Gangster, Auftragskiller, ein rauer Bergeinsiedler und eine Frau auf der Flucht. Ach ja, und Schweine. Ganz besondere Schweine. Solche mit Namen und Übergewicht und Hauern.
Andrea D’Luca bringt den Leser in eine tödliche Bergwelt, wobei hier nicht nur die Kälte lebensgefährlich sein kann, sondern auch so mancher Hinterwäldler. Ein Thriller für zwischendurch.


Marlene

Südtirol. Marlene ist auf der Flucht, sie hat ihren skrupellosen Gangsterehemann bestohlen und weiß, sie hat nicht viel Vorsprung bevor er seine Handlanger losschickt, um nach ihr zu suchen.
Doch die Straßen sind glatt, es ist Winter, und sie versenkt ihr Auto im Straßengraben.
Als sie wieder wach wird, sitzt ein schnoddriger Bergbauer vor ihr.

Simon

Simon ist der Sohn von Voter Luis, der schnoddrige Bergbauer, der Marlene gefunden hat. Er lebt als Einsiedler in den Bergen, ein Kräutermandl, ein Überlebenskünstler. Denn die Berge sind rau, das Leben hart, die Umgebung kalt. Und die Einsamkeit, die Einsamkeit besorgt den Rest.
Kein Wunder also, dass dieser Simon etwas seltsam erscheint. Dass seine Behausung – utopisch ausgedrückt – karg ist. Und dass seine Schweine Namen haben.

Nun ist es ja so, dass solche wortkargen Alten, die nach ihrer eigenen Lebensphilosophie leben, oft eine Faszination auf Leser ausüben. Auch Simon ist faszinierend, wie er sich dort oben in den Bergen über Wasser hält. Ein bisschen Jagd, ein bisschen Anbau, sofern was wächst.

Luca D’Andrea gibt dieser Figur aber noch mehr mit, eine besondere Abartigkeit, denn Simon ist nicht so der unschuldig Alte, der sich mit Kräutern und Schweinen auskennt, wie es auf dem ersten Blick scheint.

Herr Wegener und seine blauen Koblode

Unten im Tal tobt Wegener, Marlenes Mann, als er den Diebstahl bemerkt und sofort Marlene als Diebin im Visier hat. Wegener hat selbst eine düstere Lebensgeschichte im Schlepptau, die bis in die Nazi-Zeit zurückreicht. „Gewährsmann Kobold“ wurde er damals genannt und irgendwie hat ihn diese Zeit geprägt. Ihm zu dem gewissenlosen Gangster werden lassen, der er nun ist. Kalt, kaltblütig.
Doch hat er sich mit noch kaltblütigeren Gangstern eingelassen und so muss er Marlene finden. Um jeden Preis? Oder gibt es Preise, die einfach für alles zu hoch sind?

Für zwischendurch

Mehr wird jetzt nicht vom Inhalt verraten, auch wenn die Schweine selbst noch eine große Rolle in der Geschichte spielen. Besonders Lizzy. „Süße Lissy. Kleine Lissy.“ Böse Lizzy.
Nun könnte man meinen, so eine Gangsterrachegeschichte, die bis ins Hinterland, in die raue Bergwelt führt, wäre atemlos zu lesen.
So ist es leider auch nicht.
Luca D’Andrea weiß seine Leser bei der Stange zu halten. Aber so ein richtiger Spannungsbogen kommt trotzdem nicht auf. Gut, aber nicht außergewöhnlich. Der Erzählstil ist durch die Perspektivwechsel zwar gut gelungen, denn dadurch erfährt der Leser viel mehr als die einzelnen Figuren. Aber die Figuren, die Hintergründe, bleiben zu sehr an der Oberfläche. Und Empathie gibt es gar keine. Dadurch fiebert man als Leser auch mit keiner Figur mit.

Zum Beispiel: Simon. Dieser rotzige Einsiedler, der anfangs sehr kundig und hilfsbereit daherkommt, entwickelt bald schon einen Wahn, der zwar gut gedacht, aber zu wenig durchdacht ist. Zwar ist es glaubwürdig, aber als Leser erlebt man diesen Wahnsinn nicht, man sieht ihn, man kann ihn aber nicht greifen. So Wahnsinnstypen müssen einen aber mitziehen, besonders wenn sie eine der Hauptrollen spielen. Das war mir zu wenig, mir fehlte dieses Mitreißen beim Lesen. Gut, aber eben nicht mehr.

Auch die Bergwelt hätte noch viel Potential zu vergeben gehabt. Es gibt zwar eine Szene, die so richtig hinterwäldlerisch daherkommt, eine Szene, in der in einem Berggasthof getratscht wird und der Leser ein bisschen Bergluft mancher hinterwäldlerischen Ansichten schnuppern kann, aber das ist eine Szene. Viel zu wenig, um Bergfeeling zu bekommen. Das hat Evelyn Grill mit ihrem Knochenzähler – mit weniger thrill – besser hinbekommen. Den Wahnsinn und das Bergleben.

Und dann die Gangster im Tal. Eine skrupellose Gangsterbande, ein Gangsterboss, der selbst seine Frau zum Abschuss freigibt. Alles knallhart, mit einem Auftragsmörder, der locker einen Roman für sich verdient hätte, so aber nur eine Nebenrolle bekommt.

Für ein richtiges Lesevergnügen ist mir die Umsetzung zu fad, die Empathie fehlt völlig, die Figuren zwar alle interessant, aber ihnen wird der Raum weggenommen, den sie eigentlich zur Entfaltung gebraucht hätten, weil einfach jede auf ihre Weise interessant ist. Interessante Ansätze, interessantes Setting, aber das ganze Potential der einzelnen Figuren, des Settings, wird meiner Meinung nach viel zu oberflächlich umgesetzt und nicht bis an die Grenzen ausgenutzt.

Trotzdem: Ein guter Thriller für zwischendurch.

6 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Luca D'Andrea: Das Böse, das bleibt ©2018 DVA

Luca D’Andrea: Das Böse, das bleibt ©2018 DVA

DAS BÖSE, ES BLEIBT
Originaltitel: NN
Autor: Luca D’Andrea →
Erscheinungsdatum: 26.02.2018
Verlag: DVA Verlag ⇔
Seiten: 432
ISBN: 978-3-421-04806-6
Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Roth

Buchbeschreibung:
Südtirol, im Winter. Marlene ist auf der Flucht, panisch steuert sie ihr Auto durch den Schneesturm. Im Gepäck: ein Beutel mit Saphiren, den sie ihrem skrupellosen Ehemann aus dem Safe entwendet hat. Wegener ist der Kopf einer mafiösen Erpresserbande, und Marlene weiß, dass er seine Killer auf sie hetzen wird. Da stürzt ihr Wagen in eine Schlucht. Marlene erwacht in einer abgelegenen Berghütte, gerettet von einem wortkargen Alter. Bei ihm und seinen Schweinen glaubt sie sich in Sicherheit vor ihrem Mann. Bald jedoch stellt sie mit Entsetzen fest, dass von dem Einsiedler eine noch größere Gefahr ausgeht …

Aus den Blogs:

  • „Spannend, faszinierend, kaltblütig, blutig“ meint Nisnis von Nisnis-Bücherliebe ⇔ zu diesem Thriller und vergibt vier Herzchen.
  1. Hi!

    Nachdem ich gesehen habe, dass du das Buch liest / gelesen hast, war ich schon neugierig, wie deine Meinung ausfallen würde … Wie würdest du denn im Vergleich d’Andreas Erstling „Der Tod so kalt“ bewerten? Ich hab „Das Böse, es bleibt“ (Ist dir eigentlich aufgefallen, dass du das Buch umbenannt hast? 😉 ) aktuell noch auf dem Merkzettel für meine kommenden Hörbücher stehen und bin aktuell etwas unschlüssig, ob und in welcher Form (Hörbuch oder Buch) holen soll …

    Liebe Grüße
    Ascari

    Antworten

    1. Hallo Ascari,
      leider kann ich nicht vergleichen, weil „Der Tod so kalt“ noch ungelesen hier liegt :-). Meine Buchhändlerin findet „Das Böse, das bleibt“ allerdings besser, falls dir das was hilft. Aber sie hat auch schon für „Der Tod so kalt“ mega geschwärmt.

      Danke dir für den Hinweis! Habe den Titel sofort korrigiert. Liebe Grüße, Iris

      Antworten

      1. Na, dann werde ich es mir demnächst vielleicht doch als Hörbuch holen :). Hab ja mittlerweile schon zwei ungenutzte Guthaben hier liegen, aber es hat sich einfach nicht ergeben …

        Liebe Grüße und danke!
        Ascari

        Antworten

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