Über den Sezessionskrieg der Vereinigten Staaten von Amerika erzählt Daniel Woodrell in „Zum Leben verdammt“. Brutal, emotionslos, düster zieht der Ich-Erzähler Jake Roedel in den Bürgerkrieg. An der Seite der Rebellen tötet er ohne mit der Wimper zu zucken selbst Landsleute, die wie er aus Deutschland stammen. „Es war nicht ungewöhnlich auf Feinde zu treffen, die zu friedlicheren Zeiten keine gewesen waren.“ (Zitat S. 49)
Bis selbst ihm das Gemetzel irgendwann zu viel wird und er sich nach Frieden sehnt.


Missouri, 1861, der Amerikanische Bürgerkrieg

Zwischen Hügeln, Tälern, Hickorywäldchen und Hornsträuchern tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Rebellen greifen Unionstruppen an, Männer des Nordens kämpfen gegen Männer des Südens, das Land wird heimgesucht von Bushwhackers (Rebellen) und Jayhawkers, die offiziell für die Befreiung der Sklaven kämpfen, wirklich aber „Pferde von ihren Reitern, Möbel aus Häusern, Vieh von den Weiden, wertvollen Schmuck aus Familienschätzen und Frauen von ihren Männern“ (S. 61/62) befreien. „Manchmal hatten sie so viel geplündert, dass sie Nigger brauchten, um alles wegzuschleppen und dann nahmen sie die auch gleich mit. Und das, so sagten sie, mache sie zu Gegnern der Sklaverei.“ (S. 61/62)
Zwischendrin tausende Flüchtlinge. Witwen mit schreienden Babys zwischen Ortschaften, die nur noch aus Asche, Glasscherben und einsamen Kaminen bestehen. Hängende menschliche Leichen. Überall. Missouri, eine Welt der Zerstörung, ein Land, durchtränkt mit Blut, durchsiebt mit Revolverkugeln.

Das Erschreckende daran: Woodrell hat dieses Setting gar nicht erfunden, vielleicht etwas ausgeschmückt mit brutalen Details und dem ein oder anderen hängenden verwesenden Leichnam auf einer Pappel. Woodrell erzählt seine Interpretation des Amerikanischen Bürgerkrieges, der 1861 bis 1865 wirklich tobte. Und er macht das richtig gut, selbst die politische Spaltung, die Frage nach Sklaverei, die zu diesem Krieg geführt hat, ist auf jeder Seite in dem Roman spürbar und anwesend. Nicht zuletzt durch den Sklaven Holt, der die Rebellen begleitet.

Dutchy, „ein Mann des Südens, wenn auch ein seltsames Exemplar

Mittendrin Jake Roedel, ein Dutchy, ein Deutscher, der sich einer Rebellengruppe angeschlossen hat, die im Banner der Schwarzen Fahne für die First Kansas Irregulars kämpft.
Als Yankees getarnt sind die Rebellen unterwegs, um Männer des Nordens zu töten. So fängt auch der Anfang des Romans gleich mal mordlustig an, als die Bushwhackers (Rebellen) am Fluss eine Familie entdecken. Da die Rebellen in yankeeblauen Uniformen unterwegs sind, beteuert der Mann, ein Freund der Union zu sein. Damit ist sein Schicksal besiegelt: 13 Schlingen sind genau richtig für den Familienvater.

Grausam und brutal setzt sich die Geschichte fort. Es ist ein Buch des Krieges, der Gewalt, eines Gemetzels, das sich immer mehr steigert und ausartet und bei dem es nur Verlierer geben kann.
Einen Hauch Menschlichkeit bewahren Briefe, die Roedel bei sich trägt und die er zwischendurch vorliest. Zeilen einer Mutter an ihren Sohn, die den Rebellen beweisen: Mütter sind alle gleich, egal woher sie kommen, auf welcher Seite sie stehen. Hoffnungen von Liebenden, Grüße von zu Hause, von Brüdern.
Aber so ein Hauch ist eben nur ein Hauch von nix inmitten all der Gewalt. Und die Gewaltspirale artet immer mehr aus.

Ein Kriegsgebiet, durchsiebt von Kugeln, durchtränkt mit Blut

Am Schluss bleibt ein entstelltes, blutiges Land übrig. Ein Land, das zerstört ist, eine Stadt mit 150 Toten. Obwohl Jake Roedel nie zimperlich war, seinen Revolver zu benutzen, fragt er sich nun, ob es richtig ist, für die Rebellen zu kämpfen. Und er sehnt sich nach Freiheit. Und Frieden. Ganz ohne Kampf. Wie so viele, während der Krieg weitertobt, die Rebellen weiter töten, Menschen sterben, Menschen leiden, Häuser niederbrennen.

Daniel Woodrells Buch ist kein Wohlfühlroman. Er ist ein knallharter Kriegsroman, eine Revolverstory, in der es keine Helden dafür aber viele Antihelden gibt. Eine Geschichte über die Sinnlosigkeit des Krieges, über das Ausmaß der Zerstörung und ein bisschen hat das Buch auch was von einer Coming-of-Age-Geschichte. Nur auf die grausame, blutige Weise.

Beeindruckend. Ein Lesetipp für Leser, die ein Stück Zeitgeschichte auf fiktionale Art lesen möchten. Oder überleben wollen.

Ein Roman, der auf einen wahren Hintergrund zurückgreift, eine Geschichte, die durchsiebt von Kugeln und durchtränkt von Blut ist. Brutale, düstere, blutige Revolverstory!
der BLOG der SCHURKEN

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Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Daniel Woodrell: Zum Leben verdammt ©2018 Liebeskind

Daniel Woodrell: Zum Leben verdammt ©2018 Liebeskind

ZUM LEBEN VERDAMMT (Neuerscheinung, neu übersetzt)
Deutsche Ersterscheinung: Rowohlt, 1998
Originaltitel: Woe to live on (1987)
Autor: Daniel Woodrell →
Erscheinungsdatum: 20.08.2018
Verlag: Liebeskind Verlag →
Seiten: 256
ISBN: 9783954380978
Aus dem Englischen → von Peter Torberg →

Aus den Blogs:

  • Dieser Roman hat Philipp Elph von Krimilese ⇒ in Rage gebracht, weil dieser Roman den Irrsinn vermittelt und dies mit nachhaltigen Worten erzählt wird.
  1. Ich mochte „Winters Knochen“ von ihm gerne lesen, auch wenn es die falsche Jahreszeit war 😀 Aber ich denke dieses Buch entspricht nicht ganz meinem Leseschema.

    Liebe Grüße!

    Antworten

    1. Das ist ganz anders zu lesen als Winters Knochen, ein bisschen im Western-Like :-), das ich zwischendurch auch gerne lese. Auch dir liebe Grüße und einen guten Start in den November!

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  2. Liebe Iris,
    Hui, das klingt ja nach einem harten Buch. Das Thema finde ich ja eigentlich ganz spannend. Ich habe zum Beispiel „American War“ gelesen, was ja auch auf diesem Krieg basiert. Aber „Zum Leben verdammt“ klingt mir echt zu heftig. Ich glaube nicht, dass das was für mich wäre.
    LG, Julia

    Antworten

    1. American War ist ganz anders als dieses hier. Hier ist es sehr blutig, sehr staubiges Setting im Westernstil, überhaupt kommt beim Lesen ein bisschen Westernfeeling auf. Und ja, es ist heftiger :-). Liebe Grüße dir und einen guten Start in den November!

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