In Fayetteville läuft alles ein bisschen gelassener. Trotz Russenmafia, bei der eingebrochen und gestohlen wurde. Sheriff Wing will den Einbrecher nämlich gar nicht einsperren, sondern ihn vor den Russen schützen. Das auf gemächliche Weise, denn manchmal reicht es aus, Ruhe zu bewahren und zu beobachten.


„Er sagt, es muss leicht sein, Sheriff von siebzehn Gemeinden ohne Einwohner zu sein. Und wenn es irgendwelche Einwohner gäbe und sie würden gegen das Gesetz verstoßen, dann würden Sie sie nicht einsperren, denn das ist eben Ihre Arbeitsweise. …“
Zitat aus dem Buch, S. 171

Sheriff sein ist eine sanfte Tour durch die Provinz

So ein Job als Sheriff würde mir auch gefallen. Klingt ja ganz chillig, anstatt zu frühstücken mit einem Pick-Up durch die Provinz zu gondeln. Ist ja mehr so, „als wäre man Rausschmeißer beim Wohltätigkeitsball: Wenn alles normal läuft, hat man nicht viel zu tun.“ Wenn all das Stillhalten doch nicht funktioniert, dann kann man immer noch den Eindruck vermitteln, „man wäre ein bisschen unterbelichteter, als man in Wirklichkeit ist. Dann redet man nicht, sondern hält den Mund, hört zu und beobachtet.
Klingt ja nicht noch so schwer.

Beim Sheriffsein geht es nicht darum, allen Leuten zu beweisen, dass man der Schlaueste im Raum ist. Man hat einen Job zu erledigen, und manchmal erledigt man ihn besser, wenn man den Eindruck vermittelt, man wäre ein bisschen unterbelichteter, als man in Wirklichkeit ist. Dann redet man nicht, sondern hält den Mund, hört zu und beobachtet. …
Zitat aus dem Buch, S. 69

Entspannung trotz Russenmafia

In Fayetteville, Vermont, gibt es derartige halbgare Hinterwäldlerbullen. Bis auf einen übereifrigen Deputy herrscht dort trotz dieser Russensache im Ort Gelassenheit.
Dass der Sheriff Lucian Wing keine Waffe trägt ist eh klar. Wozu auch. Verbrecher sperrt er nicht ein, er beobachtet, wartet ab.
So läuft das hier. Selbst als ein nackter, gefesselter Russe auftaucht, bringt das den Sheriff nicht aus der Fassung. Eigentlich ahnt er längst, wer hier die Hände im Spiel hat, und der ist mehr bemitleidenswert als einsperrenswert. Zumindest wenn es nach dem Sheriff geht.

Einer jagt, während die anderen umhercruisen

Nur ein Deputy sieht das ganz anders. Er trägt immer eine Uniform, ist immer bewaffnet, und immer in Bereitschaft. Und er jagt den Verdächtigen. Ist ihm auf den Fersen. Und so gar nicht einverstanden mit der Vorgehensweise des Sheriffs.
Schnitt.
Bei Sheriff Wing läuft das weiterhin ganz anders. Mit seinem Pick-Up fährt er zum Russenhaus, aus dem ein Safe gestohlen wurde. Er sucht nach Sean, doch nicht um ihn festzunehmen, sondern um ihn vor den Russen zu schützen. Denn Wing ist sich sicher, Sean hat den Safe. Auch wenn Sean glaubt, die „Scheißitaker“ seien hinter ihm her.
So läuft das nämlich hier in der Provinz. Ein Tümpel voller Fische, manche jagen, andere verstecken sich, die meisten schwimmen aber nur umher.

Fast ein bisschen Urlaub

Jetzt könnte man ja meinen: Mann, ist das langweilig. Ein Sheriff, der fast nix tut, außer mit den Leuten zu reden. Ein nackter Russe sieht jetzt auch nicht so gefährlich aus, als wenn er mit einer Kalaschnikow auf dich zielen würde. Und Sean, tja, so überbelichtet wirkt er ja nicht, wenn er Russen als „Scheißitaker“ bezeichnet.
Aber falsch. Ganz falsch.
Ja, das Buch ist ein bisschen wie Urlaub. Urlaub in einem Tümpel voller Fische, von denen die meisten einfach nur schwimmen. Aber so Fische sind halt doch faszinierend, warum sonst packen wir sie hinter Gläser und stellen sie mitten ins Wohnzimmer?
Genauso ist dieses Buch. Wie ein Aquarium. Man sieht gerne hin, kommt runter, und freut sich dann, wenn unerwartet doch ein Fisch, anstatt nur umherzuschwimmen, zubeißt. Nix passiert, denn Fische haben ja selten richtige Zähne. Aber sie zaubern schöne Bilder. Und das tut dieser Provinzkrimi mit trockenem Humor auch.

„… Das Sheriffbüro ist was anderes als die Kaserne. Wie soll ich es vergleichen? Bei dem einen angelt man mit der Angelrute, bei dem anderen zieht man sich aus, springt in den Teich, schwimmt den ganzen Tag mit den Fischen herum und fängt ab und zu vielleicht mal einen mit der Hand.“
„Und was davon ist was?“
„Beim Sheriff schwimmen Sie mit den Fischen herum“, …
Zitat aus dem Buch, S. 47

4 von 5 Treffer. Ein Roman wie ein Urlaub.

Bibliografische AngabenReiheninfoWeitere Meinungen
Castle Freeman: Auf die sanfte Tour, ©2017 Nagel & Kimche

Castle Freeman: Auf die sanfte Tour, ©2017 Nagel & Kimche

AUF DIE SANFTE TOUR
Originaltitel: All that I have
Autor: Castle Freeman →
Erscheinungsdatum: 30.01.2017
Verlag: Nagel & Kimche Verlag ⇔
Seiten: 192
ISBN: 978-3-312-01014-1
Aus dem Englischen → von Dirk van Gunsteren →
Reiheninfo: Band 1 der Sheriff-Wing-Reihe →

Buchbeschreibung:
Aus einer abgelegenen Villa in Vermont, USA, wird ein Safe gestohlen, der dummerweise der Russenmafia gehört. Sheriff Wing will das Verbrechen aufklären, bevor die Russen den Dieb erwischen. Das bedeutet eine harte Probe für seine oberste Regel: Im Wettlauf gegen die Zeit ist die wichtigste Fähigkeit Geduld. Deputy Keen, der an Wings Stelle Sheriff werden will, sieht das völlig anders und verspricht, hart durchzugreifen. Erneut zeigt sich Castle Freeman als Meister des Dialogs, des trockenen Humors und der Inszenierung knorriger Provinzcharaktere. In seinem neuen Thriller verbindet er Spannung mit Menschenkenntnis und überzeugender Lebensklugheit.

„Sheriff Wing“ – Reihe:

  1. Auf die sanfte Tour, 2017 im Nagel & Kimche Verlag
  2. Der Klügere lädt nach, 2018 im Nagel & Kimche Verlag

Hinweis: Die einzelnen Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Jeder „Fall“ ist in sich abgeschlossen.

Aus den Blogs:

  • Die Buchbloggerin ⇔ ist ganz begeistert von den Details und dem knochentrockenem Humor. Sie fühlte sich bei der Lektüre bestens unterhalten.

Aus dem Feuilleton:

  • „Überzeugend lässig und irgendwie weise“ findet Udo Feist das Buch beim WDR ⇔.
  • Fazit von Hans Jörg Wangner bei der Stuttgarter Zeitung ⇔: „Wer das nicht komisch findet (und auch nicht den feinen Ton, den der Übersetzer Dirk von Gunsteren anschlägt), der soll halt in Gottes Namen was anderes lesen. Selber schuld.“
  1. Ich habe im letzten Jahr von Castel Freeman „Männer mit Erfahrung“ gelesen. Setting und Story mochte ich sehr sehr gern, auch die Figuren hatten was, aber die Dialoge zwischen den alten Herren waren teilweise derart nervtötend sinnloses Palaver, dass ich schier verzweifelt bin. Die Sheriff-Romane wollte ich dennoch gerne lesen, werde hier aber bis zu den Taschenbuchausgaben warten, das reicht dann doch für entspanntes Fischebeobachten. 😉

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    1. Den ersten Teil habe ich mir gerade nachbestellt, den dritten lese ich gerade. Bin gespannt, ob sich die Dialoge vom zweiten zum ersten Band unterscheiden, denn im zweiten fand ich sie ziemlich gut und eher zurückhaltend als nervtötend.
      Wäre ich nicht immer so ungeduldig, hätte ich wohl auch auf die TB-Ausgaben gewartet ;-). Jetzt musste ich mir natürlich den ersten auch als HC kaufen, damit der zu den anderen dazu passt. 🙂

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      1. Ah, ich wusste gar nicht, dass alle drei Bücher zu einer Reihe gehören. Ich dachte, nur die beiden jüngeren hängen lose zusammen?!

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        1. Stimmt! Da ist mir ein Fehler unterlaufen. Lucian und Lillian sind zwei unterschiedliche Typen. Danke! Bessere ich sofort aus!

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          1. Kein Problem, ich war jetzt selbst verunsichert, manchmal ist das ja auch sehr undurchschaubar.

  2. […] Auf die sanfte Tour, 2017 im Nagel & Kimche Verlag […]

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