Eine Tiefgarage, zwei Wachmänner und ganz viel Nichts. Daraus entwickelt Peter Terrin einen Roman, der Klaustrophobie und Paranoia auf den Leser überträgt. Denn Isolation und die Durchbrechung von Gewohnheiten führen zu Wahnsinn. Achtung, Ansteckungsgefahr!


Koller vorprogrammiert

In Klagenfurt gibt es eine Tiefgarage beim Gericht, die schon beim Betreten Beklemmungsgefühle hervorruft. Diese unterirdische Parkmöglichkeit ist eng, schlecht beleuchtet, mit vielen dunklen Ecken.
Wenn ich mir vorstelle, dort leben zu müssen, dann bekomme ich schon beim Gedanken daran einen Koller.

Genau das müssen aber die Wachmänner Michel und Harry. Sie leben unterirdisch. Abgeschnitten von der Aussenwelt.

Unterbrochene Gewohnheit

Alles ist Gewohnheit für Michel und Harry. Sie bewachen eine Tiefgarage einer Luxuswohnanlage. Jeder Tag läuft gleich ab, ihre Stunden sind unterteilt in bewachen und patrouillieren, schlafen, essen. Und auf die Vorratslieferung der Organisation warten, denn verlassen können sie ihren Wohn- und Arbeitsplatz nicht. Nie.
Michel weiß, wie viele Schritte es zum Fahrstuhl sind, und durch einen Schlitz im Garagentor weiß er, wie es draußen riecht. Aber mehr von draußen weiß er nicht. Wenn er durch diesen Schlitz blickt, sieht er nur die Äste eines Baumes. Ob dort noch Menschen durch die Straßen laufen, … er hat keine Ahnung.
Eines Tages wird diese Gewohnheit unterbrochen. Die Bewohner verlassen alle an einem Tag das Gebäude. Ihre Angestellten wenig später. Nur ein Bewohner bleibt zurück und Michel und Harry haben keine Ahnung, ob draußen eine nukleare Katastrophe, ein Atomangriff oder sonst was Schlimmes passiert ist. Vielleicht wurde die Stadt evakuiert, vielleicht sind alle gestorben. Sie bleiben zurück in ihrer dunklen Unterwelt. Unwissend. Wie der Leser auch.

Beklemmend liest sich die erste Buchhälfte. Das Leben in der Tiefgarage führt den Leser in eine andere Welt, die er – wie auch die Wachleute – nicht begreifen kann. Die Unwissenheit verstärkt noch den dunklen Alltag. Auch auf der Lesecouch.

Der dritte Wachmann

Isolation führt ja bekanntlich zu Paranoia. Nicht umsonst wird Isolation bei Strafgefangenen als eine der härtesten Strafen angesehen, als Folter. Peter Terrin zeigt, dass Gewohnheit stärker ist als Isolation allein. Wird die Gewohnheit unterbrochen, läuft alles aus dem Ruder.
So auch bei Michel und Harry, die ihren Posten in der Dunkelheit sehr gut meistern. Bis eben diese Gewohnheit unterbrochen wird.
Das Verlassen der Bewohner erzeugt eine erste Unruhe. Dann kommt auch noch ein dritter Wachmann hinzu und die Lage in der Tiefgarage eskaliert. Paranoia breitet sich aus, der Wahnsinn greift um sich.
Der Leser bleibt davon nicht verschont. Denn am Ende bleibt selbst für den Leser der Wahnsinn unbegreiflich und man fragt sich: Wie konnte das passieren? Wie konnte das derart aus dem Ruder laufen?

Was war das?

Diese Frage stellt man sich am Ende. Der Wahnsinn ist fühlbar, gegenwärtig. Als Leser versucht man zu sortieren, denn dieser Mix aus vielen Genres ist trotz der Schlichtheit des Settings, der Figuren, ganz schön anstrengend. Zumindest in der zweiten Buchhälfte.
Wahnsinn zu begreifen, ist schwierig. Kritisch beäugt man das Gelesene, die Folgen, wenn Menschen unkritisch Befehle ausführen, nichts hinterfragen, sondern einfach agieren. Aber all das begreift man erst, wenn es zu spät ist. Am Ende.
Die Stärke des Buches ist sicherlich die Atmosphäre, die sich auf den Leser überträgt. Anfangs ruhig, weil von der Außenwelt abgeschnitten, aber auch beengend durch das Setting dieser Tiefgarage. Trotzdem verströmt die Macht der Gewohnheit kein Unbehagen, eher so ein Gefühl des Befremdlichen.
Gerade als sich die Geschichte etwas zu ziehen anfängt, entwickelt sich eine Spriale des Wahnsinns, indem die Gewohnheit unterbrochen wird. Und der Wahnsinn überträgt sich. Auch auf den Leser. Das muss man mögen.

5 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Peter Terrin: Der Wachmann ©2018 Liebeskind

Peter Terrin: Der Wachmann ©2018 Liebeskind

DER WACHMANN
Originaltitel: De bewaker
Autor: Peter Terrin →
Erscheinungsdatum: 19.02.2018
Verlag: Liebeskind Verlag ⇔
Seiten: 256
ISBN: 978-3-95438-085-5
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

Buchbeschreibung:
Michel und Harry sind Wachmänner in einem Wohnblock mit Luxusappartements. Ihren Dienst verrichten sie in der Tiefgarage des Gebäudes, von dort kontrollieren sie den Zugang zum Haus. Draußen muss sich etwas Schlimmes zugetragen haben, eine nukleare Katastrophe vielleicht oder ein Krieg. Nach und nach verlassen die Bewohner den Block, aber Michel und Harry halten mit eiserner Disziplin die Stellung. Bestimmt wird ihnen von der Organisation, für die sie tätig sind, bald ein wichtigeres Objekt anvertraut. Doch als ein dritter Wachmann in der Tiefgarage auftaucht, eskaliert die Situation. Ist er von der Organisation geschickt worden, um die beiden zu überprüfen? Oder hat er es auf den letzten Bewohner abgesehen, der das Gebäude augenscheinlich nie verlassen hat? Michel und Harry geraten in eine Spirale aus Wahnsinn und tödlicher Gewalt …

Fundstücke:

  • Christian Endres meint in „Die Zukunft“ ⇔, dass 250 Seiten für diesen „Tiefgaragenkoller“ einfach zu viel sind.

Blogrezensionen zu den einzelnen Bänden der „“ – Reihe:

Dave Zeltserman: Small Crimes

Dave Zeltserman: Small Crimes ©2017 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Paria ©2013 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

Dave Zeltserman: Killer ©2014 PulpMaster

  1. Wirklich schade, dass es bei dir nur zu einer durchschnittlichen Wertung gereicht hat, ich hatte schon gehofft dass das Buch dich mehr überzeugen kann.

    Mich reizt es wegen des Settings aber irgendwie immer noch, außerdem bin ich jetzt total neugierig, was es mit der Welt in diesem Roman auf sich hat 😀

    Übrigens erinnert mich das Szenario der Geschichte irgendwie an den Film „10 Cloverfield Lane“, auch wenn ich diesen selbst noch nicht gesehen habe 😀

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    1. Also ich hoffe ja, du liest es. Wäre sehr, sehr neugierig darauf, wie das Buch bei dir abschneidet. Das Setting fand ich aber gut, dieses beengte Garagenleben… puh.

      Was Filme anbelangt, da bin ich der volle Banause und kann leider nix vergleichen. 🙂

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  2. Ich sehe deine Wertung gar nicht, denn deine Eindrücke machen mich verdammt neugierig auf das Buch und es wandert mal direkt nach weit oben auf meiner Wunschliste! Aber irgendwie erinnert mich das Buch, sowie auch Sebastian, an einen Film – wobei ich beim besten Wille auf den Titel nicht komme. Egal, das Buch will ich lesen: Spirale des Wahnsinns – hallo? Haben-Lesen-Muss ;D

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    1. Durchschnittliche Wertung (5 von 10 Treffer – unter dem Rezensionstext). Bin ja gespannt, ob dir der Wahnsinn besser steht als mir :-). Freue mich, wenn du es besprechen würdest! (Finde sowieso, das wäre ein gutes Buch für eine Leserunde.)

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      1. Mir steht der Wahnsinn immer gut 😀 Definitiv weit oben auf der Lesen-Haben-Will-Liste hihi

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  3. Ich habe das Buch ja auch auf meiner Leseliste stehen, Liebeskind eben, natürlich. 🙂 Ich bin wirklich neugierig darauf, auch wenn mich in deiner Besprechung tatsächlich eine Stelle so ein bisschen unruhig werden lässt, denn wenn es diesen Bruch in der Gewohnheit gibt und ein Großteil der Bewohner das Haus verlässt, warum kommuniziert das Warum niemand an die Wachmänner? Ist das wahrscheinlich? Gibt das die Romanhandlung her, dass man das als schlüssig hinnimmt? Ich bin gespannt, ich werde das ja beim Lesen dann selbst herausfinden. Mal gucken! Ich melde mich dann mal, wenn ich es am Wickel habe! 🙂

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