Ryan Gattis zieht es wieder voll durch. Sein Thema ist Programm, dieses Mal sind es Ausstiegsszenarien aus einer Gangsterwelt. Dass das nicht so einfach wird, ist klar. Und dass das jeder auf seine Seite Art versucht auch. Zwei mögliche Ausstiegsszenarien zeigt er uns. Also ab zu den Gangstern in die Gangsterwelt, in der es natürlich auch gangstermäßig enden wird.


Ab in die Welt der Gangster …

Ryan Gattis macht nie halbe Sachen. Bei ihm geht es immer a la „Augen zu und ganz durch“. Schon in „In den Straßen die Wut“ überzeugte er dadurch, dass die Wut auf jeder Seite spürbar war. In „Safe“ geht es um Gangster. Und auch hier gibt es keine Pause, sondern der Leser betritt die Gangsterwelt und bleibt dort bis zum bitteren Ende. Gattis hält auch hier erbarmungslos an seinem Thema fest und zeigt eine Gangsterwelt, in der jede einzelne Entscheidung Folgen hat.

Also rein in die Welt der Gangster, in der es gangstermäßig zugeht und ausgeht. Von der ersten bis zur letzten Seite. Ohne Pause. Denn nichts ist „safe“ hier.

… mit Ghost

Ghost, was übersetzt „Geist“ heißt, ist auch durch und durch ghostly. Eigentlich heißt der Typ Ricky Mendoza und eigentlich ist auch das gar nicht sein richtiger Name. Ihn gibt es nicht mehr, wie er selbst sagt: „Mein wahres Ich ist sozusagen gestorben, als ich den Namen annahm, und was von mir übrig ist, schwebt so herum.“ (Zitat S. 14)
Auch die verstorbene Rose schwebt so herum. In seinen Gedanken, seinen Erinnerungen, als Stimme auf einem Tape, das bei ihm ständig im Autorekorder läuft. Als hätte er einen eingebauten, inneren Safe, in dem er Rose „safe“ lebenslang aufbewahrt.
Sein Job ist ebenfalls etwas spooky: Er öffnet Safes für die Polizei, die DEA oder das FBI. Er fährt mit geschwärzten Nummerschildern zum Einsatzort, öffnet den Tresor, zieht wieder ab. Doch als sein Gehirntumor zurückkehrt, will er nur noch einen sauberen Abgang machen. So eine Wiedergutmachung für all die schlechten Taten, die er früher als „Tasmanischer Teufel aus Schmerz und Scheißdreck“ unter Drogeneinfluss gemacht hat.

Das ist Ghost. Durch und durch geisterhaft. Typisch Gattis könnte man sagen, dass hier der Name Programm ist. Denn wenn man Ricky mit zwei Wörtern beschreiben müsste, dann würde man „Ghost“ und „Safe“ wählen.
Der andere Typ ist ein anderes Kaliber.

… und Glasses

Rudy Reyes heißt also der andere Typ, um den sich die Geschichte dreht. Rufname: Glasses. Die linke Hand des Drogenkönigs Rooster. Eine Ameise in der großen Kolonie. (Zitat S. 28) Doch auf seinen Ameisenkönig hat er keinen Bock mehr, seit sein Sohn Felix zur Welt gekommen ist. Er will alt werden, richtig alt, und das wird man mit diesem Job nicht. Also will er aussteigen und bereitet alles vor.
Blöd nur, dass jemand ausgerechnet Geld aus dem Tresor geklaut hat, der zu seinem Ausstiegsplan gezählt hat. Und jetzt ist alles gefährdet. Sein Leben. Das seiner Familie. Ist klar, dass sich so eine Gangsterbande nicht beklauen lässt. Hier herrschen eigene Gesetze und so soll Glasses den Typ suchen, der es gewagt hat, Rooster zu bestehlen.

Aussteigerstory im Gangstermilieu

Jetzt könnte man natürlich annehmen, „Safe“ ist so eine typische Katze-Maus-Jagdstory. Ja, Glasses ist hinter Ghost her, jagt ihn, versucht ihn zu fassen und all das. Aber „Safe“ ist viel mehr. In diesem Buch stecken Hoffnungen, ein neues Leben anzufangen, auch wenn das alte ganz mies verlaufen ist, man sich selbst in dieses Abseits katapultiert hat. Glasses steckt tief drin in seiner Bandenwelt, doch er hat nun Familie und ganz andere Ziele in seinem Leben.
Ghost hat mit seinem Leben abgeschlossen und trotzdem noch ein Lebensziel zu verwirklichen. Er will als „Ghetto-Robin-Hood“ seinen Abgang machen, das Geld von den Drogenkönigen nehmen und es den Armen geben.
Zwei total unterschiedliche Ziele, eine gemeinsame Welt, zwei Schurken, die in ihrem Leben auf Abwege gekommen sind, äußerlich hart wie ein Tresor, doch innen sind Schätze versteckt, Hoffnungen, Wünsche, Träume. All das verpackt in eine Gangsterstory im Gangsterstyle. Und damit natürlich hoffnunglos verloren für diese Gangsterwelt.

In „Safe“ ist nichts safe. Weder die Tresore und ihr Inhalt, noch das eigene Leben. Und schon gar nicht Träume, Wünsche, Hoffnungen. In „Safe“ wird ausgepackt, dass Innere nach außen gekehrt, was eigentlich gar nicht so zu Gangstern passt, die sich hinter Bandenzeichen und finsterer Miene verstecken.
Ein eindringlicher Blick in die Welt der Gangster. Schonunglos offengelegt und das im Gangsterstil! Für Leser, die Gangsterstorys mögen, ein Must-Read!

4 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Ryan Gattis: Safe ©2018 Rowohlt Verlag

Ryan Gattis: Safe ©2018 Rowohlt Verlag

SAFE
Originaltitel: Safe (2017)
Autor: Ryan Gattis →
Erscheinungsdatum: 21.08.2018
Verlag: Rowohlt Verlag →
Seiten: 416
ISBN: 978-3-498-02537-3
Aus dem Englischen → von Ingo Herzke → und Michael Kellner →

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