Was so anfängt wie eine Liebesgeschichte und endet wie ein Action-Hollywood-Blockbuster ist das neueste Werk von Dennis Lehane.
Rachel kämpft mit ihrem Leben. Schon immer. Eine Mutter, die Liebe nicht kennt, und ihrer Tochter Rachel den Namen des Vaters nicht nennt. Ein Job, der sie in die Krisengebiete der Welt bringt, aus denen sie traumatisiert zurückkehrt. Und einen Mann, dem sie gleich mal im ersten Satz erschießt.
Der neue Roman von Dennis Lehane wirkt anders als seine bisherigen Romane. Leider.


Wellen im Tiefgang

Normalerweise surfen Lehane und ich auf einer Wellenlänge, was Geschichten betrifft. Das war schon mit „Shutter Island“ so, ein psychologisches Spiel zwischen Leser und Figuren vor einer psychiatrischen Kulisse. Genial erzählt.
Mit psychologischen Tiefgang fängt auch „Der Abgrund in dir“ an und Wellen gibt es auch. Nur mit der Kulisse war sich Lehane anscheinend nicht einig, denn das Buch wirkt etwas zweigeteilt.

Langer Charakteraufbau

Gleich im ersten Satz erschießt die Hauptfigur Rachel auf einem Boot ihren Mann. Fängt also ganz schön dramatisch an und entfacht beim Leser eine Monsterwelle.
Dann gibt es eine Wende. Es plätschert. Weit zurück. In Rachels Kindheit, was sich zwar ruhig liest, aber den Leser natürlich dazu drängt zu erahnen, wohin der Autor die Geschichte treiben will. Treiben lässt sich auch der Leser, denn Rachels Mutter hat es nicht so mit der Liebe und verweigert ihr den Namen des Vaters. Den sucht Rachel über Jahre verzweifelt und heuert sogar einen Privatdetektiv an, Brian Delacroix, der ihr bei der Suche helfen soll.
Über hunderte von Seiten fächert Lehane Rachels Leben auf. Rachel als Kind, Rachel als Jugendliche, beim Studium, ihren Einstieg als Reporterin, ihre erste Ehe und das Wiedersehen mit Brian, dem Detektiv.
Besonders die Beziehung zu ihrer Mutter Elizabeth Childs, einer einst berühmten Autorin, veranlasst den Leser dazu, zu erahnen, dass diese Beziehung Spuren bei Rachel hinterlassen hat.
Später entwickelt sich aus Rachel, die verbissen nach ihrem leiblichen Vater sucht, eine Frau, die unter Panikattacken leidet, unzählige Therapeuten braucht, weil sie ihre Wohnung kaum verlassen kann.

Dann gibt es einen Schnitt. Die Geschichte entwickelt sich weg von der psychologischen Seite und hin zu einer unglaubwürdigen, etwas überladenen Actiongeschichte.

Haiti verändert alles.

Irgendwie fängt alles in Haiti an, wo Rachel als Berichterstatterin vor Ort ist und traumatisiert zurückkommt. Denn hier bricht die Geschichte mit der psychologisch erzählten Seite und widmet sich mehr und mehr Richtung Action. Trotz Überschwemmung und Erdbeben kommt hier der Wellenritt nicht in Gang.
Rachel lässt sich scheiden und heiratet Brian. Er hilft ihr mit ihren Panikattacken und es wirkt alles wie eine fast perfekte Ehe.
Doch auch wenn sich die Geschichte um Lügen, Tricksereien und Verrat beginnt zu drehen, sie fesselt nicht. Im Gegenteil. Besonders das letzte actionreiche Drittel scheint irgendwie nicht dazu zupassen. Die Entwicklung wird unglaubwürdig und sehr überzogen. Und das lässt beim Lesen ein fades Gefühl zurück.

Nicht so wie bei den anderen Lehane-Romanen, die zwischen den Zeilen von Anfang bis Ende zu fesseln vermochten. Dieses Buch hier kann das leider nur anfangs. Es wirkt eher so wie ein Mix aus allen, was so in den Meeren der Geschichten treibt: Eine Liebesgeschichte, eine Verlust-Angst-Story, die dann mit Trickbetrug, Verrat und viel, viel Action aufgelöst wird. Ich finde „Der Abgrund in dir“ nur anfangs „Lehane-Like“, der sich dann in Scheinwelten verliert und am Ende mit einem Tosen am Meeresgrund versinkt.
Schade, denn Lehane ist eigentlich Meister der psychologischen Raffinesse.

Aber in diesen letzten Sekunden wurde ein ganzer Katalog von Gefühlen in seinem Blick sichtbar. Bestürzung. Selbstmitleid. Entsetzen. Eine Verlassenheit, die so umfassend war, dass sie ihn dreißig Jahre jünger machte und vor ihren Augen in einen Zehnjährigen verwandelte.
Wut natürlich. Empörung. … Liebe.
Zitat aus dem Buch „Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane, S. 9

3 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Dennis Lehane: Der Abgrund in dir ©2018 Diogenes

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir ©2018 Diogenes

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir ©2018 Diogenes

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir ©2018 Diogenes

DER ABGRUND IN DIR
Originaltitel: Since we fell
Autor: Dennis Lehane →
Erscheinungsdatum: 29.08.2018
Verlag: Diogenes Verlag →
Seiten: 528
ISBN: 978-3-257-07039-2
Aus dem Amerikanischen → von Steffen Jacobs → und Peter Torberg →

  1. Ich werde ihn lesen.
    Aber nicht jetzt.
    Diese negativen und enttäuschten Kritiken wabern grad zu sehr in meinem Kopf umher.
    Schade ist es dennoch, denn Lehane war für mich bisher ein Autor, wo man alle Bücher problemlos als Tipp aussprechen konnte 🙁

    Antworten

    1. Ja, das war Lehane für mich auch. Ich finde „Der Abgrund in dir“ nicht schlecht zu lesen, aber im Vergleich zu seinen anderen Werken war dies – für mich jedenfalls – sein schlechtestes Buch :-). Insgesamt kann man ihn aber immer wieder gerne empfehlen. Ein Top-Autor!

      Antworten

  2. Liebe Iris,
    Das Buch interessiert mich sehr, weil mich irgendwie schon Cover und Klappentext direkt angesprochen haben. Doch dann habe ich die ersten Rezensionen gelesen und die waren… nun ja, sehr durchwachsen. Manche sind absolut begeistert, aber viele haben genau die selben Dinge kritisiert, wie du. Da bin ich natürlich skeptisch geworden. Ich habe bisher noch nichts von dem Autor gelesen. Vielleicht ist das gut, und ich wäre bei dem Buch weniger kritisch, weil ich ja keine Vergleichswerte hätte. Aber andererseits lese ich doch dann am besten einfach gleich „Shutter Island“ von ihm, oder? Das scheint ja bedeutend besser zu sein, als das Neue. Oder was würdest du mir empfehlen?
    Liebe Grüße, Julia

    Antworten

    1. Hallo Julia,
      ich liebe normalerweile Lehanes Bücher, aber dieses hier fand ich wirklich sehr, sehr durchschnittlich. Ja, „Shutter Island“ ist absolut empfehlenswert, Mystic River ebenfalls – beides Einzelbände, auch die Coughlin-Reihe und die Kenzie-Reihe von ihm haben mir sehr gut gefallen. Ach, im Grund eigentlich alle davor ;-). Mit denen kannst du nix falsch machen.

      Für den Anfang würde ich dir aber wirklich Mystic River oder Shutter Island ans Leserherz legen. Das sind meine beiden Favoriten von ihm, wobei mir Shutter Island noch einen kleinen Tick besser gefallen hat als Mystic River.

      Viel Lesespaß dir! Ich bin gespannt … Iris

      Antworten

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