Nach acht Jahren Gefängnis ist Kyle Nevin kein bisschen geläutert. Kaum aus dem Knast schwört er auf Rache. Dabei übersieht er, dass sich in den acht Jahren einiges verändert hat. Während einige seiner alten Kollegen den rechten Weg versuchen zu gehen, sind die anderen zu Ratten, Verrätern, geworden. Oder untergetaucht. Oder tot. Oder so gut wie.


Aus Fehlern lernt man: nichts

Um es auf den Punkt zu bringen: Kyle Nevin ist ein Sackgesicht. Vor acht Jahren hat er das Geld fremder Leute in Red Mahoneys Säcke gefüllt und die Leichen derer, die sich weigerten oder sich in den Weg stellten, in andere Säcke verfrachtet. Meist mit einem Sack Kalk obendrauf.
Kyle kann man nicht mögen. Keine Chance. Der Typ hat nichts aus seinen Fehlern gelernt, im Gegenteil, er will seinen Bruder Danny, der längst mit seiner verbrecherischen Vergangenheit abgeschlossen hat, wieder zurück auf „seinen“ rechten Weg bringen. Weit weg von dieser Tussi mit den flachen Titten, mit der er die Bruchbude von Wohnung und das Leben eines Kriechers teilt.

Doch South Boston ist längst nicht mehr das Southie, das Kyle gekannt hatte, in dem Red Mahony regierte und Kyle seine rechte Hand war. Und die Hand fürs Grobe war. Und all die Leichensäcke.
Trotzdem macht er dort weiter, wo er damals aufgehört hat. Nur mit dem Unterschied, dass er seinen ehemaligen Boss nicht mehr anhimmelt, sondern versucht diese Ratte zu finden, um ein Exempel zu statuieren. Ein Exempel, dass Mahony selbst einst für Ratten vorgegeben hatte. Denn Mahony hatte Kyle ans FBI verraten. So schnell wie möglich will Kyle seinen früheren Status wieder herstellen. Und die dicke Kohle machen, für die er seinen Bruder Danny zurück ins Boot holen möchte.
Doch irgendwie läuft ihm alles aus dem Ruder.

Eine antiheldenhafte Charaktergeschichte

Kyle Nevin. Kyle Nevin. Kyle Nevin. Dieser Name ist der Inbegriff einer unsympathischen Antiheldenfigur. Und gerade deswegen so einprägsam. Kyle Nevin ist nicht nur der Ex-Knacki, der so rein gar nichts gelernt hat, Kyle Nevin ist ein Sack voller böser Gangstertaten. Alkohol, Schlägereien, Erpressungen, Drogen, blaue Pillen, leichte Mobster-Groupies, Nutten. Und vielen Toten. Wie viele? Keine Ahnung, es interessiert ihn nicht.
Kyle ist sofort wieder in seinem düsteren Element und merkt dabei gar nicht, dass er so nach und nach Dannys Leben gleich mit zerstört. Als dann auch noch eine Entführung total in die Hose geht und er wieder einmal von einer Ratte über den Tisch gezogen wird und im Visier des FBIs landet, gibt es kein Halten mehr. Von da an wird einfach alles in Säcke gestopft, Kalk drüber, vergraben und vergessen.
Als Leser entwickelt man eine Art Hassliebe zur Figur. Kyle ist ein so abgrundtief miserabler Typ, den man eigentlich nur verabscheuen kann. Und doch: So viel Pech hat niemand verdient.
Oder doch?

Anm. f. d. Lektorat

Was ich jetzt eventuell unterschlagen habe, ist, dass „Paria“ Kyle Nevin selbst geschrieben hat. Denn in „Paria“ kommen verschiedene Anmerkungen für das Lektorat vor, denn so Gangster sind ja dafür bekannt, die Wahrheit so zu drehen, dass sie am Ende als Helden dastehen. Auch wenn dieses Heldenhafte nur durch Schurkenaugen verstanden werden kann, denn wer glaubt schon daran, dass die Standhaftigkeit des Mannes mittels blauer Pillen zum Heldenruhm beiträgt? Nur solche Kyle-Typen. Und nur das Lektorat erfährt die Wahrheit. Wie auch immer die aussehen mag.

Gegen Ende bekommt aber selbst die Verlagsszene noch einen Denkzettel verpasst. Und die Medienbranche. Und ein paar Ratten. Und überhaupt jeder.

Aber so ist das in Noir-Thrillern. Nichts wird gut und das ist gut so. Tonne auf, Sack zu. Sackgesicht rein. Na, vielleicht ist das doch noch eine Heldentat am Schluss. Lest selbst.

Am meisten beeindruckte mich, dass Dave Zeltserman das tat, was die Klassiker vor ihm getan hatten: Er hielt der amerikanischen Gesellschaft einen dunklen Spiegel vor. Und Paria ist düster. Sehr düster. …
Paria ist so, wie ein zeitgenössischer Noir sein sollte: hart, knapp, zynisch, äußerst pessimistisch und doch mit schwarzem Humor versetzt.
Aus dem Vorwort von Roger Smith in: „Paria“ von Dave Zeltserman

4 von 5 Treffer. Eine düstere Antiheldenstory aus dem Gangstermilieu. Lesenwert!

Bibliografische AngabenReiheninfoWeitere Meinungen
Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

PARIA
Originaltitel: Pariah (2009)
Autor: Dave Zeltserman ⇔
Erscheinungsdatum: 22.01.2013
Verlag: Pulp Master ⇔
Seiten: 368
ISBN: 978-3-927734-47-0
Aus dem Amerikanischen von Angelika Müller
Reiheninfo: Band 2 der „man out of prison“ – Reihe / „Badass Get Out of Jail“ – Reihe

Buchbeschreibung:
Einst war Kyle Nevin Teil des mächtigen Triumvirats, das die irischen Gangster in South Boston anführte, bis Oberboss Red Mahoney ihn ans Messer lieferte und Kyle für acht Jahre weggeschlossen wurde. Frisch entlassen, bleiben ihm vorerst nur ein Platz auf der Couch seines Bruders Danny, der endlose Hunger nach Rache und eine bereits im Knast geplante Lösegelderpressung, die seinen alten Status wiederherstellen soll. Doch als die Entführung wider Erwarten schiefläuft und Kyle ungewollt in die Schlagzeilen gerät, bietet ihm ein großer New Yorker Publikumsverlag, der vom Medienhype profitieren will, einen Megadeal an, dem Kyle kaum widerstehen kann …

„Man out of prison“ – Trilogie bzw. „Badass Get Out of Jail“ – Reihe:

  1. Small Crimes, 2017 bei Pulp Master (2008, Small crimes) → Rezension
  2. Paria, 2013 bei Pulp Master (2009, Pariah) → Rezension
  3. Killer, 2014 bei Pulp Master (2010, Killer) → Rezension

Hinweis: Die einzelnen Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Jeder Band ist in sich abgeschlossen, nur das Thema „Ex-Knacki“ verbindet die Reihe.

Aus den Blogs:

  • Kriminalakte ⇔ – Axel Bussmer sieht in „Paria“ einen Noir-Thriller, der sich mit Satire mixt.
  • Die Hammett-Buchhandlung ⇔ findet „Paria“ nicht nur hart und gut, sondern kurzerhand: grandios.

Aus dem Feuilleton:

  • Jochen König von der Krimi-Couch ⇔ vergibt glatte 92° für „Paria“ und meint: „Paria ist die Hölle zwischen Buchdeckeln. Unterhaltsam, klug und von analytischer Brillanz ohne aufdringlich damit umzugehen.“

Blogrezensionen zu den einzelnen Bänden der „Badass Gets Out of Jail“ – Reihe:

Dave Zeltserman: Small Crimes

Dave Zeltserman: Small Crimes ©2017 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

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