Es sind die Päckchen des Lebens, die viele mit sich herumschleppen. Die dann ausgegraben, begutachtet, in Szene gesetzt werden. Joe schleppt einige solcher Geheimnisse mit sich herum. Und auch Carl Iverson, ein verurteilter Mörder, trägt eigentlich ein ganz anderes Päckchen mit sich herum, als man auf den ersten Blick annimmt. Ein gut zu lesendes Buch, das Geheimnisse enthüllt.


Joe Talbert ist so ein netter Junge. Aber wie das mit netten Jungs so ist, meint es das Leben dann oft nicht nett mit ihnen. Dabei fängt alles so unglaublich harmlos an.

Joe ist Student und hat sich für einen total harmlosen, netten Kurs eingeschrieben: Biografie. Seine Hausaufgabe klingt auch ganz nett und harmlos. Er soll eine – Überraschung! – Biografie schreiben. Vermutlich werden nun die meisten ihre Omas und Opas besuchen, ihnen ein paar Fragen stellen, ein paar Zeilen schreiben.
Nur hat Joe 1. keine Großeltern mehr und 2. eine Erinnerung an seinen Großvater, die ihm sehr zu schaffen macht und die er am liebsten im hintersten Winkel verscharren möchte.
Also begibt er sich in ein Altenheim und fragt dort nach, ob es jemanden gäbe, dessen Biografie er für seine Hausaufgabe aufschreiben dürfe. Der Einzige, der dafür in Frage kommt ist ausgerechnet Carl Iverson. Ein Krebskranker, der auf den Tod wartet. Ein verurteilter Mörder. Und damit hört es sich auf mit Nettigkeiten und Harmlosigkeiten.

Die Päckchen der Vergangenheit

Allen Eskens packt aus. Und zwar die Päckchen, die wir alle mit uns herumtragen. Die einen sind schwerer, die anderen leichter, aber anscheinend geht niemand ohne Rucksack durchs Leben.
Carl Iverson beteuert nach wie vor seine Unschuld, aber ohne viel Energie dafür aufzuwenden. Vor 30 Jahren soll er ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt und getötet haben. Und nun will Joe darüber schreiben und stochert nach, liest alte Akten und der Fall entpuppt sich alles andere als glasklar.
Außerdem hat Iverson noch eine zweite Vergangenheit. Eine, über die er nicht reden will, die ihm von einer ganz anderen Seite zeigt.
Doch auch Joes Päckchen wiegen schwer. Nicht nur seine alkoholkranke Mutter sorgt in Joes Leben immer wieder für Trubel, auch die Sorgen um seinen autistischen Bruder machen dem Jungen zu schaffen. Und das Päckchen, das Joe gerne vergessen würde, wird auch an die Oberfläche gekramt.

Eine Geschichte voller Vorurteile und Geheimnisse

Die Geschichte ist jetzt kein Pageturner. Ziemlich ruhig lesen sich die Seiten, aber direkt dabei ist immer eine Art Beklemmungsgefühl. Manche Geheimnisse sollte man einfach begraben lassen, das ahnt man, ohne zu wissen, welche Geheimnisse da im Verborgenen liegen. Eskens gräbt diese aus, auf eine ruhige Art, mit einer Hauptfigur, der der Leser gerne folgt. Joe ist einfach ein guter Junge, ein einfacher, einer von nebenan. Nett.
Eskens zeigt aber auch, wie Vorurteile gestrickt sind. Kaum jemand ist davon befreit, auch gute Jungs nicht. Und daneben gibt es „vielleicht“ einen autistischen Jungen, der wohl gänzlich frei von Schuld zusätzliche Beklemmungsgefühle erzeugen soll. Und „vielleicht“ ist das ziemlich gut gelungen.

Kein Pageturner, trotzdem gut zu lesen

„Das Leben, das wir begraben“ ist bei all den Vorurteilen, Geheimnissen und familiären Problemen trotzdem alles andere als ein Pageturner. Diese Geschichte lebt davon, dass der Leser sich mit Joe identifiziert. Der gute, nette Junge von nebenan, der einfach nur sein Studium machen will, wird reingezogen in einen Fall, den er nur durch diese scheinbar harmlose Hausübung gefunden hat. Dabei hat Joe es schwer genug. Mit dieser alkoholkranken Mutter, den Geldsorgen, seinen Sorgen um seinen jüngeren Bruder.
Überall alte Päckchen, die man ein lebenlang durchs Leben schleift, sorgen dafür, das man beim Lesen in den Seiten kleben bleibt. Man lässt sich mitziehen, reinziehen in eine scheinbar harmlose Story, die gegen Ende dann doch noch ziemlich heftig wird.
Berührend ist die Geschichte auf jeden Fall. Aber eben kein Pageturner. Vielleicht ist dieses Buch für zwischendurch sehr empfehlenswert und vielleicht hätte ich mir einfach einen ebenso ruhigen, dafür mit einer drastischen Schockwendung, Ausgang gewünscht. Vielleicht hätte es mich dann noch mehr überzeugen können. So bleibt es vielleicht bei einer Durchschnittswertung.

Schön zu lesen, leider fehlt mir tatsächlich ein überraschendes Ende. Denn dieses war allzu vorhersehbar.

3 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Allen Eskens: Das Leben, das wir begraben ©2018 Festa Verlag

Allen Eskens: Das Leben, das wir begraben ©2018 Festa Verlag

DAS LEBEN, DAS WIR BEGRABEN
Originaltitel: The Life We Bury
Autor: Allen Eskens →
Erscheinungsdatum: 25.04.2018
Verlag: Festa Verlag →
Seiten: 416
ISBN: 978-3-86552-641-0
Aus dem Amerikanischen → von Claudia Rapp →

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