Europa in naher Zukunft. Zentraleuropa verbarrikadiert sich hinter einem meterhohen Zaun, der mit Strom geladen ist, um Flüchtlinge abzuhalten. Als ein Mensch an dieser Abwehranlage stirbt, versucht die Politik diesen Vorfall zu verschweigen. Zu gleicher Zeit sind zwei senegalesische Flüchtlinge mit einer Schlepperbande unterwegs nach Europa. Von dem Zaun haben sie keine Ahnung.


Ein undurchdringlicher Grenzzaun

Es fängt immer so verdammt harmlos an. Und gut gemeint. So wie die Geschichte des Zauns. Als irgend so ein Urmensch auf die Idee kam, ein paar Steine um die Feuerstelle zu legen, dachte er wohl nicht daran, dass diese überaus sinnvolle Umfriedung irgendwann den Frieden stören könnte. Dass irgendwann diese Umrandung in anderer Größenordnung nicht mehr nur dazu dienen könnte, ein Feuer in Schach zu halten, sondern Tiere und später Menschen an der Flucht zu hindern.

Doch genau so ist es passiert.

Zäune sind, wenn man sie genau betrachtet, ein Unding des Bösen. Entweder man stellt sie auf, um hinter Zäunen Individuen einzusperren und eine Flucht zu verhindern, oder man stellt sie auf, um andere fernzuhalten. In beiden Fällen sind Zäune aber ein Eingriff in die Freiheit. Schon Jean-Jacques Rousseau sagte 1755:

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört«.“

Genau um einen solchen Zaun, der einerseits versucht, Flüchtlinge abzuhalten nach Zentraleuropa zu kommen, andererseits aber seine eigenen Bürger innerhalb des Zauns einsperrt, geht es in „Starkstrom“ von Jan Zweyer.
Jetzt ist es so, dass Zweyer die Geschichte nicht neu erfunden hat. Denn in Ceuta und Melilla stehen sechs Meter hohe High-Tech-Zäune, um Flüchtlinge draußen zu halten. So sieht die Wirklichkeit aus.

Wie kann so etwas geschehen?

Das Flüchtlingsthema ist nach wie vor sehr aktuell. Im Grunde gibt es nur noch zwei Meinungen dazu: Die, die sagen, alle und jeden rein lassen, ohne wenn und aber, und die, die einen solchen undurchdringlichen Zaun befürworten würden. Die Mitte ist irgendwie verdammt still geworden. Oder ausgelöscht. Oder mundtot. Oder hinter einem Zaun verschwunden.

Von daher sind solche Bücher über dieses Thema wirklich wichtig. Sie spielen Szenarien durch, blicken in eine Zukunft, wie sie sein könnte. Genau das hat Jan Zweyer getan. Er hat literarisch einen Grenzzaun um Zentraleuropa gezogen und kein Flüchtling kommt mehr durch.

Ausgegrenzt. Abgegrenzt. Ausgesperrt. Eingesperrt. Je nach Blickwinkel.

Im Buch ist es jetzt so, dass bei einer unangekündigten Inspektion der Techniker selbst an diesem Zaun durch einen Stromschlag getötet wird. Natürlich soll das von der Politik vertuscht werden, schließlich will man seine Wähler behalten und nicht alle Wähler sind mit diesem Abwehrzaun einverstanden. Nicht auszudenken, wenn dabei herauskäme, dass dieser Zaun tötet. Aber andererseits gibt es auch viele Wähler, die diesen Zaun befürworten. Der Rechtsdruck in Europa ist ohnehin schon groß.
Zweyer zeigt, welcher politischer Druck auf den Leuten lastet und dass nicht jeder Politiker es gut meint, egal ob für oder gegen den Zaun, sondern manche ganz anderen Interessen verfolgen. Zweyer zeigt, dass es im Grunde ums Geschäft geht, folge dem Weg des Geldes, heißt es, und wer diesem Weg folgt, kehrt nicht immer unbeschadet zurück.

Zwei ahnungslose Flüchtlinge und eine ahnungsvolle Journalistin

Unbeschadet können auch die Flüchtlinge ihren Weg nicht gehen. Sie sind Schlepperbanden ausgeliefert, denen es natürlich – nur – ums Geld geht. Später sind sie diesem Zaun ausgeliefert, der – wie gesagt – undurchdringlich ist.
Wo böse Menschen sind, gibt es auch gute. Ohne gut kein böse oder so. So flechtet Zweyer auch noch eine Journalistin mit ein, die es gut meint, die bereut, einfach nichts getan zu haben, als sie hätte was tun sollen. Und die jetzt tut, mehr tut, als es gut für sie wäre.

Fiktional unterhaltsam, aber mit einem Warnschuss vor dem Bug

Zweyers Buch liest sich gut. Verschiedene Perspektiven fügen sich zusammen und zeigen die Probleme dieser politischen Sackgasse anschaulich. Einerseits unterhaltsam zu lesen, andererseits aber auch mit Mehrwert: Weil so ohne mitdenken wird das nix. Diesen Warnschuss vor dem Bug des Bootes, das bereits zum Kentern verurteilt ist, bevor es ausgelaufen ist, muss man hören. Als Leser lesen.

Am Ende des Buches sitzt man als Leser auf der Couch und denkt sich: Was für eine Scheiße. Normalerweise müssten wir, alle, sämtliche Politiker aus ihren Regierungen stürzen, denn alle verfolgen nur ein Ziel: den Weg des Geldes.

Und wenn man genau hinschaut, genau hinhört, hat Zweyer da wohl gar nicht so viel Fiktion für die Geschichte gebraucht. Problem ist nur: Auch die Wahrheit versteckt sich oft hinter einem undurchdringlichen Zaun. Zweyer hat das Versteck enttarnt.

Die Erfindung des Zauns sollten wir wohl möglichst rasch rückgängig machen. Wie man sieht: Zäune sind die Umklammerung des Bösen. Und wie man sieht: Es gibt unterhaltsame, spannende Krimis mit aktuellem Mehrwert. Denn eine der Aufgaben von Literatur ist es, vorauszuschauen, durchzuspielen, Schattenseiten zu zeigen. Und Zweyer hat das richtig gut getan.

7 von 10 Treffer

Bibliografische Angaben
Jan Zweyer: Starkstrom ©2018 Grafit Verlag

Jan Zweyer: Starkstrom ©2018 Grafit Verlag

STARKSTROM
Autor: Jan Zweyer →
Erscheinungsdatum: 26.02.2018
Verlag: Grafit Verlag ⇔
Seiten: 256
ISBN: 978-3-89425-576-3
Aus dem Deutschen

Buchbeschreibung:
Europa verbarrikadiert sich: Ein meterhoher Metallzaun, der Flüchtlinge um jeden Preis fernhalten soll. Transitzentren, in denen Tausende Menschen festsitzen. Und eine Lotterie, die per Zufall entscheidet, wer die Chance auf ein besseres Leben bekommt.
Von der deutschen Regierung beauftragt, soll die Good-Fence-Cooperation den Zaun mit allen Mitteln verteidigen. Sie droht damit, dass stirbt, wer die Abwehranlage zu überwinden versucht. Eine leere Behauptung, die abschrecken soll. Dann aber steht der Zaun wirklich unter Strom – zurück bleiben eine verkohlte Leiche, ein Schweinekadaver und jede Menge Fragen, die die Politik auf keinen Fall beantworten möchte.
Zur gleichen Zeit begeben sich zwei Flüchtlinge aus dem Senegal in die Hände einer Schlepperbande, um nach Europa zu gelangen. Von dem Zaun wissen sie nichts …

  1. Danke für die eindringliche Besprechung! Das Buch werde ich mir merken. Ist es nicht traurig, wie real(istisch) es ist? Innerhalb und außerhalb Europas entwickeln sich gerade Dinge, vor denen man am liebsten die Augen verschließen möchte, was wir aber keinesfalls tun dürfen. Und dabei geht es um so viel mehr als die Fragen der Einwanderungspolitik.

    Ich wünsche diesem Buch viele Leser und dass es die Menschen zum Umdenken bewegt/ wach rüttelt.

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    1. Danke für deine Zeilen! Ich hoffe auch, dass dieses Buch viele Leser bekommt, weil es besonders eines zeigt: Folge der Spur des Geldes. Immer. Auch da, wo man eigentlich keine Geldmaschinerie dahinter erwarten würde. Und ja, das ist nah an der Realität. 🙂

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  2. Dieses Buch scheint gruselig nahe an der Realität zu sein bzw. nur ein Stück entlang einer nicht ganz unwahrscheinlichen Entwicklung in die Zukunft zu schauen. Ich mag es sehr, wenn drum herum noch ein unterhaltsamer Thriller gesponnen ist und man die Eindringlichkeit des Themas eher nebenbei mitbekommt.
    Das Buch behalte ich mal im Auge, Danke für die Buchvorstellung.
    LG Gabi

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    1. Ich liebe Geschichten, die aktuelle Themen aufgreifen, sie mit allen Schatten unzensiert zeigen und eine mögliche Entwicklung aufzeigen. Und genau das tut dieses Buch.
      Vielen Dank für deine Zeilen! Liebe Grüße, Iris

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