Hinter Bier, Joints, Dünen und Serverhallen versteckt sich ein Zukunftsroman, bei dem so ziemlich alles beim Alten geblieben ist. Nur das Internet, das gibt es nicht mehr. Ein Verriss.


Bier und Joints

Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe kein Bier im Haus und auch keine Joints. Warum das für das Lesen des Buches wichtig ist, gleich mehr davon.

Drehen wir die Zeit mal ein paar Jahre voraus. So 20, 30 Jahre, das reicht. Viel hat sich nicht verändert. Es gibt noch immer Sechserpack Heineken, Wodka, Zigaretten und selbst den Diesel hat nichts verdrängt.
Nur das Internet, das gibt es nicht mehr. Das ist sprichwörtlich tabu.
Kein Wunder also, das sich dafür besonders die jungen Leute interessieren und meinen, früher wäre es alles besser gewesen, früher gab’s immerhin Onlinepornos. Zumindest damit müsste man ihnen recht geben, so ein bisschen gestelltes Stöhnen wäre wohl unterhaltsamer als das Betreten des Serverlandes gewesen.

Ein paar Nerds sammeln diese tabuisierten Beweise aus der Vergangenheit. In Trödelshops und bei Schrotthändlern gibt es allerhand Notebooks, Kabel, Platinen, Motherboards. Und natürlich die nerdigen Diskussionen darüber, ob Steve Jobs oder Bill Gates mehr auf den Kasten hat.
Reiner, der eigentlich Postzusteller ist, ist einer von ihnen und hängt gerne mit PC-Spielen ab. Command & Conquer, wenn es nicht gerade selbst hängen bleibt.

Nun hat sein ehemaliger Schulkollege Meyer die Idee: Daten von den Google-Servern zu ziehen. Und so geht es ab nach Holland und zu jeder Menge Videomaterial. Und zu noch mehr nerdigen jungen Leuten, die das Servermaterial in die Mitte der Gesellschaft tragen möchten.

Server und Dünen, Bier und Joints

Die Geschichte könnte man zusammenfassen in: Server, Dünen, Bier und Joints. Ach ja, das Kotzen nicht vergessen, denn so viel Bier und Joints vertragen sich nicht so gut. Das kommt immer wieder hoch. Ich sagte ja, in 20, 30 Jahren sei alles beim Alten geblieben.
Das wiederholen wir dann mal wie so ein hängengebliebenes Video, das man sich immer wieder von vorne ansehen muss, bis es wieder an der gleichen Stelle hängen bleibt und man es wieder probiert. Und wieder. Und nochmal. Und nochmal.

Und weil ja das Internet international war und die IT-Sprache englisch, gibt es natürlich auch Dialoge in Englisch. Als würde das Kotzen nicht schon reichen.
Das ist Serverland.

Jetzt brauche ich ein Bier. Oder zwei. Ach was, ein Sechserpack. That’s amazing!

Alles beim Alten

Nun sucht man ja – nach acht, neun, zwölf Bier – den Sinn des Lebens Buches. Wenn man dann tatsächlich nach ein paar Joints weiter auf einer Wolke getragen wird, könnte man meinen: Nichts ändert sich. Alles beim Alten. Nur ohne digitale Vernetzung eben. So schnell dreht sich eine Gesellschaft selbst dann nicht, wenn man ihnen das Internet wegnimmt.
Die Jungen leben noch immer nach der Kostenloskultur, kommen in Scharen, wenn es Bier und Joints umsonst gibt. Ansonsten interessiert es niemanden, was man so macht. Und selbst Schockbilder aus dem Internet – what else?

Aber diesen Sinn zu sehen, tja, wie gesagt: ohne Bier und Wodka wird das nichts.

Deswegen …

Um das Lesen des Buches erträglicher zu machen, sollte man wohl ganz viel Bier und noch mehr Joints intus haben. Wenn das nicht hilft: auskotzen. Zumindest hätte man dann eine Gemeinsamkeit mit den Figuren und somit ein gewisses Gefühl beim Lesen. Ob das dann besser ist als mein Lesegefühl… sagt mir bescheid.

Für mich ein Buch, das ich jetzt erstmal verdrängen muss.

1 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Josefine Rieks: Serverland ©2018 Hanser

Josefine Rieks: Serverland ©2018 Hanser

SERVERLAND
Autor: Josefine Rieks →
Erscheinungsdatum: 19.02.2018
Verlag: Hanser Verlag ⇔
Seiten: 176
ISBN: 978-3-446-25898-3
Aus dem Deutschen

Buchbeschreibung:
Das Internet ist seit Jahrzehnten abgeschaltet, die Statussymbole von früher sind nur noch Elektroschrott. Reiner, Mitte zwanzig, sammelt Laptops aus dieser lange vergangenen Zeit und wird zum Begründer einer Jugendbewegung, die verklärt, was es früher wohl einmal gab – die Freiheit einer Gesellschaft, die alles miteinander teilt. Mit Hilfe einer Autobatterie gelingt es, eine Verbindung zu lange stillgelegten Servern herzustellen. Die Jugendlichen sehen, was seit Jahrzehnten keiner mehr gesehen hat: das Internet.

Aus dem Feuilleton:

  • Anke Groenewold sieht in „Die Westfälische“ ⇔ viel mehr als ich im Roman: „Tempo und Humor“, zum Beispiel, eine „Eigendynamik“, und sieht damit „den flirrenden Beginn einer Jugendrevolte“.
  • Ganz anders Jochen Overbeck bei „Spiegel Online“ ⇔: „Wenn Meyer und Reiner am Ende resigniert in ihren Wagen steigen, möchte man am liebsten auf die Rückbank und ganz lange schlafen.“
  • Meike Feßmann von der „Süddeutschen Zeitung“ ⇔ bezeichnet Serverland als „clever, entspannt, lässig und unbekümmert“.

Interview:

  • Bei jetzt.de ↔ gibt es ein Interview mit Josefine Rieks zum Roman: „In „Serverland“ ist die digitale Gesellschaft zusammengebrochen und man schämt sich dafür, dass man mal daran geglaubt hat.“
  1. […] Meinungen: Iris vom Schurkenblog und ich sind auf einer Wellenlänge, denn sie findet: „Um das Lesen des Buches erträglicher […]

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  2. Hallo Iris,
    an Deiner Rezi weiß ich wieder, weshalb ich Verrisse so sehr liebe. Ich musste die ganze Zeit schmunzeln und das ohne Bier zu trinken oder mir eine Tüte reinzuziehen. In der Hinsicht hast Du der Autorin auf jeden Fall was voraus, denn ich habe mich köstlichst unterhalten.
    In diesem Sinne – Prost
    Liebe Grüße aus Wien
    Conny

    Antworten

    1. Hallo liebe Conny,
      ich muss auch zugeben, dass sich dieser Verriss fast von alleine schrieb (manche Bücher bieten sich da regelrecht an 😄). Und wenn ich ehrlich bin, sind mir sogar 1-Sterne-Bücher lieber als Durchschnittsbrei, weil man bei Enttäuschungen wie auch bei Highlights einfach viel zu sagen hat, während man bei 3-Sternen-Büchern oft gar nicht weiß, was man nun dazu schreiben soll. Zumindest bei mir.
      Vielen Dank für dein Feedback! Liebe Grüße aus dem eiskalten Kärnten, Iris

      Antworten

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