Heute im Angebot: Organe inklusive Zellgedächtnis in einem Paket. Natürlich steht im Kleingedruckten nicht, dass diese Organe auch von Mördern stammen könnten. Aber ist ja auch egal, das mit dem Zellgedächtnis nimmt eh keiner ernst.
Aber was wäre, wenn da wirklich was dran ist? Wenn tatsächlich Erinnerungen, Fantasien, Vorlieben weitergegeben werden können?
Dann haben wir ein Problem. Dann laufen da draußen wohl ein paar Killer mehr herum.


All inklusive: Organe und Zellgedächtnis in einem Paket

Paul Cleave hat eine interessante Grundidee „verthrillt“: zelluläres Gedächtnis. Hört und liest man immer wieder darüber, leider wird das allzu oft vorab schon als Hirngespinst abgetan und dadurch kaum erforscht. Dabei gibt es Berichte von Transplantierten, die nach Erhalt eines fremden Organs plötzlich bestimmte Vorlieben oder sogar Todesphantasien haben, die sie vorher nicht hatten. Genau das Thema greift Cleave auf und treibt es auf die Spitze. Was ist nämlich, wenn man ein Organ von einem sadistischen Mörder erhält und das mit dem Zellgedächtnis tatsächlich stimmt?

Tja, dann könnte man aus einem Killer wohl mehrere machen. Denn ein Killer kann ja mehrere Organe „spenden“.

Blinde Passagiere

So ergeht es Joshua, einem 16-jährigen Jungen, der blind ist. Sein Vater Detective Inspector Mitchell Logan kommt bei einem Einsatz ums Leben. Seine Augen hat er seinem Sohn vermacht. Joshua wird operiert und kann wieder sehen. Doch nicht nur das, er hat auch eigenartige Träume und Erinnerungen, die nicht zu ihm gehören. Er erkennt Menschen, die er zuvor aufgrund der Blindheit eigentlich nicht erkennen dürfte.
Joshua ahnt, das muss was mit den transplantierten Augen zu tun haben. Auch sieht er immer wieder, wie sein Vater ums Leben kommt. Wie sonst sollte er das wissen, wenn es das zelluläre Gedächtnis nicht gibt?

Doch niemand glaubt ihm so richtig. Zelluläres Gedächtnis? Schwachsinn! Dabei wurden nicht nur Mitchells Augen transplantiert, sondern auch ein Mörder kam an diesen Tag ums Leben und seine Organe wurden „gespendet“. Ihr dürft Böses ahnen.

Kritische Blicke gewürzt mit Sadismus

Cleave hat hier nicht nur reine Unterhaltung geschrieben, denn in diesem Thriller steckt mehr als nur ein bisschen sadistischer Thrill.
So zum Beispiel zeigt er, wie der blinde Junge Joshua zum Sehenden wird. Das bedeutet nicht nur Glück für den Jungen, der sowieso an einen Familienfluch glaubt, sondern auch Neid, verlorene Freundschaften und viele Neuanfänge. Das liest sich dramatisch, bedrückend, aber auch hoffnungsvoll.
Cleave lässt auch die Grenze zwischen gut und böse verschwimmen. Denn hinter guten Taten stecken oft böse Handlungen, und so manche böse Tat hatte eigentlich eine gute Absicht dahinter. Dazu gehören Selbstjustiz ebenso wie vermeintlich ausgleichende Gerechtigkeit. Gut ist eben doch manchmal böse.
Cleave wäre aber nicht Cleave, wenn nicht doch noch Sadismus auftauchen würde, wenn das Böse nicht abgrundtief böse wäre. Auch wenn man anfangs denkt, diesen Thriller könnte man wirklich jedem in die Hand drücken, weil er relativ – für Cleaves Verhältnisse – harmlos daherkommt, so wird man gegen Ende eines besseren belehrt: Die sadistischen Fantasien sind kaum noch zu toppen und als Leser sollte man schon etwas abgehärtet sein.

Um es mit der Grundidee des Thrillers zu sagen: Cleaves Organe wären zellulärer Gedächtniskollaps für Normalsterbliche.

Gut zu lesen, bis knapp vor dem Ende gar nicht mal so blutig, dafür ist das Ende umso sadistischer. Und das Thema: Top!

4 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Paul Cleave: Die Saat des Bösen, ©2018 Heyne

Paul Cleave: Die Saat des Bösen, ©2018 Heyne

DIE SAAT DES KILLERS
Originaltitel: A Killer Harvest
Autor: Paul Cleave →
Erscheinungsdatum: 11.06.2018
Verlag: Heyne Verlag →
Seiten: 480
ISBN: 978-3-453-43924-5
Aus dem Englischen → von Anke Kreutzer → und Eberhard Kreutzer →

  1. Ich bin hin und her gerissen, ob ich diesen Cleave nicht auch noch zu den anderen Cleaves auf den SUB legen sollte 😉 Die Idee mit dem zellulären Gedächtnis finde ich richtig toll und es klingt so, als hätte der Autor da echt was draus gemacht. Auf jeden Fall schreib ich mir das Buch mal auf die Liste!
    LG Gabi

    Antworten

    1. Hallo Gabi,
      welche Cleaves liegen denn ungelesen auf deinen SuB? 🧐
      Die Idee mit dem Zellgedächtnis war auch für mich ausschlaggebend, das Buch lesen zu wollen. Cleave hat es natürlich sehr fiktional angepackt, daher ohne Einfließen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Aber diese Frage: Was wäre wenn, … hat der wirklich auf die Spitze getrieben. Und das liest sich durchaus interessant.
      Also ich würde sagen, wenn dich die Idee mit dem Zellgedächtnis auch neugierig macht, dann rauf auf dem SuB damit! Cleave liest sich ohnehin immer schnell weg 😁.
      Liebe Grüße dir! Iris

      Antworten

      1. Hallo Iris,
        bisher warten hier „Der Tod in mir“ und „Die Stunde des Todes“ von Cleave darauf, gelesen zu werden. Ich meine, ich hätte schon früher mal ein Buch von ihm gelesen, aber das war wohl vor meinem Blog und da ich das Buch nicht mehr habe, weiß ich auch den Titel nicht mehr. Mein Blog ist echt mein ausgelagertes Gedächtnis, was Bücher angeht 😉

        Ja, die Idee mit dem Zellgedächtnis ist hier schon ein Faktor, der das Buch für mich besonders interessant macht. Auf die Leseliste hab ich es sowieso schon geschrieben.

        Liebe Grüße
        Gabi

        Antworten

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