Nach der Lektüre von „Troll“ wird man das Internet mit anderen Augen betrachten. Denn Michal Hvorecký zeigt in einem dystopischen Osteuropa der nahen Zukunft, wie Trolle die Meinung der Allgemeinheit beeinflussen und Kritiker systematisch zerstören. Welche gefährliche Macht von ihnen ausgeht, schildert der in Bratislava geborene Autor und Journalist erschreckend glaubwürdig. Auf in die Trollfabriken!


Osteuropa in naher Zukunft

Kúkav, eine fiktive Stadt in Osteuropa der Zukunft, war einst eine Metropole mit vielen Einwanderern. Seit der Machtübernahme des Anführer-Vaters ist das Land aber touristenfrei, verarmt und isoliert.
Grenzmauern, Stacheldraht, Thermokameras, Abhörwanzen und zahlreiche Lager, in die man Kritiker steckt, spicken das Land nun. Die Menschen stehen Schlange, um an die Tagesration von 125g Brot zu kommen. Hybrid- und Informationskriege stehen an der Tagesordnung.
Selbst als das Regime gestürzt wird, bleiben Hass und Angst weit verbreitet. Denn die Trollfabriken arbeiten auf Hochtouren und verbreiten nicht nur Hasspostings im Internet, sondern auch allerhand Fakenews und manipulieren die öffentliche Meinung.

„Der Junkie und der Fettwanst“

In diesem Land wächst der namenlose Ich-Erzähler auf, der das Glück hat, im privilegierten Viertel unterhalb des Burghügels zu wohnen und von der Diplomatenverkaufsstelle versorgt zu werden. Doch schon bald ändert sich nicht nur sein Familienleben, sondern er erkrankt an Masern und landet fünf Jahre im Krankenhaus, während draußen seine Mutter mehr und mehr zerbricht.
Hier nimmt er nicht nur 45kg zu, sondern er lernt auch Johanna kennen, eine drogensüchtige 22-jährige, die sich diesem Informationskrieg entgegenstellen will. Die beiden schließen Freundschaft und werden „der Junkie und der Fettwanst“ genannt.

Verräter und Lügner

Wie ein trojanisches Pferd schleusen sich Johanna und der namenlose Erzähler in eine der Trollfabriken. Sie arbeiten dort als Trolle, verbreiten Hasskommentare und Falschmeldungen und machen das ganz gut.
Dabei wollen sie „ihren Feind“ lernen, und es gelingt ihnen auch, die Trolle zu reizen. Nur wie das mit Lügnern und Verrätern so ist, muss man aufpassen, dass man nicht selbst in diesem System geopfert wird.

Wirklich gut zeigt Michal Hvorecký diese Art der Manipulation durch Trolle, die sehr aktuell und nicht gänzlich erfunden ist. Wie funktionieren diese Trollsysteme? Wie können solche Hasspostings derartig erschreckende Ausmaße annehmen? Welche Tricks nutzen diese Trolle?
Schon alleine deswegen muss man dieses Buch empfehlen, denn ich kenne kein anderes, das diesen Aspekt unserer täglichen Interneterfahrung derart beispielhaft vorzeigt.
Dass solche Trollsysteme eine echte Gefahr darstellen, davor will uns Hvorecký mit „Troll“ wohl warnen. Denn wenn man Kritiker derart ausschaltet, haben bald solche Trolle das Sagen. Und die werden im Buch sehr unvorteilhaft dargestellt.
Hvorecký weiß auch, wovon er schreibt, denn schon 2016 hat er dem Standard ⇔ ein Interview über Hasspostings gegeben und er selbst war schon davon betroffen. Er arbeitet nicht nur als Autor, sondern ist auch Journalist und hat mitbekommen, wie Kollegen systematisch zerstört oder gar getötet werden (Ján Kuciak).

Dass der Autor Ahnung von der Materie hat, über die er schreibt, merkt man dem Roman wirklich an. Das macht ihn auch lesenswert und glaubwürdig, erschreckend glaubwürdig sogar. Die Darstellung der Arbeit als Troll, des ganzen Trollsystems, ist derart glaubwürdig geschildert, dass man nach dem Lesen der Lektüre wohl jedes einzelne Posting genauer betrachten wird. Und auch so manchen Blog mit anderen Augen lesen wird.
Das ist die Stärke des Buches, doch leider …

… ohne Kritik an der kritischen Story gehts leider nicht

Was bis hierhin schon auffällt, ist, dass Hvorecký viel zu erzählen hat, viel zu kritisieren versucht und viel in die Geschichte packen möchte. Denn nicht nur die Nachteile einer unterdrückenden Regierungsform werden auf den ersten Seiten gezeigt, sondern auch die Alternative Medizin wird angeprangert. Leider sind mir hier unglaubwürdige Stellen aufgefallen im Gegensatz zum Trollthema. Z.B.: Es ist kein Geld für Gesundheit da, aber der Ich-Erzähler verbleibt 5 (!) Jahre im Krankenhaus, ohne – außer anfangs – richtig krank zu wirken. Im Gegenteil, später hat er hypochondrische Psychosen, die – wie durch Zufall – plötzlich verschwinden und nie wieder erwähnt werden.
Nach dem Krankenhaus erhält seine Mutter eine Invalidenrente, verschuldet sich, und dennoch kann der Ich-Erzähler mehrere Jahre lang studieren und noch immer mit seiner Mutter unterhalb des Burghügels leben. Er stiehlt Medikamente, die eigentlich nicht da sein dürften, denn – wie gesagt, auch die Esoterikschiene und Alternativen Heilmethoden bekommen ihr Fett weg – es dürften nur noch homöopathische Kügelchen vorhanden sein. So richtig kann ich diesen Seitenhieb nicht einordnen, er wirkte für mich mehr störend als erweiternd und hat mich durch Widersprüche eher verwirrt.

Auch mit dem Aufbau von Johanna habe ich Schwierigkeiten: Johanna wird ausführlich eingeführt, wobei nicht nur ihre Drogensucht angesprochen wird, sondern auch von Prostitution und Diebstahl die Rede ist. Aber nur in einem Satz, man merkt davon nix im weiteren Verlauf und es wird auch nie wieder erwähnt.
Auch dass sie eigentlich eine treibende Kraft in der Geschichte darstellt, nach der Einführung aber beinahe wie ein Möbelstück in die Ecke geschoben wird und fast in Vergessenheit gerät, lässt mich etwas ratlos zurück.

Stilistisch wirkt der Text wie eine Berichterstattung, die ich persönlich nicht ganz passend gewählt finde: Denn es geht um Hass, um Angst, um zwei der stärksten menschlichen Emotionen, um verfeindete Lager, und dann wird alles ganz nüchtern und berichtartig erzählt. Finde ich etwas schade, ist aber sicherlich Geschmacksache.

Heißes, aktuelles Thema, über das man lesen muss

„Troll“ ist ganz sicher ein wichtiges Buch für unsere Zeit, unseren aktuellen Umgang mit dem Internet, in denen Hasspostings an der Tagesordnung stehen. Auch wenn ich die Umsetzung nicht in allen Aspekten gelungen finde, hat mich die Lektüre nachdenklich zurückgelassen und wird wohl eine Weile hängen bleiben. Denn die Arbeit der Trolle habe ich noch nie dargestellt bekommen und die ist erschreckend, gerade weil Michal Hvorecký das Trollsystem lebensecht und glaubwürdig schildert.

Nach dieser Lektüre wird man Postings, Blogbeiträge, selbst Nachrichten, wohl mit anderen Augen betrachten. Eine kritische Dystopie, die mich zwar nicht vollends überzeugen konnte, die aber schon wegen des Themas absolut lesenswert und vor allem wichtig für die heutige Zeit ist. Und deswegen müsste man dieses Buch eigentlich jedem in die Hand drücken, der das Internet nutzt, der Social-Media-Postings liest, der Nachrichten überfliegt.
Man muss das System verstehen, um sich von Lügen nicht blenden zu lassen. Und genau das gelingt – trotz meiner Kritikpunkte – Michael Hvorecký wirklich gut. Er entblößt die Arbeit der Trolle bis ins Detail. Erschreckend.

Trolle hassen Widersacher und Kritiker. Sie reagieren auf sie, als hätten sie einen Stromschlag bekommen. Sie griffen sofort an, wetteiferten sogar, wer das auserwählte Opfer zuerst vernichten würde.
Widerstand schien völlig zwecklos. Trolle konnte nichts aufhalten.
Zitat aus „Troll“ von Michael Hvorecký, S. 176

3 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Michal Hvorecky: Troll ©2018 Tropen Verlag

Michal Hvorecky: Troll ©2018 Tropen Verlag

TROLL
Originaltitel: Trol (2017)
Autor: Michal Hvorecký →
Erscheinungsdatum: 30.08.2018
Verlag: Tropen Verlag →
Seiten: 215
ISBN: 978-3-608-50411-8
Aus dem Slowakischen → von Mirko Kraetsch →

  1. Liebe Iris,
    Eine sehr interessante Rezension. Das Buch habe ich schon in den Verlagsvorschauen entdeckt und seit damals steht es auf meiner Wunschliste, weil ich das Thema sehr interessant finde. Deine ehrliche und kritische Rezension hat mich jetzt irgendwie noch neugieriger auf das Buch gemacht, auch wenn dich der Roman ja anscheinend nicht vollkommen überzeugen konnte. Aber die Grundidee ist ja wirklich sehr spannend und bisher weiß ich auch kaum etwas über das Thema. Und das, obwohl ich ja auch sehr viel in den Sozialen Medien unterwegs bin. Bin gespannt, ob ich das Buch da auch als so augenöffnend empfinden werde.
    Liebe Grüße, Julia

    Antworten

    1. Hallo Julia,
      das freut mich sehr, dass du nun noch neugieriger auf das Buch geworden bist. Deine Meinung würde mich nämlich selbst sehr interessieren :-). Die Grundidee selbst ist auch wirklich erschreckend glaubwürdig geschildert. Ich empfehle unbedingt nach der Lektüre den Autor zu googlen und auch die Grundidee, dieses Trolling, unter die Lupe zu nehmen.
      Auf alle Fälle ist es ein Buch, das man nicht liest und dann zum nächsten weiter geht, sondern mit dem man sich nach dem Lesen noch beschäftigt.
      Viel Spaß beim Lesen! Liebe Grüße, Iris

      Antworten

  2. Kritik am Ende die mich abschreckt – aber ich bin da auch eine genügsamere Leserin als du!(?) Gott, kritisiere ich zu wenig, bin ich zu fluffig?? o.O

    Aber das Thema reizt sehr, das Cover spricht mich an und du hast mich mit dem Anfang deiner Besprechung einfach extrem neugierig gemacht!

    Liebe Grüße
    Janna

    Antworten

    1. Hallo liebe Janna!
      Jeder liest anders, schaut auf andere Dinge und wenn ich ganz ehrlich bin, beneide ich jeden Leser, der ein Buch einfach nur genießen kann und nicht an den kleinen Dingen hängen bleibt. 🙂
      Ich würde mich freuen, wenn du Troll lesen würdest! Einerseits gehört das Thema wirklich unter die Leute gebracht und andererseits bin ich super neugierig darauf, wie dir die Geschichte gefällt.
      Einen schönen Sonntag dir, Iris

      Antworten

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