Eine naive Redakteurin findet eine tote Frau auf ihrer Terrasse. Aber erstmal frühstücken, die Tochter in die Kindergrippe fahren und dann – irgendwann – die Polizei rufen. Da ihr Freund ebenfalls verschwunden ist und ihr ominöse Whats up – Nachrichten schickt, rückt er ins Visier der Polizei. Aber natürlich hat die Redakteurin eine so gute Menschenkenntnis und beteuert, ihr Jamal kann das nicht gewesen sein. Auch wenn alles, was sie über ihn weiß, total gelogen ist.
Ein Krimi, den man wirklich nicht lesen muss.


Mäh!

Manchmal komme ich mir beim Rezensieren vor wie so eine böse Meckerziege. Aber bei manchen Büchern muss ich einfach meckern. Besonders dann, wenn mir wirklich nur sehr, sehr, sehr wenig Gutes zum Buch einfällt.
Als ich die Leseprobe gelesen habe und bei einer Obdachlosenszene gelandet bin, dachte ich mir, jaaa, das ist ein Milieu, das gerne umgangen wird. Das Buch muss ich lesen. Ich war wohl – wie auch die Hauptfigur des Buches – etwas blind vor Liebe und bin reingefallen.
Dann mal los mit den Meckereien. Bringen wir es hinter uns.

Der erste Blick … täuscht!

Wenn ein Buch mit Träumen oder Vorahnungen beginnt, sollte man als Leser gleich die Finger davon lassen. Geschichten, die so beginnen, bringen nur selten Neues. Dieser Krimi bestätigt diese Leseerfahrung.
Rebekka Windmöller ist Redakteurin beim Oldenburg-Kurier, einer kleinen Tageszeitung. Die 36jährige berufstätige Mutter einer zweijährigen Tochter hat vor vier Monaten einen Halbsyrer kennengelernt und der ist nun verschwunden.
Die besagte Obdachlosenszene, die mich auf das Buch neugierig gemacht hat, folgt schon auf den ersten Seiten. Denn auch die lange Marta ist plötzlich verschwunden, eine obdachlose Polin. Genau diese lange Marta taucht dann tot auf Rebekkas Terrasse auf und natürlich gerät der verschwundene Jamal ins Visier der Polizei. Zeitlich passt das ganz gut und es folgen auch verdächtige Whats up – Nachrichten.

Und nun lassen wir mal die Meckerziege aus dem Stall.

Figuren wie aus einem Kasperltheater

Die Figuren erinnern mich an eine Kasperlaufführung. Nur in schnellerer Abfolge und mehr Personalwechsel.
Fangen wir mit Rebekka an. Diese Redakteurin, die eigentlich Menschenkenntnis und ein gewisses Maß an Durchblick für ihren Job benötigt, ist an Naivität kaum zu überbieten. Und das ändern auch 300 Seiten nicht. Total verliebt deckt sie ihren Jamal beinahe bis zum Schluss. Und dass, obwohl sie gleich am Anfang wirre Nachrichten bekommt und erfährt, dass alles, was sie über ihn weiß, gelogen ist. Deswegen erinnert sie mich auch an das Kasperl, eine Hauptfigur, die man einfach nicht ernst nehmen kann. Und da Kasperl ohne Strolchi aufgeschmissen wäre, hat auch Rebekka ihre Schwester Hedda an der Seite. Denn die wäre sonst auch ziemlich hilflos. Und das für eine Redakteurin!!!
Eine zweite Hauptfigur ist Hauptkommissar Adrian Sandersfeld, der sich nach dem Betrug seiner Frau von Berlin nach Oldenburg hat versetzen lassen. Er wirkt kaltschnäuzig, unnahbar, unsympathisch. Für den Leser heißt das, dass auch diese Figur keine Bindung aufbauen kann.
Und jetzt kommt noch ein ganzer Haufen an „gesellschaftlichen Außenseitern“ dazu. Da hätten wir ja den Halbsyrer, damit das Buch auch ein bisschen aktuelles Flüchtlingsthema abbekommt. Allerdings alles ganz am Rande, da ist nur die Rede von Vorurteilen und fertig.
Die Obdachlosenszene mit Django, einem ehemaligen Karussellbauer, der natürlich zur Flasche greift. Wie auch die anderen Obdlachlosen. Nichts neues. Ein paar Partygänger, aus dem Leben geworfene Jugendliche, saufende Mütter könnten wir auch noch in dieser Kategorie unterbringen. Damit wäre auch dieses Außenseiterthema im Buch.
Einen Rentner, der nach einem Schlaganfall in einer Seniorenresidenz sitzt, und – natürlich – missmutig mit den Pflegern im Kleinkrieg ist. Passt doch ganz gut bei all den Nachrichten aus dem Pflegedienst.
Ein Großeventmanager, der durch sein Geld zu einem kleinen Kotzbrocken mutiert. Das merken wir auch mal unter gängige Vorurteile ab.
Eine junge unerfahrene Polizistin, der schon gerne mal bei einer Schießübung die Schusswaffe runterfällt. Noch mal: Gängige Vorurteile.
Und dann noch Diana. Die sich irgendwo zwischen Mann und Frau befindet, so ganz hat sie sich noch nicht entschieden. Auch das ist ein Thema, das derzeit sehr heiß durch die SocialMedia-Kanäle geht. Damit hätten wir auch den Bereich abgehakt.

Alles drin. Und doch wieder nicht. Denn die Figuren werden nur oberflächlich durch eben genau diese gängigen Vorurteile gezeichnet. Insgesamt wirkt es wie ein Kuddelmuddel, bunt und lieblos zusammengewürfelt und überhaupt nichts bis in die Tiefe recherchiert. Man nehme einfach alles, packe es in ein Buch, damit man nicht behaupten kann, das Buch wäre rassisitsch, genderfeindlich oder sonstwas. Sehr enttäuschend beim Lesen!

Und der Plot?

Der Plot hat das Problem mit den unglaubwürdigen, unsympathischen, oberflächlichen Figuren. Denn bei solchen Figuren ist es doch egal, wie die Geschichte ausgeht. Um Papppuppen bangt man als Leser nicht. Und ein Buch, bei dem versucht wird, alle Möglichkeiten von vorverurteilten Menschen unterzubringen, hat ganz sicher auch ein Problem damit, wenn es womöglich „political uncorrect“ enden würde. Von daher scheiden von vornherin für den Leser schon einige Figuren als Täter aus. Und so verlaufen auch die Versuche, falsche Verdächtige als Täter zu täuschen, im Sande. Dass das Buch „political correct“ enden muss, steht ja schon fest, wenn man sieht, wie die Figurenkonstellation zusammengestellt ist. Und die Auflösung ist dann natürlich mehr als unbefriedigend, denn die Charaktersieriung ist einfach viel zu oberflächlich und unglaubwürdig, als dass man dann wenigstens einem guten Ende entgegenfiebern kann.

Wenn das die politisch korrekten Bücher von morgen sind, na dann, sollte ich mir wahrlich ein anderes Hobby suchen. Obwohl, ob das politisch korrekt ist, wenn als Täter nur noch weiße Nichtobdachlose in Frage kommen … hmmm?
Für mich ist dieser Krimi der totale Reinfall.

1 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Anna Carls: Die Stunde des Opfers ©2018 Piper

Anna Carls: Die Stunde des Opfers ©2018 Piper

DIE STUNDE DES OPFERS
Autor: Anna Carls →
Erscheinungsdatum: 01.06.2018
Verlag: Piper Verlag →
Seiten: 336
ISBN: 978-3-492-31134-2
Aus dem Deutschen →

  1. Klingt nach „alles in einen Topf und umrühren“. Beim „Meh!“ am Anfang hab ich übrigens sehr lachen müssen – fasst die Rezension perfekt zusammen 😀

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    1. Der Topf ist sehr treffend, genauso habe ich es beim Lesen empfunden. 🙂 Sehr schade, die Figurenkonstellation hätte da eine mega Rahmenhandlung liefern können, wäre sie nicht zu sehr an der Oberfläche und so derart klischeebehaftet geblieben. So a la Vorurteile und dann eine Megawendung. Aber leider wurde das nicht genutzt (aus meiner Sicht gesehen).

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  2. Oh. Weh. Das klingt wirklich nicht gut.
    Mir war das Buch (zum Glück) noch gar nicht aufgefallen in einer Vorschau. Da kann ich auch jetzt einen großen Bogen drum machen…

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    1. Oh ja, oh weh, das war wirklich nicht meines. Ich habe mich von der ersten Obdachlosenszene in der Leseprobe ködern lassen. Das nächste Mal höre ich wieder auf mein Bauchgefühl. 🙂

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