Oskar ist tot. Oder tut zumindest so. Bis er selbst ganz überrascht in einem Sarg erwacht und die Fliege macht. Raus aus dem Leichenwagen, rein in den Englischen Garten. Nur wie weiter, wenn man nicht weiß, wer man ist?
Unterhaltsamer Genremix, der vor allem mit einem punkten kann: Überraschungen.


Das Überraschungsei im Krimiregal

Kennt ihr die Kinderüberraschungseier? Diese eiförmige Schokolade, außen braun, innen weiß, mit eiförmiger, gelber Plastikkapsel darin und einer Plastikfigur? Das Ü-Ei, bei dem man nie weiß, was drin steckt?
Das ist Oskar.

Vom Cover und der Buchbeschreibung her klingt es ja es eher etwas bedrückend. Auf dem Cover sieht man düstere Farben, auf dem Tisch liegt ein Mann, ob tot oder lebendig, schwer zu sagen. Auf alle Fälle kreisen schon die Vögel über ihn. Also eher tot.

Eher tot ist Oskar auf den ersten Seiten wirklich. Er liegt nämlich in einem Leichenwagen. In einem Sarg. Neben zwei anderen Särgen und einem Beutel mit Tierkadaver.
Aber so tot ist er nun doch nicht. Denn er befreit sich aus dem Sarg und hat keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Und wie er heißt, weiß er auch nicht. Und überhaupt weiß er in diesem Moment nur eines: Nix wie weg hier.
Da er in diesem Leichenwagen als „Person ohne Identität“ zum Krematorium reist, schnappt er sich die Personalien seines toten Nachbarn und stürzt sich mit einer blaurosen – mit Delphinen bedruckten – Boxershorts in den Englischen Garten von München.

Ihr seht schon. Es wandelt sich. Von bedrückter Totenstimmung zu einer Art Slapstick-Komödie.

Nächste Schicht.

Andere lebten mit fremden Organen oder sogar Gesichtern, ich mit der bürgerlichen Hülle eines Toten. Das größte Geschenk, das mir Leo gemacht hatte, war sein Personalausweis.
Zitat aus dem Ebook, Pos. 442

Von Unbekannt zu Leo zu Oskar

Der Mann ohne Gedächtnis, denn noch heißt er nicht Oskar, sondern nennt sich Leo Perl, wie der Name im geklauten Ausweis lautet, hat auch ein bisschen Glück. Er kann ein bisschen musizieren, er kann ganz gut kochen. Mit diesen Talenten hält er sich erst einmal über Wasser und freundet sich mit einem Kioskbesitzer an. Wasser kommt überhaupt noch öfter vor. In mehreren Variationen, kein Wunder, denn Oskar steht das Wasser bald bis zum Hals. Aber es geht ja um Ü-Eier.

Also weiter mit dem Inhalt. Sein Unwissen bereitet ihm mehr Probleme, als er bis hierher weiß. Denn nicht nur, dass er nicht weiß, wer er ist, er hat auch keine Ahnung, wessen Identität er mit Leo Perl angenommen hat. Denn hinter ihm ist die Mafia her. Blöd gelaufen, das dürfte auch Oskar überraschen.

Nächste Schicht. So langsam kommen wir zum Kern. Oder zur Ü-Figur.

Die Ü-Figur

Jetzt könnte man meinen, das Schicksal hätte Oskar schon genug aufgebürdet mit all seinem Unwissen. Und der Mafia im Schlepptau. Aber nein. In seinem Kopf sitzen zwei Mitbewohner. Zwei Stimmen. Die reden ständig mit ihm, sind manchmal auch hilfreich und irgendwie ahnt Oskar, dass sie was mit seiner Vergangenheit zu tun haben. Die eine Stimme ist ja noch ganz erträglich, die andere, nun ja, etwas frech und forsch. Zu wem sie gehören, weiß er nicht. Noch nicht.

Die Vergangenheit wird jetzt ernst. Denn irgendwann kriechen Erinnerungen ja doch hoch. So viel Nichtbeachtung wollen sie dann doch nicht. Und die führen Oskar nach Italien, genauer gesagt nach Südtirol und haben irgendetwas mit den Befreiungsaktivitäten der 50er und 60er Jahre zu tun. Und mit der Mafia. Die ist ja auch noch da. Alles trifft sich wieder. Man erntet, was man sät. Oder in Ü-Eier packt. Muss ja irgendwann wieder raus.

Überraschung! Es wird auch philosophisch!

Wer jetzt aber denkt, man hätte mit „Oskar“ so eine urkomische Krimikomödie in Händen, der irrt auch. Ein bisschen. Ja, Oskar ist schon zum Schmunzeln. Eine komische Tragödie oder so was. Eine Figur, die ständig über ihr Schicksal stolpert. Und das Schicksal ist hier wirklich schurkenhaft. Könnte aus dem Ü-Eier-Unterschlupf stammen.
Aber „Oskar“ kann auch philosophisch. Zwischendurch. Irgendwie. Die Geschichte kommt nämlich immer wieder an ihren Ursprung zurück. Oskar verlässt den Englischen Garten und landet dann viel später doch wieder genau dort. Oskar glaubt zu wissen, wer er wirklich ist. Und muss dann doch wieder von vorne anfangen.
Es scheint, als wäre das Ganze ein Spiel eines bösen, gelangweilten Universums, das sich Oskar zu Unterhaltungszwecken ausgesucht hat. Und dieses Universum ist wirklich ein gehässiges Ding, dem allerhand Schabernack einfällt. Oskar muss es ausbaden. Aber wie gesagt: mit Wasser kennt er sich aus. Mittlerweile.

Wir drehen uns im Kreis, alles auf dieser Welt passiert so lange und so oft, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben. Bis dahin bleibt alles beim Alten, und wir finden es genau so vor, wie wir es zurückgelassen haben. 1450

Und doch wird es auch ernst. Nachdenklich. Manchmal tödlich. Und manchmal werden auch ganz normale Leute von nebenan zu Mördern. Sofern die Toten wirklich tot sind. Denn wenn man eines aus dem Buch lernt, dann: „Leben bedeutet sterben lernen.“

Unterhaltsamer Genremix

Was ist nun Oskar? Ein Scheintoter, ja. Und so ist auch das Genre. Nicht festzuhalten, es scheint auf mehrere Genres und verpackt dies in einem Gesamtpaket als Ü-Krimi. Also lasst euch überraschen!

Alles im Leben hat einen Sinn, es kommt nur darauf an, aus welcher Perspektive man die Angelegenheit betrachtet.
Aus dem Ebook, Pos. 161

5 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Max Bronski: Oskar ©DroemerKnaur 2017

Max Bronski: Oskar ©DroemerKnaur 2017

OSKAR
Autor: Max Bronski →
Erscheinungsdatum: 01.12.2017
Verlag: Droemer Knaur Verlag ⇔
Seiten: 304
ISBN: 978-3-426-30610-9
Aus dem Deutschen
Reiheninfo: Einzelband

Buchbeschreibung:
Ein außergewöhnlicher Kriminalroman über einen scheinbar toten Mann ohne Gedächtnis auf der Suche nach sich selbst
Ein Leichenwagen mit drei Särgen fährt durch München. Ziel: das Krematorium. Die Papiere der Toten sind alle gefälscht; offensichtlich geht es darum, Leichen illegal verschwinden zu lassen. Der scheintote Oskar erwacht auf der Fahrt plötzlich zum Leben und befreit sich aus der klapprigen Totenkiste. Auf der klebt ein Zettel, der den vermeintlich Verstorbenen als „Person ohne Identität“ ausweist . Und in der Tat, Oskar hat nicht die leiseste Ahnung, wer er ist, wo er herkommt und wie er in diese missliche Lage geraten ist. An der nächsten Ampel ergreift er vorsorglich die Flucht und findet sich, nur mit Boxershorts bekleidet, im Englischen Garten wieder. Zum Glück ist es Sommer, und es herrscht buntes Treiben. Aber wie weiter? Ein abenteuerlicher Selbstfindungstrip nimmt seinen Lauf…

Aus den Blogs:

  • Ingeborg Sperl vom Krimiblog ⇔ sieht Oskar allerdings „sehr bemüht und letztlich nicht überzeugend“ und rät dem Leser eher zu „Mad Dog Boogie“ von Max Bronski.

Aus dem Feuilleton:

  • Elmar Krekeler sieht bei Welt.de ⇔ in Oskar „ein feines, versponnenes Spiel“, das „sich unter Genregrenzen hindurchgräbt“.
  • WDR 2 ⇔ meint: „Was beginnt, wie eine schräge Gangster-Komödie, lässt sich kaum einem Genre zuordnen. Man liegt damit immer falsch. “ Diese Einschätzung teile ich auch.
  • Das Hamburger Abendblatt ⇔ geht noch einen Schritt weiter und lobt Oskar als richtiges Knallerbuch. „Nicht wirklich tragisch, aber mörderisch komisch“.
  1. Definitiv hast du mich neugierig gemacht! Klingt nach ein wenig von allem – sowas mag ich ja besonders – etwas nicht in eine Schublade packen zu können!

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    1. Wenn du „von allen etwas“ gerne hast, dann ist es definitiv was für dich. Und obendrein sehr unterhaltsam. Freut mich!

      Antworten

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