Norwegen und Russland verbindet mehr als nur eine Grenznähe. Norwegen und Russland verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, die zwar unter strengsten Geheimverschluss gehalten wird, die nun aber wieder ausgepackt wird. Und zwar von Fredrik Beier, Hauptkommissar bei der Osloer Polizei, der, wenn er nicht gerade einen Filmriss durch seine Medikamente und dem Alkohol hat, ganz gut ermitteln kann.


Kaputt funktioniert halt doch

So ein bisschen kaputt sind diese literarischen Kommissare ja alle. Auch Hauptkommissar Fredrik Beier bewegt sich irgendwo zwischen medikamentenabhängig, alkoholgetränkt und – ja, natürlich – beziehungsunfähig.
Was bei Johnsruds Helden allerdings ein klein wenig anders ist: Es nervt den Leser nicht beim Lesen, dass sein eigentlich kaputter Held, wenn man von seinen Filmrissen, Alleingängen und leichter Paranoia mal absieht, eigentlich ganz gut funktioniert. Vielleicht auch, weil ihm zum Glück auch eine ebenso kaputte Ermittlerin mit Grips an die Seite gestellt wird.
Aber so funktioniert das nun mal in Krimis.

Was bei Johnsruds Helden vielleicht noch zusätzlich anders ist: Als Leser ahnt man, dass Beier so nicht weitermachen kann. Und das macht die ganze Reihe dann erst so richtig interessant, denn Beier sammelt lange Schatten um sich und irgendwann – so ahnt man als Leser – werden ihn wohl die Schatten verschlucken.
Das hat Johnsrud wirklich gut hinbekommen.

Ein Knäuel Verwicklungen

Funktionieren tut auch die Story, die allerdings mächtig verschachtelt daherkommt.

Der Anfang beginnt schon verzwickt. Der aufgefundene Tote in der Villa einer Witwe (die übrigens auch spurlos verschwunden ist) müsste nämlich schon einmal tot gewesen sein. So vor rund 20 Jahren in einem anderen Land. Zweimal sterben geht ja bekanntlich schwer, weswegen es hier schon rätselhaft beginnt. Auch der Hintergrund des Getöteten lässt Verwicklungen erahnen, denn der Tote war früher beim Militär.

In einem Abwasserschacht wird eine weitere Leiche gefunden. Die sieht noch schlimmer aus, denn der Tote weist massive Folterspuren auf. Und auch dieser Getötete hat eine militärische Vergangenheit. Verzwickt!

Verzwickt ist hier wirklich alles. Die Themen, die sich hier streifen und verknoten, reichen von Zwangsprostitution am Rande bis hin zu militärischen Geheimoperationen, ebenso von Schuld bis zu Rache, und das in Kreisen, die nicht unterschiedlicher agieren könnten.
Verzwickt ist es auch für Beier, der zwischen drei Frauen steht, obwohl er mit sich selbst sehr überfordert ist. Da hat Johnsrud wirklich volle Kanne zugeschlagen und Fäden gesponnen, verknotet, die sich gegen Ende zwar entwirren, aber doch etwas überfrachtet erscheinen.

In all diesen Knoten und Verwirrungen stecken dann noch mehr Morde und Vertuschungen, egal ob in Russland oder Norwegen, auf beiden Seiten wird mit harten Bandagen, Trug und Geheimoperationen gekämpft. Und das liest sich dann doch sehr interessant.

Ein Thriller für zwischendurch!

Der Thriller liest sich wirklich gut, fängt sehr rätselhaft an, geht geheimnisvoll weiter und die Hauptfigur Beier kämpft mit eigenen Schatten, die sich immer mehr ausweiten. Wo er aber keinesfalls unschuldig dabei ist. Als Leser weiß man lange nicht, wohin die Geschichte führt, was das Lesen spannend macht. Nur am Ende fühlt man sich leicht erschlagen von all den Knoten, Verwicklungen und auf die Spitze getriebenes.

Deswegen ist es für mich: Ein gut zu lesender Thriller für zwischendurch.

4 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenReiheninfo
Ingar Johnsrud: Der Bote ©2018 Blanvalet

Ingar Johnsrud: Der Bote ©2018 Blanvalet

DER BOTE
Originaltitel: Kalypso (2016)
Autor: Ingar Johnsrud →
Erscheinungsdatum: 14.05.2018
Verlag: Blanvalet Verlag →
Seiten: 544
ISBN: 978-3-7645-0588-2
Aus dem Norwegischen → von Daniela Stilzebach →
Reiheninfo: Band 2 der Fredrik-Beier-Reihe →

„Fredrik-Beier“ – Reihe:

  1. Der Hirte, 2017 bei Blanvalet Verlag
  2. Der Bote, 2018 bei Blanvalet Verlag

Hinweis: Die einzelnen Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Jeder Band ist in sich abgeschlossen, nur der Held „Fredrik Beier“ verbindet die Reihe. Allerdings würde ich wegen der Charakterentwicklung raten, mit dem 1. Band zu beginnen.

  1. Mir ist es bei „Der Hirte“ – der erste Teil der Trilogie – genau so gegangen, es war viel zu viel auf einmal. Beim „Boten“ war es ähnlich, nur dass ich da schon vorgewarnt war. Das Ende fand ich übrigens sehr heftig.

    Antworten

    1. Ich habe mir gerade deine Rezension zu „Der Hirte“ durchgelesen. Den ersten Band habe ich aufgrund des Themas (Sekte) nicht gelesen, was ich jetzt allerdings etwas bereue, da sich mein Verdacht durch deine Rezension bestätigt, dass die besondere Stärke der Reihe in der Charakterentwicklung von Beier liegen könnte. Das macht die Reihe dann wieder umso interessanter. 🙂

      „Etwas überladen“ hätte hier auch ganz gut zur Besprechung gepasst ;-). Danke für deinen Kommentar! Bin schon sehr gespannt auf deine Rezension!

      Antworten

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