Ross Thomas wäscht schmutzige Wäsche im Umfeld eines Politikers, wirbelt verdammt viel Staub auf und lässt Zeugen in Rauch aufgehen. Mit seinem Hardboiled-Ich-Erzähler Decatur „Deke“ Lucas arbeitet er dem meistgefürchtesten Mann Washingtons zu, einem Kolumnisten, der zwischendurch der Inbegriff für Lügenpresse ist. Ein Hardboiled-Polit-Krimi gewürzt mit viel trockenem Humor. Für Krimiinsider ein Must-Read!


Ohne Frage: Einer der ganz großen

Ross Thomas gehört zu den ganz Großen. Den richtig großen Autoren des Polit-Thrillers. Ross Thomas, einst selbst als PR- und Wahlkampfberater politisch tätig gewesen, hat natürlich Hintergrundwissen. Wie viel davon tatsächlich in den Romanen steckt, darf geahnt werden. Fünfundzwanzig Romane hat er bis zu seinem Tod 1995 geschrieben, davon fünf unter dem Pseudonym Oliver Bleek.
Der Alexander Verlag Berlin bringt seine Romane neu heraus. Gerade erschienen: „Dann sei wenigstens vorsichtig“, in dem es um – ich drücke es modern aus – Lügenpresse, Korruption und Erpressung geht.

Einer, der viel trinkt

Der Ich-Erzähler Decatur „Deke“ Lucas ist so richtig hardboiled getrimmt. Gewürzt mit trockenem Humor. Natürlich trinkt er. Viel. Natürlich hat er fragwürdige Moralvorstellungen, besonders für die 70er Jahre, denn sein Beziehungsstatus ist – sagen wir mal – schwierig. Geschieden, kinderlos, lebt er mit der freiberuflichen Fotografin Sarah Hill und ihrem Sohn zusammen, die Deke mit Sex aufheitert und tröstet.
Einundzwanzig Jobs hatte er in den letzten 12 Jahren, denn niemand will ihn festanstellen. Durch einen Einsatz für Kennedy ist er 1959 als Student zu einem Habgier- und Korruptionsspezialisten geworden. Sein Job umfasst: grimmig und geheimnisvoll dreinzuschauen und in Akten zu schnüffeln. Doch eigentlich ist er Historiker, kein Bundesschnüffler. Eigentlich eh das gleiche, oder? Sein 22. Job lässt ihn dann aber doch wieder schnüffeln, denn er wird von Frank Size angestellt, den meistgefürchtesteten Mann Washingtons. Ein Kolumnist, der viel lügt und sich dann mit einem Widerruf entschuldigt. Manches Mal zu spät, denn zumindest zwei seiner Kolumnen im „Gott-isses-furchtbar-Stil“ sollen für Selbstmorde verantwortlich gewesen sein.

Da isser er nun, der Deke, und schnüffelt wieder. Natürlich im politischen Umfeld.

Verdammt viel Rauch und Staub

Frank Size kann es eigentlich ja egal sein, ob seine Kolumne der Wahrheit entspricht oder nicht. Ist ja nicht so, als ob ihm das viel kümmern würde. Aber irgendwas stimmt da nicht, an dem Gerücht, dass der Senator Robert Ames sich hat schmieren lassen. Der Typ hat gerade von seiner steinreichen Frau eine Million Dollar zum Geburtstag geschenkt bekommen.
Also lässt er Deke von der Leine und ihn nach der Wahrheit schnüffeln. Blöd nur, dass die Zeugen, die bereit sind auszupacken, nach der Reihe in Rauch aufgehen oder ziemlich löchrig gefunden werden. Und Ames selbst hält dicht, verdammt dicht, als ob es noch etwas Schlimmeres als Bestechung in seinem Leben geben würde.

Das erzählt Ross Thomas ziemlich hardboiled und mit viel trockenem Humor. Deke sieht eiskalt zu, wie eine Zeugin vor ihn in Rauch aufgeht, bezahlt seinen Drink und schlendert davon. Zu Hause erwartet ihn Sarah, die ihn mit einem Stelldichein wieder auf Spur bringt. Genau das ist auch die Stärke des Stils, denn der liest sich knallhart, eiskalt, gefühllos und dann doch wieder mit einem einäugigen Schmunzeln.

Neben Rauch und Staub auch ganz viel Schmutz

Eigentlich hat „Dann sei wenigstens vorsichtig“ gar nicht mal viel politische Entlarvungen ins sich, wie man bei einem Ross Thomas vermuten würde. Eigentlich ist dies eher eine familiäre Schmutzwäsche, die hier gewaschen wird. Und gewaschen hat es sich, in dieser Geschichte, die ziemlich schmutzig endet.
Es werden alte Geheimnisse an die Oberfläche und durch den Schmutz gezogen. Die sind auch verdammt dreckig. Ross Thomas spinnt hier auch einige Fäden, die sich netzartig verbreiten und am Ende wieder gelöst werden. Mit einem Knalleffekt, denn wie gesagt, wir sind hier im Hardboiled-Reich und die Story endet ausgekocht.

Für mich ist Ross Thomas eine Größe für sich. Auch wenn mir die Geschichten mit der McCorkle und Padillo – Reihe oder der Wu und Durant – Reihe (im Alexander Verlag Berlin erhältlich – lesen!) besser gefallen haben als dieser Roman, so liebe ich das Gesamtwerk von Ross Thomas einfach. Hardboiled im klassischen Sinne auf hohem Niveau. Eben: Ross Thomas ist eine Größe für sich und darf in keinem Regal eines Krimilesers fehlen.
Ein Autor, der nicht nur Geschichten schreibt, sondern selbst eine Geschichte ist. Krimitipp für Krimiinsider!

Es begann so, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh.
Zitat aus dem Buch „Dann sei wenigstens vorsichtig“ von Ross Thomas, S. 5

3 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig ©2018 Alexander Verlag Berlin

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig ©2018 Alexander Verlag Berlin

DANN SEI WENIGSTENS VORSICHTIG
(Erste vollständige deutsche Ausgabe in neuer Übersetzung)
Originaltitel: If you can’t be good (1973)
Gekürzte deutsche Erstausgabe: Nur lass dich nicht erwischen (Ullstein Verlag, 1974)
Autor: Ross Thomas →
Erscheinungsdatum: 14.08.2018
Verlag: Alexander Verlag Berliln →
Seiten: 288
ISBN: 978-3-89581-476-1
Aus dem Amerikanischen → von Jochen Stremmel →
Einzelband →

  1. Jetzt hab ich doch die ganze Kritik gelesen, bevor ich meine geschrieben hab 😛

    Es war mein erster Ross Thomas, obwohl ich von seiner großen Serie hier seit einer gefühlten Ewigkeit den Auftakt liegen habe. Der wird da nun nicht mehr lange einstauben.
    Der Schreibstil ist ja mal wirklich super! hat mich echt gut unterhalten!

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    1. Danke, liebe Christin! Die Reihentitel von Ross sind wirklich verdammt gut :-). Ich hoffe, ich habe mal die Zeit für einen Re-Read, die würde ich gerne im Schurkenblog vorstellen.
      Dir ganz viel Lesespaß und eine schöne Woche!

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