Ein bisschen Lust auf eine österreichische Spritztour zu gehen? Dann hängt euch an Olga, Kiki und Adrian ran, denn die zeigen euch Wien auf eine andere Art und bringen ein paar türkische Albträume mit. Zumindest für manche Türken.
Gudrun Lerchbaums politischer Krimi „Wo Rauch ist“ ist unterhaltsam, witzig, mit österreichischen Charme zu lesen, aber doch todernst. Vielleicht ist deswegen auch der Grabredner immer mit dabei. Sicher ist sicher. Ein Lesetipp für ganz besondere (sehr unterhaltsame) Lesestunden…


The only way is down. (S. 132)

Diese Lebensweisheit gehört zur Hauptfigur Olga Schattenberg. Vielleicht besteht auch deswegen ihr Name aus Schatten und Berg. Irgendwie passend. Eine Behinderte nennt sie sich, ein Krüppel. Sie sitzt nämlich wegen MS im Rollstuhl und ist insbesondere bei Schüben auf Hilfe angewiesen. Doch keine Angst, Mitleid wird mit Überfahren durch den Rollstuhl bestraft. Die Frau ist knallhart, schnell gereizt und überheizt. Eine Hauptfigur mit Handicap zwar, die aber rigoros ihre Finger im Spiel hat, wenn es um die Aufklärung am Tod ihres untreuen Ex geht. Denn das mit dem allergischen Schock glaubt sie keinem.
Vielleicht passt deswegen auch Christiane Bach, genannt Kiki, gut in ihr Umfeld. Die kommt nämlich aus dem Häfn, hat einen Mann getötet und ihr Leben so gar nicht im Griff. „Kiki, ein bisserl spinnert zwar, aber mit einem guten Herzen“ (S. 31), die sich gerne die Realität zurechtlügt. Nur das mit dem Übertreiben sollte sie vielleicht sein lassen. Zu leicht zu durchschauen, die knasterfahrene Ex-Braut des Grabredners Adrian.
Dieser Grabredner Adrian Roth, also derjenige, der vor 15 Jahren mit Kiki zusammen war und noch immer so ein Bruder-Schwester-Dings mit ihr am Laufen hat, der passt irgendwie so gar nicht zu den beiden temperamentvollen Vollblutweibern, die haben ihn – zumindest meistens – ganz schön im Griff.

Ach ja, zusammengekommen ist diese Dreierkonstellation natürlich durch einen Tod. Einen Sterbensfall, einer Beerdigung, um genau zu sein. Und da Adrian so was wie Frühlingsgefühle entwickelt, blieb es nicht bei dieser Trauerrede, denn bald steckt er so tief drin in diesem ominösen Todesfall, dass er sich um Kopf und Kragen reden muss.

Das wären also mal die Hauptfiguren, die etwas skurril daherkommen und das Wiener Setting wirklich bunt machen. Und durcheinanderwirbeln.
Aber auch der Plot selbst ist skurriler Natur. So mit schwulen Türken, türkischer Nazimafia oder so was wie rechtsgedrehten Geheimdienst.
Alles klar? Nicht?
Das finden auch die beiden Bullen, die in dem Fall herumstochern und auf der Stelle treten.
Nur Olga. Olga hat da so eine Vermutung und sie sorgt dafür, dass sich alle um die Aufklärung am Tod ihres Ex Can Toprak kümmern. Denn der war Journalist und hat auch herumgestochert.

Ein politischer Krimi mit Wiener Schmäh?

Geht das überhaupt? Politische Ernsthaftigkeit in ein witziges Korsett gequetscht? Natürlich nicht. Glaubt mir bloß nicht alles. Ein Korsett wäre jetzt nach Kikis Art zurechtgelogen. Und wenn ich ehrlich bin, hätte Olga, Kiki und Adrian das Korsett mühelos aus den Nähten platzen lassen. Die sind nicht steuerbar, die sind eine Ausnahmeerscheinung. Ein Wiener Procedere oder der Albtraum für jeden Wiener Polizisten und Bundesbeamten. Das sind sie die drei.

Aber ein Genuss für jeden Leser. Diese Figuren sind herrlich außer Kontrolle geraten und doch charakterlich schlüssig. Olga, die mit ihren Rollstuhl schon mal ordnungswidrig abgestellte Fahrzeuge schrammt. Kiki, die treuherzig wie ein Pitbull ihre Herrin, ähm Chefin, ohne Krallen aber gekonnt mit Messer und ohne Gabel verteidigt. Und Adrian, tja, Adrian, dem die Schmetterlinge im Bauch etwas durchgehen und der dadurch auch mal was wirklich Schreckliches durchgehen lässt. Oder petzt. Je nachdem, welche Frau … ihr wisst schon. Rosa Blicke machen ja bekanntlich blind.
Es gibt noch mehr: Schwule Türken, die es mit dem Schwulsein aber nicht so eng sehen. Die haben ja auch ganz andere Probleme aus eigenen Reihen. Denn: Schwule Türken? Gibt es nicht. Darf es nicht geben. Basta.

Ja, mit den Figuren macht Gudrun Lerchbaum wirklich eine Genussparty für den Leser. Mal zum Lachen, mal richtig todernst, mal erschreckend, wenn diese rechtsgedrehten Nazianhänger auf der Bildfläche erscheinen und jeden dunkelhaarigen Typen entweder verösterreichern oder rausprügeln wollen.
Denn bei all dem Witz, den die Figuren mitbringen, bleibt das Thema todernst. Und das Umfeld ebenso.

„Wo Rauch ist“ ist nämlich ein politischer Krimi. Einer, der genau hinsieht, was da bei uns so richtig schief läuft. Der das Ganze dann in eine Story packt, die wiederum den Leser packt. Schon alleine wegen den herrlich anders geratenen Figuren, dem österreichischen sprachlichen Touch, den undurchschaubaren Ausgang ein Lesegenuss.
Ein politischer Krimi, der unterhält. Bevor jetzt die Frage aufkommt, ob das Zusammenspiel mit Politik, Mord und Witz überhaupt geht… ja, es geht! Und wie! Mit Wiener Schmäh ist nämlich nicht zu spaßen, der geht direkt rein. Oder manchmal auch 2,20m tief. Oder auf eine Parkbank am Donaukanal. Je nachdem.
Für alle die einen politischen Krimi lesen möchten, der als Draufgabe wirklich gut unterhält, ein Geheimtipp!

Gute 4 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist ©2018 ariadne Verlag

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist ©2018 ariadne Verlag

WO RAUCH IST
Autor: Gudrun Lerchbaum →
Erscheinungsdatum: 13.08.2018
Verlag: Argument ariadne →
Seiten: 250
ISBN: 978-3-86754-233-3
Aus dem Amerikanischen → von Name →

  1. Au weh … wie soll man nach dieser Rezension zu dem Buch überhaupt noch nein sagen können? Durchgeknallte Figuren, witzige Lese-Unterhaltung, und dann noch ein Krimiplot? Volltreffer in meinen Lesegeschmack.
    Und (hoffentlich) nicht nur das Buch, auch Deine Rezension selbst ist ein Genuss!
    Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Gabi

    Antworten

    1. Oh, das freut mich riesig! Vielen Dank dir! Also ab auf die Bestellliste damit :-). Liebe Grüße, Iris

      Antworten

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