Island ist vom Rest der Welt abgeschnitten. Es gibt keinen Kontakt mehr nach außen und das Land muss mit eigenen Ressourcen überleben. Björnsdóttir zeigt in „Blackout Island“ die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Folgen dieses Worst-Case-Szenarios. Leider gibt es aber keine Überraschungen, sondern nur das, was der Leser in so einer Situation ohnehin erwarten würde. Schade!


Worst-Case-Szenario auf isländisch

Island im Ausnahmezustand. Zuerst gibt es keine telefonische Verbindung ins Ausland mehr, dann fällt das Internet aus, Kontakte zu Schiffen und Flugzeugen funktionieren nicht mehr. Island ist vom Rest der Welt abgeschnitten und auf sich alleine gestellt.

Das ist das Worst-Case-Ausgangsszenario für die isländische Journalistin und Autorin Björnsdóttir. Meine Hoffnung war ja, einen Cormac McCarthy auf isländisch zu finden. Doch die Story, der Stil und die Umsetzung sind leider weit entfernt eines McCarthys. Denn so düster ist der Stil nicht und die Figuren in Island erreichen nicht ansatzweise an die amerikanischen Romankollegen ran. Aber im Einzelnen:

Ein Fjord, ein paar Schafe und Hjalti

Sprunghafte Zeitwechsel sorgen dafür, dass die Geschichte eigentlich knapp vor dem Ende beginnt. Ein Mann mit einem Hund und ein paar Schafen. Ein alter, abgeschotteter Hof in einem verlassenen Fjord. Der Mann weiß nicht, ob es da draußen noch Menschen gibt, ob außerhalb Islands die Welt noch existiert. Er lebt hier zurückgezogen von dem bisschen, was das Land hergibt. Völlig alleine und einsam und auf sich gestellt.

Hinter den Kulissen

Schnitt. An den Anfang dieses Blackouts. Die ersten Telefonverbindungen fallen aus, das Internet, der Kontakt zu Flugzeugen und Schiffen. Sie verschwinden einfach ins Nirgendwo. Mittendrin der Journalist Hjalti, der gerade in einem Beziehungsende steckt und Kontakt zur derzeitigen höchsten politischen Führung, seiner Ex-Freundin Elín, hat. Sie versucht in Island die Bürger ruhig und hoffnungsvoll zu halten und benutzt Hjalti dazu, genau diese Hoffnung unter die Leute zu bringen.
Wie Politik in so einem Fall ticken könnte, macht einen Großteil der Geschichte aus. Manipulative Nachrichtenverbreitung, Fake-News, Verschwiegenheit, Lügen.
Kann Island seine Bürger selbst ernähren? Wie viele könnte das kleine Land mit den eigenen Ressourcen durchbringen? Und was passiert mit den anderen? Denen, die einfach zu viel für so ein Land sind? Und wer sind die, die zu viel sind und was soll man mit ihnen tun?

Eine politische Horrorvorstellung beginnt. Sehr glaubhaft erzählt, aber leider ohne Überraschungen. Es geschieht nämlich genau das, was der Leser in so einer Situation erwarten würde. Während die Politiker Champangervorräte vertilgen, fängt die Bevölkerung an zu hungern. Firmen entlassen ihre Mitarbeiter, Mütter suchen nach Nahrung für ihre Kinder. Plünderungen nehmen ihren Lauf. Es bilden sich Banden. Dazwischen kämpfen einige Menschen für die Versorgung, das Überleben. Milizen versetzen die Leute in Angst und Schrecken. Also all das wird geschildert, was man sich in so einer Situation vorstellen würde. Das ist schade, denn dadurch werden keine neuen Perspektiven aufgezeigt, sondern nur geschürte Angst dargestellt. Das ist nicht neu, das ist nicht horizonterweiternd und bietet keine neuen Sichtweisen auf ein schon tausendmal geschriebenes Thema an.

Keine Zeit für Emotionen

Sehr emotionslos erzählt Björnsdóttir die Story. Auch das ist schade, denn als Leser leidet man mit keiner Figur mit. Nicht mal mit Maria, die sich ganz alleine um ihre beiden Kinder kümmern muss. Eine Musikerin, die gerade mal so einen Anschlag überlebt und natürlich keinen Job mehr hat.
Nun könnte man als Leser natürlich meinen, dass in so einer Blackout-Situation keine Zeit für Emotionen bleibt und dass dadurch, dass die Geschichte so emotionslos erzählt wird, dies widerspiegelt. Könnte man annehmen, ist aber – für mich – dennoch nicht gelungen. Denn es gibt viele Figuren, die durchaus emotionell handeln könnten. Eben: Eine Mutter, die um ihre Kinder kämpft. Auch Hjalti hat Familie, einen Bruder, der Kinderarzt ist und dem die Medikamente ausgehen, der es nicht mehr schafft, seinen Job auszuüben. Aber es bleibt alles kalt. Wie das Land, das nur wenige Sommermonate hat. Und so bleibt auch der Leser kalt von dieser Geschichte, wird nicht mitgerissen, fiebert nicht mit den Figuren mit. Es bleibt halt eine Geschichte. Irgendeine. Wahrscheinlich hat man sie in ein paar Tagen wieder vergessen.

Schade. Aber nichts bleibt. Genau das sollte in Dystopien und Endzeitbüchern nicht geschehen. Sie sollten aufrütteln. Hier bleibt aber nur eine Handvoll Text auf gedruckten Seiten. Keine Story, die den Horizont erweitert und den Leser nachdenklich macht oder die ihm im Gedächtnis bleiben wird.

Und wer jetzt einwerfen mag, dass auch Cormac McCarthy „Die Straße“ emotionslos und kalt geschrieben sei, dem kann ich nur sagen: McCarthy kann das. Björnsdóttir, meiner Meinung nach, nicht. McCarthy spiegelt in jedem einzelnen Wort diese Kälte, Einsamkeit, Unwissenheit, Hoffnungslosigkeit wieder. Björnsdóttir schildert dies nur und das macht den Unterschied aus, warum es für mich dann so enttäuschend zu lesen war. Wie gesagt: Schade! Denn ich hoffte tatsächlich auf die isländische Version von „Die Straße“. Aber diese Straße ist unerreichbar. Leider.

2 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Sigríður Hagalín Björnsdóttir: Blackout Island ©2018 Suhrkamp

Sigríður Hagalín Björnsdóttir: Blackout Island ©2018 Suhrkamp

BLACKOUT ISLAND
Originaltitel: Eyland (2016)
Autor: Sigríður Hagalín Björnsdóttir →
Erscheinungsdatum: 13.08.2018
Verlag: Suhrkamp Verlag →
Seiten: 276
ISBN: 978-3-518-46889-0
Aus dem Isländischen → von Tina Flecken →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: