nachts den Dreck anderer Leute weg. Zumindest beruflich hat sich nur wenig geändert, wenn man es symbolisch betrachtet, denn vor seiner Haftstrafe fegte er als Auftragskiller die Probleme des Lombards-Clans unter die Erde. Alles wie immer. Nur mit weniger Blut. Und weniger Geld. Aber ansonsten übt er beide Tätigkeiten emotionslos aus. Irgendwie.

Durch und durch noir

Gerissen ist auch Zeltserman, der die Geschichte nicht nur verdammt noir (düster, hoffnungslos, zum Scheitern verurteilt) erzählt, sondern auch die Hauptfigur und den Leser kunstvoll hin- und hergerissen zurücklässt.
March tigert durch die Straßen, mal als Held, mal als verhasster Ex-Knacki, bietet sich dem Leser mal als scheinbar geläuterter alter Mann, dann wieder als skrupelloser Gewaltverbrecher an. Auch der Stil ist ein Reisen zwischen den Zeiten. Rückblicke, die in der Gegenwart (Präsens) geschildert werden, zeigen March als gewissenlosen Auftragskiller, der nur seinen Job macht. Die Geschichte der Gegenwart wird in der kurzen Vergangenheit (Präteritum) erzählt und zeigt March, wie er versucht sein Leben auf die Reihe zu kriegen ohne seine Schattenseiten hinter sich zu lassen. Denn March ist March und die Vergangenheit gehört eben doch dazu.
Sehr gerissen umgesetzt, finde ich.

Wenn man dann noch sieht, wie die Geschichte ausgeht, dann hat die Wahl der Zeitform einen Beigeschmack: hohe Kunst. Und Tiefe. So in der Art: March ist Geschichte von gestern, so gut wie erledigt. Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, sie wirkt bis ins Jetzt.

Das ist Kunst auf hohem Niveau für mich. Und obendrein einfach ein verdammt guter Noir-Thrill mit hohem Unterhaltungswert. Genial gemacht.

Sie sehen, ich bin kein Wahnsinniger. Ich bin kein Psychopath, kein Mörder, der sich seine Opfer willkürlich herausgreift. Ich ziehe kein sadistisches Vergnügen aus meinen Morden und genieße es auch nicht, meine Opfer leiden zu sehen. Aber ich muss töten. Es ist etwas, was tief in meinem Innern eingebettet ist.
Zitat aus dem Buch: „Killer“ von Dave Zeltserman

9 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenReiheninfoWeitere Meinungen
Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

KILLER
Originaltitel: Small Crimes (2008)
Autor: Dave Zeltserman ⇔
Erscheinungsdatum: 19.12.2014
Verlag: Pulp Master ⇔
Seiten: 262
ISBN: 978-3-927734-50-0
Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller
Reiheninfo: Band 3 der „man out of prison“ – Reihe / „Badass Get Out of Jail“ – Reihe

Buchbeschreibung:
Nach vierzehn Jahren Gefängnis wird Leonard March vorzeitig entlassen, weil er bei einem Deal mit dem Staatsanwalt gegen seinen Exboss Salvatore Lombard aussagt. Als die Presse Wind davon bekommt, dass March selbst 28 Auftragsmorde ausgeführt hat, wird die Situation prekär: Verwandte der Opfer bedrohen ihn und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Schergen seines Exbosses Vergeltung üben. Doch bis dahin fügt sich March in sein neues, ödes Dasein als Reinigungskraft, ein alter, einsamer Mann, der auf den Tod wartet. Bis die attraktive Sophie auftaucht, die sich als Ghostwriter für seine Biographie ins Spiel bringt …

„Man out of prison“ – Trilogie bzw. „Badass Get Out of Jail“ – Reihe:

  1. Small Crimes, 2017 bei Pulp Master (2008, Small crimes) → Rezension
  2. Paria, 2013 bei Pulp Master (2009, Pariah) → Rezension
  3. Killer, 2014 bei Pulp Master (2010, Killer) → Rezension

Hinweis: Die einzelnen Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Jeder Band ist in sich abgeschlossen, nur das Thema „Ex-Knacki“ verbindet die Reihe.

Aus den Blogs:

  • crimenoir ⇔ – Als Meisterwerk bezeichnet Peter Huber „Killer“, ist vom Ende fasziniert und von den Schilderungen des Alltags im Buch beeindruckt.

Aus dem Feuilleton:

  • Welt.de ⇔ – Elmar Krekeler hat von „Killer“ jetzt keine Albträume oder schlaflosen Nächte bekommen, sondern eher einen eleganten Noir gelesen.
  • In Deutschlandfunk Kultur ⇔ hat sich Thomas Wörtche zum Buch geäußert: „Die Geschichte ist schön deprimierend“ und „Zeltserman hat den Roman Noir damit grausam ironisiert und mit fröhlich-bösartigem Zynismus ausgestattet.“
  • Krimi-Couch.de ⇔ – Thomas Kürten beschreibt „Killer“ als Charakterstudie, findet den Grundton der Geschichte gut und das Ende furios.

Blogrezensionen zu den einzelnen Bänden der „Badass Gets Out of Jail“ – Reihe:

Dave Zeltserman: Small Crimes

Dave Zeltserman: Small Crimes ©2017 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

  1. […] Killer, 2014 bei Pulp Master (2010, Killer) → Rezension […]

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: