Nach 16 Jahren Gefängnis kommt Ray Boy Calabrese als gebrochener Mann wieder frei. Nichts ist mehr übrig vom einst harten Typen, der einen Jungen in den Tod hetzte. Hate Crime nennt man das. Und Hass ist nun auch das, was ihm blüht.


Am A… der Welt

Wenn es auf der Welt so Orte gibt, an denen nichts Gutes gedeihen kann, dann gehört Gravesend definitiv zu diesen Dreckslöchern dazu. Nicht, weil in Gravesend die Vorgärten an ausgedörrte Müllhalden erinnern, nein, sondern weil auch die Menschen ausdörren, verrotten, keinen Weg aus dem Dreck des Lebens finden.

An diesem Ort wächst Conway auf. Sein Bruder Duncan wurde vor 16 Jahren wegen seiner Homosexualität von Ray Boy Calabrese in den Tod gehetzt. Hate Crime nennt man sowas. Dafür bekam Ray Boy die Höchststrafe. Nun ist er wieder auf freien Fuß, zurück im ausgedörrten Nest von Gravesend. Doch Conway kann nicht vergessen, nicht verzeihen. Er will Ray Boys Tod.

Wenn man sich selbst nicht vergeben kann, …

… wie sollen dann andere einem vergeben? Nicht nur Conway kann Ray Boy nicht vergeben, sondern auch Ray Boy selbst will nur eines: seinen Tod. Deswegen wartet Ray Boy auf Conways Rache, doch nicht jeder kann einfach so zum Mörder werden, auch wenn seine Rachegelüste noch so stark sind.

Als hätten diese zwei Typen nicht genug Dreck mit sich herumzuschleppen, gibt es da auch Ray Boys Neffen: Eugene. Für ihn ist Ray Boy ein Verbrecherkönig, ein Vorbild. Doch seine Vorstellungen von einem knallharten Exknasti, der es, kaum aus dem Knast, der Welt zeigen will, werden bald zerschlagen. Denn vom harten Typ ist bei Ray Boy nichts mehr übrig.
Und so will Eugene seinen Onkel wieder auf den rechten Pfad bringen, in dem er einen Plan verfolgt, der niemals gut enden kann. Wer legt sich schon mit einem Mafiaboss an und glaubt, damit durchzukommen?

Noir, düster, melancholisch

Die Geschichte liest sich wie der Kaffeesatz einer Drecksbrühe. Von Anfang an ist klar, keine der Figuren wird ein Happy End finden. Ray Boy wartet auf seine Ermordung, Conway auf seine Rache, Eugene – so viel ist klar – ist ebenso seinem Untergang geweiht. Und auch alle anderen Figuren sind einfach hoffnungslos an dieses Drecksloch Gravesland gebunden. Väter, die längst ihr Leben aufgegeben haben, verrottend auf Nichts warten, Mütter, die ihre längst erwachsenen Kinder kontrollieren, ohne dabei die Kontrolle zu haben. Heimkehrer, die bald schon merken, dass dieses Heimkommen eine Abwärtsspriale in Gang setzt.

Es ist hoffnungslos. In diesem Gravesend. Jeder Weg führt ins Nirgendwo, in den Abgrund, ins Verderben. Das ist Gravesend. Der Ort der Verzweiflung und Selbstzerstörung. Bis zum bitteren Ende. Und es liest sich so wie es sich anhört: durch und durch hoffnungslos.

»Sie wollen, dass ich dir sage, wie übel es im Knast war. Dass es mir leidtut. Es tut mir leid, Eugene, aber warum sollte ich dir das erzählen. Du bist mein Neffe, ein Blutsverwandter, na und? Was bedeutet so was schon, wenn man tot ist? Du bist mir scheißegal, deine Mutter ist mir scheißegal, meine Eltern, alles. Ich will nur tot sein.«
Aus dem Ebook von „Gravesend“, Pos. 1509, William Boyle

7 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
William Boyle: Gravesend ©2018 Polar Verlag

William Boyle: Gravesend ©2018 Polar Verlag

GRAVESEND
Originaltitel: Gravesend (2013)
Autor: William Boyle →
Erscheinungsdatum: Januar 2018
Verlag: Polar Verlag ⇔
Seiten: 280
ISBN: 978-3-945133-55-2
Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf
Reiheninfo: Einzelband

Buchbeschreibung:
Ray Boy Calabrese wird aus dem Gefängnis entlassen. Während seiner Schulzeit hat er einen Jungen wegen seines Schwulseins gequält, ihn zusammen mit Freunden geschlagen, getreten, sodass Duncan nur die Flucht blieb und er überfahren wurde. Vor Gericht nannten sie es Hate Crime, ein sexistisch moti­viertes Verbrechen. Nun kommt Ray Boy Calabrese aus der Haft frei und will nur noch sterben. Duncans Bruder Conway hat Rache geschworen, lernt schießen und trifft nicht. Er ist neunundzwanzig, arbeitet in einem Rite Aid und wohnt bei seinem Vater Pope. Mit Ray Boys Heimkehr in sein altes Viertel reißen die nur leicht übertünchten Risse in der Familie auf, in der er aufg­wachsen ist. Während sein Neffe Eugene in ihm ein Idol sieht und bitter ent­täuscht ist, dass sein Held zu einem gebrochenen Mann geworden ist.

Aus dem Feuilleton:

  • Marcus Müntefering beschreibt „Gravesend“ in Spiegel Online ⇔ als linksdrehende Rachegeschichte, als einen bizarren Todestanz. Das ist sehr treffend.
  1. Manchmal frage ich mich schon, wieso manche Autoren überhaupt solche Geschichten schreiben müssen, in denen nichts Positives, Fröhliches oder Optimistisches vorkommt. Doch wenn ich Deine Rezension dazu lese, die scheinbar auch nichts beschönigt und knallhart darstellt, was einen bei diesem Buch erwartet – entdecke ich doch eine gewisse Faszination an diesem düsteren Stück Literatur.
    Man muss wohl aber in der passenden Stimmung sein, um es zu ertragen.

    LG Gabi

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    1. Hallo Gabi,
      genau das ist es! Ungeschönt und knallhart wie auch das Leben manchmal so ist. Für manche Menschen gibt es kein HappyEnd, keine Hoffnung, sondern einfach nur einen Haufen Mist. Genau das ist Noir. Sehr speziell, denn diesen Trübsinn muss man als Leser durch viele Seiten verkraften. Solche Bücher ziehen runter, aber genau deswegen mag ich sie. Ist aber sicherlich nicht für jeden Leser und jede Stimmung geeignet ;-). Liebe Grüße dir!

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  2. […] rauhe, dreckige, abgründige Bücher schreiben können, wie Iris es auf dem Blog der Schurken tut, beispielsweise unlängst zu „Gravesend“: „Wenn es auf der Welt so Orte gibt, an denen nichts Gutes gedeihen kann, dann gehört […]

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