Auch im Hinterland gibt es tote Mädchen. Das muss der „Gefrierdosen-Papa“ und Ermittler Kari Sorjonen kurz nach seiner Ankunft feststellen. Der etwas kauzig wirkende Ermittler hat nicht nur Schwierigkeiten mit Toten, sondern auch mit dem neuen Team und seiner stichelnden Tochter. Entschleunigung fehlgeschlagen. Zum Glück für Leser, die einen Krimi für zwischendurch suchen.


„Ich mag keine Toten.“

Kari Sorjonen arbeitet für die Kripo in Helsinki. Noch. Der Mann, der keine Toten mag und auch mit den Lebenden so seine Probleme hat, lässt sich ins Hinterland versetzen, um mehr Zeit für seine Familie zu haben.
Doch das Schicksal ist hässlich. Zu ihm. Es nimmt die Toten mit in die Wälder von Karelien, an der finnischen Grenze zu Russland. Denn kurz nach seiner Ankunft gibt es eine Leiche. Und einen neuen Fall für Kari.

Die etwas kauzig und manchmal auf mitmenschlicher Ebene unbeholfene Ermittlerfigur ist ein Pluspunkt für den Krimi. Seine Tochter Janina reibt Kari gerne und zu jeder Gelegenheit sein mitmenschliches Defizit unter die Nase. Der Gefrierdosen-Papa ist sehr bemüht, an seiner Kommunikation zu arbeiten. Doch manche habens einfach nicht drauf.

Die Puppen

Neben Kari’s Perspektive gibt es auch die von Katia. Katia und ihre Freundin werden von Russland nach Finnland chauffiert, betäubt, und wieder zurück eskortiert. Doch dann geht etwas schief. Es gibt eine Tote.
Katia’s Mutter arbeitet für das FSB, dem russischen Geheimdienst. Als Katia verschwindet, sucht ihre Mutter nach ihr und trifft auf Kari.
Und hier merkt der Leser, dass Kari wirklich nur unbeholfen im Umgang mit Menschen ist. Zwischenmenschliche Empathie kann Kari einfach nicht zeigen. Und das macht ihn menschlich.
Auch die Handlanger des Puppenmeisters werden gezeigt. Alles Figuren von nebenan und dadurch weder überspitzt noch unglaubwürdig.

Der Fall selbst lässt Menschenhandel vermuten, die Spuren führen in politische Kreise, so dass hier einige Schwierigkeiten bei der Aufklärung anstehen.
Und doch ist er einfach gehalten, schlüssig, gut zu lesen, aber dennoch überschaubar.

Jeder kennt jeden

Der Typ aus Helsinki, der keine Toten mag, Kari, muss sich in seiner neuen Umgebung erst einfügen. Denn in Lappeenranta kennt jeder jeden. Was das für die Ermittlung bedeutet, lernt er in der Praxis. Von Maulwürfen mal ganz abgesehen. Voreingenommenheit vorprogrammiert.
Diese Ermittlungsarbeiten im Hinterland sind halt ganz anders als in der Großstadt.

Unterhaltsam, kurzweilig

J. M. Ilves sind eigentlich zwei Autoren, die sich hinter dem Pseudonym verbergen. Und sie haben hier wirklich einen unterhaltsamen, gut zu lesenden, kurzweiligen Krimi vorgelegt, der sich perfekt für stressige Tage zur Entspannung eignet. Einfach gehalten, aber doch mit interessanten, kleinen Aspekten wie eben Kari, der als Ermittler den Anblick von Leichen nicht erträgt und mit zwischenmenschlicher Kommunikation sehr tollpatschig wirkt.
Dazu eine Gegend, die wegen der Grenznähe zu Russland viele Fälle vorprogrammiert hat.
Und einen Fall, der nicht dem Schema F des Menschenhandels folgt, sondern auch hier von der Norm abweicht, in dem er besonders die Figuren nicht übertreibt.

J. M. Ilves kann man im Auge behalten. Für Zwischendurch ein Lesetipp!

6 von 10 Treffer

Bibliografische Angaben
J. M. Ilves: Bordertown ©2017 Suhrkamp

J. M. Ilves: Bordertown ©2017 Suhrkamp

DER PUPPENSPIELER
Originaltitel: Sorjonen – Nukkekoti (2016)
Autor: J. M. Ilves ⇔
Erscheinungsdatum: 13.11.2017
Verlag: Suhrkamp Verlag ⇔
Seiten: 302
ISBN: 978-3-518-46820-3
Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen
Reiheninfo: Band 1 der „Sorjonen“ – Reihe

Buchbeschreibung:
»Ich mag keine Toten.« Kommissar Sorjonen – ein brillanter Ermittler, der jedoch nicht nur mit den Toten, sondern auch mit den Lebenden so seine Schwierigkeiten hat – lässt sich ins beschauliche Lappeenranta an der russischen Grenze versetzen. Mehr Zeit für seine Familie, hofft er, und weniger Morde, die sich von Mal zu Mal tiefer in ihn einbrennen. Doch schon kurz nach seiner Ankunft wird ein russisches Mädchen leblos aufgefunden; wie eine Puppe liegt sie da, nackt und bleich. Und für Sorjonen ist schnell klar: Wo sie herkommt, sind noch weitere in Gefahr.
Gerade erst hat er seine neuen Kollegen kennengelernt, schon starrt Sorjonen am idyllisch gelegenen Saimaa-See auf ein totes Mädchen, das ans Ufer gespült wurde. Die Todesursache: eine Überdosis Betäubungsmittel. Was zunächst nach einem Unfall aussieht, wird zu einem Fall, der weitere Tote bringt und immer größere Kreise zieht. Die Spuren deuten auf einen Verbrecherring, der Handel mit Nacktfotos von betäubten Mädchen, sogenannten »Puppen«, betreibt. Doch auf der Suche nach den Hintermännern versinkt Sorjonen immer tiefer im Kleinstadtsumpf aus Korruption und Klüngelei. Und dann taucht auch noch eine russische FSB-Agentin auf – auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter …

  1. Liebäugle schon länger mit dem Buch und habe null Eindrücke dazu gefunden. Und dann kam eine und die ließ mich zweifeln, da es hieß die Thematik würde zu romantisiert dargestellt worden sein.
    Nun freue ich mic über deine Eindrücke, Buch bleibt auf der Wunschliste!

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    1. Ich habe auch keine Eindrücke zu Bordertown gefunden. Sehr schade, denn ich denke, hier werden die Meinungen sehr auseinandergehen.
      Für mich ist es sicherlich nicht der beste Krimi, den ich gelesen habe. Aber er hat was. Er ist anders (harter Menschenhandel kombiniert mit weniger harten Jungs; oder auch Sorjonen, der einen harten Job macht, aber mitmenschliche Defizite hat und keine Toten sehen kann – mehr verrate ich jetzt nicht ;-), aber hier waren es tatsächlich diese Widersprüche, die es für mich interessant gemacht haben) und das macht ihn dann doch wieder besonders. Ich werde auf alle Fälle die Reihe beobachten.
      Romantisiert würde ich es nicht bezeichnen, eher ambivalent. Und menschlich.
      Hoffe, das Buch kommt von deiner Wunschliste auf die Lesecouch. Denn Meinungen zu diesem Krimi würden mich brennend interessieren. 🙂 Schönes Wochenende dir!

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      1. Na das klingt doch alles mehr als interessant – ich finde auch nicht das ein Buch immer DAS BESTE BUCH seiner Geschichte, seines Genres, sein muss – dem Anspruch würden viele nicht gerecht werden (können). Die Umsetzung ist das A und O für mich – auch Bücher mit Schwächen können mich packen. Aber das ist eh immer mein Prob – bin ich eine sehr kritische Leserin oder sehe ich über Schwächen hinweg? Mal so mal so, womit ein Buch bei einem re-read ganz unterschiedlich abschneiden könnte 😉

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        1. Das mit der unterschiedlichen Bewertung bei Re-Reads klappt hier aber auch. Wenn ich nach Jahren ein Buch noch einmal lese, kann es gerne passieren, dass ich es ganz anders bewerten würde.
          Ich denke, das ist normal. In der Zwischenzeit hat man viele andere Bücher gelesen, kann mehr vergleichen, …. dann ist klar, dass manchmal eine Bewertung etwas von der alten abweicht.

          Die ein schönes Wochenende!

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  2. Mir hatte das Buch in der Vorschau lediglich vom Cover her zugesagt. Inhaltlich wollte es mich nicht überzeugen und deine Kritik sagt mir auch, dass ich erst mal entspannt die Finger davon lassen kann 😉

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    1. Bei mir wird es sich wohl beim zweiten Band entscheiden, ob ich die Reihe weiterverfolgen werde oder nicht. Das erste hat mich etwas zwiegespalten zurückgelassen, einerseits interessant, aber eben kein Knaller. Mal sehen…

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      1. Na dann, bin ich ja erst recht auf deine nächste Meinung gespannt 😉

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  3. […] H – Hör ein Hörbuch Ich hasse Hörbücher. Dieses Geschnatter im Hintergrund. Geht bei einem Ohr rein, beim anderen raus. Und letztlich habe ich nix von dem mitbekommen, was gesagt wurde. Ich mache euch ein Angebot, das ihr nicht ablehnen könnt (Wenn ihr nicht wisst, was das bedeutet, dann lest endlich eine Mafiageschichte! Das ist lebenswichtig!). Ich leihe das Hörbuch aus, stelle es auf stumm, lese dabei das Buch – und wir sind quitt. Ich mag Sorjonen schon jetzt, denn er mag auch nicht alles. „Ich mag keine Toten“, sagt er. Dabei hat er nicht nur mit Toten so seine Schwierigkeiten, sondern auch mit den Lebenden. Scheint so ein Eigenbrötler in Lappeenranta an der russischen Grenze zu sein. Sympathisch, oder? Da schauen wir doch mal glatt rein (und wer weiß, vielleicht gibt es dort keinen Strom und somit wärt ihr mit Printbuch besser bedient;-) ): BORDERTOWN- DER PUPPENMEISTER – J. M. ILVES → […]

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