Eine Reise in die Vergangenheit bringt so viele Widersprüche und Gegensätze ans Tageslicht, dass der Leser noch lange darüber nachdenken kann. Franz erzählt seine Geschichte als Kriegsgefangener der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg. Ein Roman der Erinnerungen, der beim Erzählen lebendig wird und ohne langweilige Monologe auskommt.


Der Roman der Gegensätze

Gegensätze ziehen sich an, sagt man. Dieses Buch ist voll davon und das fängt schon damit an, dass sich Alt und Jung zusammentun und eine Reise im Hier nach Texas zu den Erinnerungen der Vergangenheit wagen.

Dort, in Texas, war nämlich Franz inhaftiert. Einer von vielen Kriegsgefangenen, die im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern aufgegriffen und in die USA verschifft wurden.
Doch was Franz zu den Ereignissen zu erzählen hat, klingt unglaublich. Unmöglich.

Ein Gefangener, der trotz Gefangenschaft gewisse Freiheiten genießen kann? Ein Gefangener, der keinen Hunger leiden muss, während seine Familie und viele Menschen in Deutschland am Hungertuch nagen? Er, in Sicherheit vor den Gräueltaten des NS-Regimes, während andere gefoltert, ermordet, vergast werden? Ein Gefangener, der Freundschaften schließt und doch mitten unter Feinden sitzt.

Ein Roman der Gegensätze, wie gesagt.

Alles ist möglich

Aber fangen wir von vorne an. Am Anfang.

70 Jahre sind vergangen. Und viel hat sich in dieser Zeit geändert. Baracken sind verschwunden, nur Fundamente zeugen noch von ihrer damaligen Existenz. In anderen verlassenen und aufgegebenen Lagern leben inzwischen Gläubige. Oder werden in Museen umfunktioniert.
Als Franz an den Ort zurückkehrt, wo er im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener der Amerikaner gelebt hat, kochen Erinnerungen hoch. Erinnerungen, die unmöglich klingen, aber doch möglich sind.
Hannes Köhler rollt die dunkle Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges ganz anders als seine Kollegen auf: Er zeigt die Geschichte der Hitler-Jugend, der Nazi-Soldaten, der Kriegsgefangenen, der Kameraden, die keine Kameraden sind. Und er zeigt: So unglaublich es klingt, alles war möglich.

Der Finger und seine tausendundeine Geschichten

Der Ringfinger an der rechten Hand seines Großvaters hat tausend Geschichten. Er endet kurz nach dem Ring in einem weißen Knubbel Narbengewebe.
Er erzählt viele Versionen. Mal haben ihm die Amerikaner den Finger abgeschossen, mal war ein Feuergefecht in Frankreich oder ein Arbeitsunfall im Lager Schuld an diesem Verlust.
Die Wahrheit ist oft nicht einfach und nicht immer auf dem ersten Blick erkennbar. Und manchmal bleibt sie auch unter einem Deckel verdeckt. Wer öffnet auch gerne die Büchse der Pandora?

So wie auch die Soldaten, zu denen Franz im Zweiten Weltkrieg gehört hat, die Wahrheit – oder besser den Wahnsinn – erst erfahren haben, als es viel zu spät war. Als Millionen Juden bereits gefoltert, verhungert, vergast waren. Als die Soldaten selbst in Gefangenschaft saßen. Als viele sich bereits von Hitler abgewendet haben und andere noch immer an einen Endsieg und Wunderwaffen festhielten. Köhler schafft es, dies alles ohne erhobenen, moralischen Zeigefinger zu schildern. Der Leser darf sich selbst eine Meinung bilden.

Wobei das mit der Wahrheit so eine Sache ist. Es kommt halt immer auf den Gesichtspunkt an.

Und das mit der Kameradschaft …

ist auch so ein Ding der möglichen Unmöglichkeit. Die Amerikaner behandeln ihre Kriegsgefangenen nämlich ganz schön menschlich. Das klingt unglaublich, wenn man bedenkt, dass diese Soldaten vor der Gefangenschaft einem Führer folgten, der in Unmenschlichkeit unschlagbar war.
Franz erzählt von Freundschaften, die er im Lager geschlossen hat. Freundschaften zu Feinden, zu Amerikanern, zu deutschen Kameraden. Er erzählt aber auch von feindlichen Kameraden, davon, wie er sich vom Pimpf zum Naziverräter entwickelt hat. Manche der Soldaten sind geläutert, andere halten an dieser abscheulichen Ideologie fest.

Keine langweiligen Monologe, sondern lebhafte Szenen

Wer nun glaubt: Bitte kein Buch der Erinnerungen und sofort an endlose, langweilige Monologe denkt, der irrt. Völlig.
Hannes Köhler liefert uns nämlich ein Buch, das alles andere als langweilige Monologe enthält. Das Erinnerungen in Szenen zeigt und das mit einem unglaublich gelungenen Stil. Einen Wechsel, zwischen schnellen, kurzen Sätzen und langen Schachtelsätzen, wie auch Erinnerungen sein können, mal kurz und knapp und löchrig, dann wieder detailliert und scheinbar endlos. Und auch die Zeiten wechseln. Mal ins Hier und Jetzt, mal zurück in die 40er Jahre, in den Krieg, in die Zeit danach.

So wie der Stil beeindruckend ist, ist auch der Inhalt nicht vergleichbar mit anderen Werken, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Denn abgesehen davon, dass Köhler eben nicht Theresienstadt, Buchenwald oder Auschwitz zeigt, sondern die Gefangenenlager in den USA, zeigt er auch eine Welt der Widersprüche. Soldaten, die bis zuletzt an den Endsieg glauben, obwohl sie schon alles verloren haben. Soldaten, die aber auch erkennen, für was sie gekämpft haben, welche Sünde sie sich aufgeladen haben, welchen Teufel sie da blind befolgt haben.

Und so liest sich das Buch sehr beeindruckend.

Dazu kommen zahlreiche kleine Details, die all diese Widersprüche, Gegensätze untermauern. Denn die hilfsbereiten Amerikaner, die Hitlers Weltanschauung verteufeln, behandeln Farbige noch immer als Sklaven. Diese Farbigen verrichten die gleiche Arbeit wie die Kriegsgefangenen, nur, dass Kriegsgefangene sich um bessere Arbeit bemühen können.
Es ist eine Geschichte, der Widersprüche und Gegensätze, so lebendig erzählt, als würde man die Geschichte des eigenes Großvaters lesen.

Vater-Tochter, da war doch was

Einzig in einem Punkt war mir die Geschichte beim Lesen dann doch zu viel. Die Aufarbeitung des Vater-Tochter-Verhältnisses. Klar, es passt dazu. Auch meine Großeltern legten einen tonnenschweren Deckel auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges, schwiegen und verdrängten all das von damals. Dadurch passt es dazu, dass Martins Mutter, die Tochter von Franz, ihren Vater nicht zu kennen glaubt.
Doch sind die Gegensätze, die in diesem Buch aufgegriffen werden, so anspruchsvoll, so raumeinnehmend, so erdrückend, dass einfach kein Platz für ein weiteres Thema mehr vorhanden ist.
Diese Gegensätze in der Familie sind schon vorher eingeflochten worden. Franz Bruder z. B., total anders, hat früh erkannt, dass man Hitler nicht folgen soll. Franz Vater dagegen, ein überzeugter Nazi. Und Franz selbst wollte wohl einfach nur der Junge sein, der seinen Vater mit Stolz erfüllt.
Dazu braucht es keine Barbara mehr, um das zu begreifen, das sich selbst Familienmitglieder fremd sein können. Und dass es oftmals eine Reise in die Vergangenheit braucht, um diese Fremdheit zu verstehen.

Aber ansonsten: Ein absolut eindrucksvoller Roman, der puren Lesegenuss bringt, auch wenn das Thema zu einer der abscheulichsten Zeiten der Weltgeschichte gehört. Ein Lesetipp für alle, die das Leben im Zweiten Weltkrieg besser verstehen möchten.

Und Josef sagte dem Alten, er werde in der Hölle schmoren, gemeinsam mit seinem lieben Herrn Hitler und dessen ganzer Bande. Aber trotzdem, trotz all dieser Beleidigungen blieben sie gemeinsam am Tisch sitzen, Vater und Sohn. Und Franz saß dazwischen, hatte immer öfter das Gefühl, dass sie durch ihn miteinander kämpften, dass jeder versuchte, ihn auf seine Seite zu ziehen.
Aus dem Ebook, Pos. 1505

8 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeiterführendes
Hannes Köhler: Ein mögliches Leben ©2018 Ullstein

Hannes Köhler: Ein mögliches Leben ©2018 Ullstein

EIN MÖGLICHES LEBEN
Autor: Hannes Köhler →
Erscheinungsdatum: 23.02.2018
Verlag: Ullstein Buchverlage ⇔
Seiten: 352
ISBN: 978-3-550-08185-9
Aus dem Deutschen

Buchbeschreibung:
Ein junger Mann begleitet seinen Großvater auf eine Reise in die deutsche Vergangenheit, durch die sich für ihre Familie alles ändert
Ein Wunsch, den Martin seinem Großvater Franz nicht abschlagen kann: eine letzte große Reise unternehmen, nach Amerika, an die Orte, die Franz seit seiner Gefangenschaft 1944 nicht mehr gesehen hat. Martin lässt sich auf dieses Abenteuer ein, obwohl er den Großvater eigentlich nur aus den bitteren Geschichten seiner Mutter kennt. Unter der sengenden texanischen Sonne, zwischen den Ruinen der Barackenlager, durch die Begegnung mit den Zeugen der Vergangenheit, werden in dem alten Mann die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Und endlich findet er Worte für das, was sein Leben damals für immer verändert hatte.

Mit jeder Erinnerung, mit jedem Gespräch kommt Martin seinem Großvater näher, und langsam beginnt er die Brüche zu begreifen, die sich durch seine Familie ziehen. Er erkennt, wie sehr die Vergangenheit auch sein Leben geprägt hat und sieht seine eigene familiäre Situation in einem neuen Licht.

Ein vielschichtiger Roman über die tiefen Spuren, die der Krieg bis heute in vielen Familien hinterlassen hat.

Weiterführende Links:

  1. Klingt richtig gut und sogar ich würde das Buch in die Hand nehmen. Eben weil es nicht langweilig klingt. Gestutzt hab ich grad nur bei der Seitenzahl. Das klingt oben nach einem 500+ Seiten Buch und dann sind es gerade mal 350 Seiten 😀
    Einen Blick werde ich sicher riskieren – Danke für die Kritik!

    Antworten

    1. Gerne!
      Ja, inhaltlich klingt es tatsächlich nach einem 500+ Seiten-Buch. Und ich hab wirklich noch viel weg gelassen, was erwähnenswert gewesen wäre, weil sonst wahrscheinlich ich den 500er geknackt hätte :-).
      Und obwohl es ein Buch der Erinnerungen ist, ist es wirklich total szenenhaft erzählt. Das Buch überrascht durch und durch. Liebe Grüße dir, Iris

      Antworten

  2. […] Und obwohl der Roman nicht perfekt ist, zeigt sich sowohl Marc auf Lesen macht glücklich als auch Iris auf ihrem Blog der Schurken beeindruckt von der Umsetzung des […]

    Antworten

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