Großbritannien ist nicht great, aber grey. Ziemlich grey. Dazu muss man sich nicht mal Speed einschießen, um die Stadt durch einen schmutzigen Nebel zu betrachten. Es reicht DI Aidan Waits zu begleiten, denn der führt den Leser in die Gegenden, die von Junkies, Dealern und Eintreiberinnen bevölkert wird. Und ja, da geht es nicht gerade great zu, sondern ziemlich schmutzig und man muss sich auch mal die Hände dreckig machen. Schmutziger Thriller, der durch den Dreck überzeugt. Dreckiger, matschiger Thrill durch und durch.


Not great! Aber sehr schmutzig. Sehr, sehr schmutzig.

Great Britain wird in „Dreckiger Schnee“ nicht umsonst „Grey Britain“ genannt. Denn grau ist es hier in London tatsächlich. Nicht einmal der Beetham Tower, in dem das Hilton und ein paar exklusive Penthouses für noch exklusivere Bewohner untergebracht sind, ist wirklich great. Tatsächlich ragt das Gebäude wie „ein Stinkefinger in den Himmel über der Stadt“. Und es beherbergt auch düstere, schmutzige Geheimnisse. Kein Wunder, dass die 17jährige Isabelle abgehauen ist, und dass Papi, der Justizminister David Rossiter, nun nach ihr sucht.

Auch nicht great ist Detective Aidan Waits, die Hauptfigur des Thrillers. Der wurde zur Nachtschicht verdonnert und erzählt dem Leser, wie es dazu kam. Und dazu gehören einige not greate Dinge. Und eine Menge Speed. Und Veilchen im Gesicht, aber die machen es jetzt auch nicht great, auch wenn man meinen könnte, Waits ist ziemlich stolz darauf, einiges eingesteckt zu haben.

Nun gut, kommen wir zum richtig greaten Ding in der Geschichte. Waits hat nämlich eigentlich zwei Jobs. Zwei verdeckte Ermittlungen, die sich ziemlich überschneiden. Dass er diese Drecksarbeit an Land gezogen hat, ist aber auf seinen Mist gewachsen. Ein bisschen jedenfalls. Denn wer aus der Asservatenkammer Speed klaut, der wird strafversetzt. Und hat keine Wahl den Jobwechsel abzusagen.
Also hat sein Vorgesetzter ihn mal kurzer Hand in eine verdeckte Ermittlung verdonnert. Und zwar mitten rein ins „Grey Britain“, in Gegenden, die von Prostituierten, Freiern, Dealern, Junkies, Sirenen (so werden die Eintreiberinnen in diesem grauen Sumpf genannt) und alkoholdurchtränkten Männern bevölkert wird.
Er soll sich an den Drogenhändler Zain Carver dranhängen, der fast immer mit dem Bullenbeißer Grip abhängt. Sein Vollstrecker sozusagen. Eigentlich passt das ganz gut, denn auch für Rossiter soll er verdeckt arbeiten und seine Tochter Isabell auskundschaften. Und die ist in Fairview anzutreffen, auf dem Anwesen von Carver, wo es ziemlich high und alkoholgetränkt zugeht.

Schmutzige Ermittlungen in einem dreckigen Sumpf

Das Setting, die Figuren, die Story, alles ist ziemlich düster und dreckig, auch der Sprachstil ist dem angepasst. So hat man London wohl noch nicht gesehen, so abseits des Big Ben und der London Bridge, in verruchten Vierteln, in denen Dealer und Junkies Geschäfte machen. Dazu passt auch das Novemberwetter und die Kälte, die „um den Gefrierpunkt liegt, bei dem man sich fragt, ob der Planet uns loswerden will.“

Wie es so im grauen Nebel ist, so sind auch die Figuren ziemlich schwer zu fassen und keine Sympathieträger. Das haben Verbrecher ja so an sich, dass sie nicht gefasst werden wollen. Und wer will schon sympathische Figuren haben, wenn er einer Menge Antihelden folgen kann? Böse sehen sie aus mit ihren gebrochenen Füßen oder den blauen Flecken im Gesicht von der letzten Schlägerei. Auch Waits ist kein Saubermann, zieht sich Speed rein, säuft bis zur Besinnungslosigkeit, gilt als korrupter Bulle und ist irgendwie Freiwild für seine Kollegen, aber auch in der Gangsterwelt.

Ich kippte ein Bier, um meine Kehle zu besänftigen. Das Speed machte mich zum Superhelden, ich war unberührbar, überall auf einmal, ein echter Macher.
Zitat aus dem Buch „Dreckiger Schnee“ von Joseph Knox, S. 82

Was Waits besonders macht, er eckt an. Überall. Macht sich keine Freunde, weder in der Polizistenwelt noch in der Gangstergegend und vermutlich auch nicht bei allen Lesern. Er ist ein Typ mit Ecken und Kanten, an denen man sich die Haut aufreißen kann, wenn man ihm zu nahe kommt. Er hat einen schweren Stand, denn er gilt als korrupt in der einen Welt, als Bulle in der anderen Welt. Er passt nirgends rein und drängt sich dennoch auf.
Und das gefällt natürlich beim Lesen. Ein Typ, der sich nichts sagen lässt, der es schwer hat, der immer wieder aufsteht und eine draufkriegt. Und der durch seine raue, undurchsichtige Art wahrscheinlich auch nicht bei allen Lesern ein gutes Standbein hat. Aber Schurkenlesern gefällt das. Das Schurkenhafte in der Figur. Dieses schmutzige Grey, das Waits anhaftet und durch das er watet.

So wie die Story, die weit entfernt eines Great Britain angesiedelt ist. Denn alle Figuren scheinen aus der Schattenwelt entsprungen zu sein. Einer Welt, die von Drogen, Alkohol und Gewalt durchtränkt ist. Das ist ein verdammt knallhartes, düsteres Grey, das Great Britain wahrlich zum Grey Britain macht.
Und das ist gut so. Wer will schon schwarz oder weiß, wenn er grey haben kann? Mit Speed. Das macht süchtig. Nach mehr. Ich warte auf den zweiten Band, der hoffentlich folgen wird.

5 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Joseph Knox: Dreckiger Schnee ©2018 Knaur

Joseph Knox: Dreckiger Schnee ©2018 Knaur

DRECKIGER SCHNEE
Originaltitel: Sirens (2017)
Autor: Jospeh Knox →
Erscheinungsdatum: 03.09.2018
Verlag: Droemer Knaur Verlag →
Seiten: 432
ISBN: 978-3-426-52210-3
Aus dem Englischen → von Andrea O’Brien →
Reiheninfo: Band 1 der Aidan Waits – Reihe →

  1. Tolle Rezi! Bin wirklich froh, dass der Schurkenblog wieder da ist. 🙂 – Knox habe ich ohnehin auf dem Merkzettel gehabt. Dank Dir wird der Titel jetzt noch ein wenig interessanter.

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    1. Vielen Dank dir! Ja, Knox ist definitiv ein Autor, von dem ich mehr lesen möchte. Es passt einfach alles zusammen, vom düsteren, kalten Wetter angefangen bis hin zu den noch düsteren, kalten Figuren. Und Waits hat mir sofort gefallen, vor allem wegen den Ecken und Kanten, die ziemlich scharfkantig sind :-).

      Bin gespannt, ob du das Buch liest und wenn, wie es bei dir ankommen wird. Ich glaube ja, bei diesem Buch werden die Meinungen der Leser weit auseinander gehen. Bin gespannt, ob ich damit richtig liege. 🙂

      Schön, dass auch Crimealley wieder aktiv ist! Hoffe, ich finde am Wochenende die Zeit, mal wieder eine Blogrunde zu drehen. Liebe Grüße dir, Iris

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  2. Klingt eigentlich genau richtig! Warum bin ich trotzdem skeptisch? 😀 Vermutlich lässt mich mein momentan doch etwas zu großer Stapel Ungelesener so kritisch werden. Aber von der Sache her und wenn ich mir Cover und Titel vom Original so vor Augen rufe, dann ist das eigentlich interessant. 🙂

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    1. Das kenne ich. Eigentlich müsste ich mich bei Neuanschaffungen auch ein bisschen einbremsen und mich mal den noch ungelesenen Büchern widmen, die hier noch liegen. Das schiebe ich immer wieder aufs nächste Monat auf :-).
      Für mich war Dreckiger Schnee genau richtig, aber ich denke doch, dass sich bei diesem Buch die Meinungen teilen werden. Es ist halt durch und durch gangsterlike, und vermutlich wird es Leser geben, die sich mit keiner der Figuren anfreunden können. Umso gespannter bin ich auf die Lesermeinungen.

      Dir viel Spaß mit deinem SuB! Der ja gut bestückt ist :-).

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      1. Im Moment sind aber auch so viele interessante Titel erschienen und es geht ja auch noch weiter so, dass es einem wirklich schwerfällt, sich zu entscheiden, was man zuerst lesen möchte. Also eigentlich alles wie immer, tihi. 😀

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  3. […] Dieses Buch ist düster, schmutzig, rau, ständig auf Speed, alkoholdurchtränkt und voll mit unsympathischen Antihelden, die sich gegeneinander Knochen brechen und gegen sich kämpfen. Ich habe es nämlich schon gelesen. Und ich bin von dem Reihenauftakt begeistert. Ich mag ja so unsympathische Helden mit Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen und schneiden kann. Und das haben die Figuren. Alle. Ausnahmlos. Zur Rezension → […]

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