Die Suche nach einer gangstermäßigen Story im 20er-Jahre Setting von Chicago erweist sich in „Chicago“ von David Mamet als mühsames, langweiliges und spannungsloses Unterfangen.
Eine Enttäuschung für mich auf allen Ebenen, obwohl das Buch für mich die (!) Neuerscheinung im Oktober war.


Unterirdische Enttäuschung

Wie habe ich gewartet auf „Chicago“, ein Buch, dessen Beschreibung sich so nach gangstermäßiger Spannung in einem 20er-Jahre Setting liest. Dazu noch ein Autor, der kein unbekanntes Blatt ist. David Mamet hat nicht nur den Pulitzer-Preis 1984 für „Glengarry Glen Ross“ erhalten, sondern war auch mehrmals für den Oscar nominiert, hat zahlreiche Theaterstücke und Drehbücher geschrieben, darunter auch das Drehbuch für den bekannten Film „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1981).
Kein Wunder, dass „Chicago“ mein Buch der Neuerscheinungen im Oktober war. Aber wie wurde ich enttäuscht! Und wie musste ich mich durch das Buch kämpfen.

Ich habe da kein gutes Blatt übrig für „Chicago“ hier im Schurkenblog. Also los. Bringen wir es hinter uns, damit ich ein neues Buch beginnen kann.

Die Buchbeschreibung liest sich besser als das Buch

Der ehemalige Kampfpilot Mike Hodge arbeitet inzwischen als Reporter bei der Chicago Tribune. Chicago wird zu dieser Zeit von zwei Mafiaclans regiert: Al Capone und der irische Clan von Dion O’Banions. Zudem ist es die Zeit des Rassismus, Weiße regieren, Schwarze dienstleisten.
Mike ist verbotenerweise in eine Irin verliebt, Annie. Die wird kurze Zeit später erschossen und Mike verliert sich in Schuldgefühlen, ertränkt den Kummer in Alkohol und macht sich dann mit Rachegefühlen auf die Suche nach dem Täter. Dazu muss er mit der Mafia verhandeln und deckt einen Handel auf, der bis zur IRA führt.

Klingt soweit ja sehr interessant, oder? Der Haken ist nur: Die Zusammenfassung liest sich besser als die Story selbst.

Sperrig, träge, wiederholend

Das Problem fängt schon damit an, dass die beiden Reporter, Mike und Parlow, ihre philosophischen Gespräche wohl nur selbst witzig und geistreich finden und von diesen philosophischen Ergüssen gibt es eine Menge. Der restliche Text liest sich dann etwas sperrig, was wohl die Zeit näher bringen soll, ich aber so gar nicht gelungen finde, und er kommt nur träge voran, weil sich vieles wiederholt. Und wiederholt. Und wiederholt.

Die Story selbst dreht sich im Kreis. Mike dreht sich im Kreis, der steht still in seinem Kummer und seine Nachforschungen sind auch alles andere als spannend. Er quatscht, er bekommt Lügen serviert, Wahrheiten, Halbwahrheiten oder keine Antworten. Von Spannung ist weit und breit kein Fünkchen zu finden und von gangstermäßigen Figuren auch nix. Und weil dieses im Kreis drehen endlos in Länge gezogen werden kann, dreht sich das immer wieder … nun ja … im Kreis. Mike quatscht, bekommt Lügen, Wahrheiten, Halbwahrheiten oder keine Antworten aufgetischt. Und dann wieder von vorne, weil das ist so ein Kreislauf im Buch. Diese Wiederholungen, dieser Kummer, dieser philosophierende Mike.
Dazu kommt noch, dass die Atmosphäre der 20er- Jahre nur geschildert wird. Entweder von den Figuren oder vom Erzähler. Der Leser taucht nicht ein in die Zeit der Prohibition und schon gar nicht unter in Chicago.

Die einzige Figur, die etwas tröstet, ist die, die auch Männer nach Puttanesca (Hurenart) tröstet: Peekaboo, eine schwarze Puffmutter, die wenigstens etwas Leben in das Buch bringt. Das Problem ist nur, dass man zwischendurch als Leser schon wie ein Scheintoter eingeschlafen ist. Da kann auch eine Puffmutter nichts mehr aufrichten.

Erträglich macht aber selbst Peekaboo diesen spannunglosen, atmosphärenlosen, sperrigen Thriller nicht.

Wer in die 20er-Jahre eintauchen will, dem empfehle ich „Der weiße Affe“ von Kerstin Ehmer ⇔. Das ist Atmosphäre! Das ist Story! Das ist lesenswert!

Nicht blenden lassen von Nominierungen und Bekanntheitsgrad. Das habe ich mit diesem Buch gelernt.

1 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
David Mamet: Chicago ©2018 HarperCollins

David Mamet: Chicago ©2018 HarperCollins

CHICAGO
Originaltitel: Chicago: a novel (2018)
Autor: David Mamet →
Erscheinungsdatum: 01.10.2018
Verlag: HarperCollins →
Seiten: 384
ISBN: 978-3-95967-224-5
Aus dem Amerikanischen → von Kerstin Fricke →

  1. Nach der Buchbeschreibung bekam ich richtig Lust auf das Buch – schade 🙁

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    1. Ja, die Buchbeschreibung hat mich auch eingefangen. Umso enttäuschter bin ich wohl über das Buch selbst.

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  2. Autsch!
    Ärgerlich solche Verlockungen, die nach hinten losgehen.
    Hatte ich zum Glück schon länger nicht mehr *auf Holz klopft*

    Antworten

    1. Schicke mir eine Scheibe von deinem Glück – ich habe das immer wieder zwischendurch. Derjenige, der die Buchbeschreibung zu Chicago geschrieben hat, ist aber wirklich verdammt gut! 🙂 Der hätte von mir volle 5 Treffer bekommen.
      Leider hat mir Chicago dann überhaupt nicht gefallen. Ich musste mich wirklich zum Lesen zwingen. Schade. Und ja „autsch“!

      Antworten

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