Diese Autorin beweist Mut! Mut, die Probleme unserer Zeit so zu spiegeln, dass sie wahrscheinlich von einigen Seiten angefeindet werden wird. Denn sie packt nicht nur das „Roma-Problem“ unzensiert an, sondern rechnet auch mit Linken und Rechten und gleich mit dem ganzen EU-Förderwirtschaftssystem ab. Und sie zeigt die wahren Nutznießer des Links-Rechts-Streits: Denn am Ende lachen immer die Dritten.
Das wahrscheinlich wichtigste Buch des Jahres. Lesen! Und verstehen.


Zigeunersoße unter Biodeutschen

Denkt man an Köln, fällt einem als Erstes der Kölner Dom ein. Oder die Altstadt mit ihren urigen Gassen und Häusern. Oder die Hohenzollernbrücke mit ihren Liebesschlössern.
Liebe wird man in dem Köln der Autorin (mit deutsch-türkischen Wurzeln) Susanne Saygin aber vergeblich suchen. Denn sie zeigt Köln, wie Touristen die Stadt wohl nie zu sehen bekommen. Eine fiktive Geschichte über den Kölner Arbeiterstrich, der sich verdammt real lesen lässt. Kein Wunder, denn den Arbeiterstrich gibt es wirklich. Ab 6 Uhr warten dort Osteuropäer auf unterbezahlte Jobs. Mitten in Köln. Auf der Venloer Straße. (Quelle: wdr.de ⇔) Braucht man einen Arbeiter, bleibt man mit dem Auto stehen und hupt einmal, braucht man zwei, hupt man zweimal. Und doch geht es ihnen mit der harten Schwarzarbeit besser als in ihrer Heimat, wo sie in Müllbergen leben und vom Müll überleben. Niemand will diese „deutschen Sinti, bulgarischen Roma – alles eine Zigeunersoße“ (Zitat S. 83) haben. Weder in Bulgarien, nicht in Köln.

Was macht man mit Leuten in Thrillern, die man nicht haben möchte? Man entsorgt sie. Genau das passiert mit den Roma vom Arbeiterstrich.

„Die Kampflesbe und Kanake“

Zugegeben. Saygin zensiert nicht, lässt frei Schnauze erzählen und das darf zwischendurch so total „political incorrect“ klingen. Der „Kanake“ ist der Erzähler, Can Arat, ein 46-jähriger Studienabbrecher mit türkischen Wurzeln, der es gerade noch rechtzeitig zur Polizei geschafft hat. Ein Ibuprofen-Dauerschlucker, der sich unkonventionell an dem Fall festbeißt, nicht zuletzt, weil dieser Fall etwas mit dem Mord an seiner Ex-Freundin, der „linken Zecke“, zu tun hat. Die war übrigens weit links angesiedelt, sehr weit links, so weit links, dass sie einem Schwarz-Weiß-Denken verfallen war, wo es keine Zwischentöne gibt und sie die graue Gefahr nicht erkannt hat.
Egal, Schnee von gestern. Das Geschäft mit illegalen Billigarbeitern geht weiter.

Seine Chefin ist die „Kampflesbe“ (S. 29), auch eine Studienabbrecherin und „durchtrainiert wie ein Pitbull“. Wie ein launischer Pitbull eckt sie auch überall an, denn so richtig – oder wenigstens ein bisschen – sympathisch ist sie nicht. Für sie haben selbst Warnungen vor Jobverlust, Karrieretod, einen Homo- und/ oder Frauenhass im Hintergrund, immer ist eine „Hetero-Mache-Kacke“ (S. 105) an allem und jedem schuld.

Mit diesen Figuren macht sich der Leser auf den Weg. Rein in die Kölner Innenstadt und dann auf den Balkan. In Begleitung einiger Hooligans, denn natürlich fehlt auch die rechte Seite nicht. Und die sind so richtig knallharte Schlägertypen mit wenig Hirn und furchteinflößenden Aussehen. Daran sind vielleicht die Chinos schuld, die ja eigentlich ursprünglich als Uniformhosen gedacht waren. Also: Wen wundert es, wenn bei dem Anblick Angst aufkommt?

Saygin rechnet ab. Mit Linken, mit Rechten, mit Gutmenschen, mit hirnlosen Schlägern. Mit ausnahmslos jeden. Das macht sie ziemlich gut, denn wenn man eines aus der Geschichte lernt, dann: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Und der Vierte verliert.

Der Dritte im Bunde

Der ist natürlich hoch angesehen, scheffelt Geld, wird als Held in der Presse gefeiert, geht in das gleiche Nobelpuff wie der Staatsanwalt, wo im exklusiven Teil auch Minderjährige angeboten werden. Die kommen natürlich auch gerne aus dem Roma-Milieu. Die sind ein vielseitig einsetzbares, gutes Geschäft für böse Westler.
Und während die Linken in der Geschichte Krieg gegen die Rechten führen, wird das Konto der Dritten immer dicker. Fast ungesehen scheffeln sie Geld.
Die, die dann doch versuchen, diesen Dritten zur Strecke zu bringen, werden selbst zur Strecke gebracht. Dritte fühlen sich als unantastbar an. Und ein bisschen ist es auch so.
Aber wir haben ja Can in der Story und der ist so ein Typ, dem es egal zu sein scheint, ob er gewinnt oder verliert, der geht aufs Ganze. Cooler Typ, dieser Can.

Die Vierten sind die Roma. Diese Zigeuner, die in ihrer Heimat in Bulgarien auf Müllkippen hausen, die als erstes zu spüren bekommen, wie EU-Subventionen funktionieren, nämlich: Westliche Investoren werden immer reicher, während Roma noch weniger Jobs zur Verfügung haben. Weil das System etwas krankhaft aufgebaut ist, können Länder, die gefördert werden, nicht gesunden.
Ja, auch das kreidet Saygin in dem Buch an und der Leser lernt, warum dieses System hinten und vorne nicht funktioniert. Am Ende versteht man, dass alle recht und unrecht zugleich haben: Die Rechten sowieso, die Linken aber auch, denn nur Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, kann auf Dauer keine Lösung sein, denn das System lässt Fluchtgedanken erst entstehen und das bezahlen wir. Immer wieder. Ein Kreislauf der bösen Wirtschaft, der Investoren. So gesehen, bezahlen wir doppelt und dreifach – in die Brieftasche derer, die sich darüber freuen, dass zwei sich streiten und sie, den Dritten, dabei vergessen. So funktioniert Wirtschaft mit Gutmenschentum! Und auf der Strecke bleiben wie immer: die Roma. Die, die keiner haben will.

Der Spiegel unseres Wirtschaftssystem und Migrationproblems, und EU-Versagerpolitik?

Susanne Saygin hat da wirklich viel hineingepackt, auch wenn sie hier speziell nur das „Roma-Problem“ eingearbeitet hat. Die Probleme unserer Zeit, die wir nicht in den Griff bekommen, obwohl die Mehrheit ja anscheinend sehr hilfsbereit und multikulti eingestellt ist. Man fragt sich ja schon, warum all die Hilfe nicht funktioniert und immer mehr Menschen – abgesehen aus Kriegsgebieten – flüchten. Bei all den Subventionen, Spenden und internationalen Unterstützungen müsste ja längst eine Besserung in den Ländern eingetreten sein. Aber das zu hinterfragen, dafür wir meistens keine Zeit. Denn wir kämpfen gegeneinander, lassen uns durch Panikmache von den Kernthemen ablenken. Die Dritten lachen sich ins Fäustchen.
Das Problem sitzt tiefer, denn dieses ganze System scheint wirklich selbstfabriziert zu sein. Und gewollt. Und subventioniert von der EU. Von Dritten geschaffen, um zu scheffeln. Auf Kosten der Armen. Mit Armut kann man anscheinend gut Geld verdienen. Paradox, oder?

Wenn da ein paar Roma wegen Überarbeitung bei der Schwarzarbeit sterben? Egal. Die will eh niemand haben. Wenn da ein paar umgebracht werden. Auch egal. Roma! Die, die niemand haben will!

Hauptsache, die Presse passt. Das Konto.

Wie gut, dass es jemanden wie Can gibt. Und Marie, auch wenn die etwas blind dabei geholfen hat, dass diese Maschinerie nicht ins Stocken gerät … Wir brauchen mehr Cans. Das ist das Fazit am Ende des Buches. Neben all den anderen Faziten, weil dieses Buch dazu bewegt, etwas tiefer in die Materie zu blicken. Und dabei noch gut unterhält. Kaum zu glauben, aber es geht beides. Unterhaltsame Horizonterweiterung. Oder so.

Und wer das System dahinter noch immer nicht verstanden hat, der sollte dieses Buch lesen. Unbedingt.

Für mich ist „Feinde“ das wahrscheinlich wichtigste Buch des Jahres. Nicht nur inhaltlich horizonterweiternd, sondern – bis auf kleine Ausnahmen, denn manchmal denkt Can an zu viele Nebensächlichkeiten, die den Handlungsverlauf etwas stocken lassen – auch richtig gut zu lesen. Eben weil es manchmal wie auf der Straße zugeht: derb und unzensiert.

Bitte mehr davon.

5 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Susanne Saygin: Feinde ©2018 Heyne Verlag

Susanne Saygin: Feinde ©2018 Heyne Verlag

FEINDE
Autor: Susanne Saygin →
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
Verlag: Heyne Verlag →
Seiten: 352
ISBN: 978-3-453-43889-7
Aus dem Deutschen →

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