Eine Selbstmordwelle erschüttert Deutschland, die sich viral im Internet verbreitet und nicht zu stoppen ist. Die beiden Hamburger Kommissare Alex und Daniel werden in den Fall hineingezogen, doch ausgerechnet derjenige, der sie auf dieses Spiel für Gewinner gebracht hat, scheint bald selbst ein Spieler zu sein. In einem Spiel, in dem es keine Gewinner geben kann. Oder doch?


Hamburg, St. Pauli: nur für Gewinner

St. Pauli stellt man sich als Außenstehender ja ohnehin schon sehr bunt vor. Die Reeperbahn mit ihren Nachtclubs und den schillernden Dragqueens, das Hafenviertel, die Junkies, einfach: Ein Ort, der viele außer- und ungewöhnliche Menschen beherbergt. Dass dort so stinknormale Menschen wohnen könnten? Undenkbar bei all den glitzernden Bildern, die wir durch die Medien von diesem Teil Hamburgs zu sehen bekommen.
Und doch gibt es dort – zumindest fiktiv – diesen Typen, der gerade seine Freundin verloren hat. Kilian Kaiser, ein Ex-Junkie, der sein Leben wieder auf die Reihe gekriegt und einen stinknormalen Job hat, der in Emilia verliebt ist. Verliebt war, um genau zu sein, denn Emilia ist tot. Selbstmord. Und schon ist es wieder vorbei mit der Normalität, die wir so gewöhnt sind. Denn dieser Ort ist der Anfang des Spiels. Des Spiels der Gewinner.

Eine Internet-Challenge, die zum Selbstmord aufruft

Mittendrin in dieser schillernden St. Pauli – Amüsiermeile schleppen zwei Kommissare, Alex und Daniel, immer wieder Touristinnen ab. Ihre Abschleppquote scheint genau so hoch zu sein wie ihre Aufklärungsquote: Sie gehören zum Team mit den meisten Aufklärungen. Doch an diesem Freitag wird das nix mit den Touristinnen vom Kiez. Denn Kilian Kaiser überrumpelt die beiden, weil er nicht glauben kann, dass Emilia sich selbst getötet hat.
Dass dieser Vorfall kein Hirngespinst eines Trauernden ist, wird bald klar: Immer mehr Selbstmörder springen von Brücken, schneiden sich Halsschlagadern auf oder bringen sich auf die eine oder andere Weise um. Und bei allen fehlt das Handy, dafür tauchen im Internet Videos mit den Hashtags #Thisisforthewinners #EinSpielfürGewinner von ihren Selbstmorden auf. Als dann auch noch ein elfjähriger Junge stirbt, ist klar: Die Sache ist verdammt ernst. Denn diese eigenartige Internet-Challenge scheint sich viral zu verbreiten und bald ist nicht nur Hamburg von einer Selbstmordwelle betroffen, sondern ganz Deutschland.

Ungewöhnlich und schillernd bunt wie St. Pauli selbst

Nicht nur St. Pauli kann schillern, sondern auch die Figuren des Psychothrillers können das. Damit sind gar nicht mal die lila oder grünen Haarfarben gemeint, die einigen Figuren verpasst wurden, sondern die unterschiedlichen Facetten der einzelnen Charaktere.
Kilian Kaiser, der sich von einem Junkie durch die Liebe wieder zurück ins Leben gekämpft hat, nur um dann durch den Selbstmord seiner Freundin wieder den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Auch der Hauptermittler Alexander Dornfeld ist kein Ottonormal-Papi. Er lebt mit seinem fünfzehnjährigen Sohn alleine, der Hintergrund dafür ist zwar nicht schillernd, doch alles andere als ein gewöhnlicher Trennungsgrund.
Und so überraschen alle Figuren, fast ausnahmslos. Es gibt eine bunte Vielfalt unterschiedlichster Charakterisierung, die diesen Thriller trotz des düsteren Grundthemas zum Leuchten bringen. Das macht Spaß beim Lesen! Mit jeder Figur.

Interessante Details, die Fiktion und Wahrheit mischen

Ja, oft sind es die kleinen Dinge, die am meisten Spaß machen. D’Arachart und Wedler haben hier viele kleine ungewöhnliche, außergewöhnliche, teils überraschende Details in die Geschichte eingebaut, bei denen es Spaß macht, sie zu entdecken. So zum Beispiel das russische Selbstmordspiel „Blue Whale Game“, eine Internetchallenge, die sich 2016 tatsächlich als Hoax ausgebreitet hat. Selbst der Name des Spielemachers hat seinen Sinn und verbildlicht sein Tun. Sogar Kritik an einigen Gesetzen gibt es zwischen den Zeilen, denn Suizid ist in Deutschland nicht strafbar (wie auch?), somit kann auch Anstiftung zum Suizid nicht strafbar sein. Womit es eigentlich ja keine Jagd nach einem Straftäter geben dürfte. Sehr nachdenkenswert, dieser Aspekt.
Selbst „das Spiel für Gewinner“ regt zum Denken an. Ein Spiel will man natürlich gewinnen, das liegt in der Natur des Menschen, doch wenn am Ende der Tod steht … tja, wer hat dann gewonnen? Und doch ist dies wohl Ansichtssache, wenn man genauer hinsieht, weiterspinnt, sich mit dem Thema vertieft.
So etwas ist nicht nur unterhaltend, sondern ein wahrer Mehrwert für Leser, der so ganz nebenbei zum Nachdenken angeregt wird – und das durch einen Thriller, der Spaß beim Lesen macht. Guter Mix!

Ein Autorenduo, das man im Blick behalten sollte!

D’Arachart und Wedler sollte man als Thrillerleser im Blick behalten. Ihr Psychothriller liest sich von der ersten bis zur letzten Seite rasant, überrascht mit den Details, den ungewöhnlichen – aber nicht übertriebenen – Figuren und unterhält in einem durch. Auch wenn der Aufbau manchmal für versierte Thrillerleser vielleicht nicht immer überrascht, entdeckt man beim Lesen immer wieder etwas, über das man mehr wissen oder sogar nachdenken will. Das macht das Lesen selbst zu einer Jagd oder : zu einem Spiel für Gewinner.

Wer gerne Mainstream-Thriller liest, der sollte keinesfalls an diesem Psychothriller vorbeigehen. Zugreifen und mitspielen. Denn der Leser kann nicht verlieren: Das Buch ist für Gewinner.

Vielleicht kann meine größte Schwäche ja zu meiner stärksten Waffe werden.
Zitat aus dem Buch „Ein Spiel für Gewinner“ von Nadine D’Arachart und Sarah Wedler, S. 163

5 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Nadine d'Arachart, Sarah Wedler: Ein Spiel für Gewinner ©2018 Telescope

Nadine d’Arachart, Sarah Wedler: Ein Spiel für Gewinner ©2018 Telescope

EIN SPIEL FÜR GEWINNER
Autor: Nadine d’Arachart → und Sarah Wedler →
Erscheinungsdatum: 20.11.2018
Verlag: Telescope Verlag →
Seiten: 480
ISBN: 978-3-95915-044-6
Aus dem Deutschen →

  1. Deine Rezension ist nun ’schon‘ die zweite positive Meinung zu dem Thriller, ich behalte ich mal wirklich im Blick 😉 Liebäugle eh schon damit – und wenn ein Thriller zum weiterspinnen solch einer Thematik anregt, genial.
    Autoren-Duos sind immer so eine Sache. Kann klappen, muss aber nicht – hier scheint es zu funktionieren. Und dieses „Spiel“ macht mich wirklich neugierig. Aber auch sonst scheinen die zwei talentiert zu sein, wenn es dich so gepackt hat – und sie obendrauf noch innerhalb dieser Geschichte Kritik am System äußern.

    Liebst,
    Janna

    Antworten

    1. Ja, mit Autorenduos ist es immer so eine Sache. Ich denke dabei nur an Ursula Poznanski und Arno Strobel. Jeder Autor für sich liest sich (für mich) wirklich gut, aber die Bücher, die im Duo geschrieben wurden, fand ich absolut langweilig.
      Bei D’Arachart und Wedler merkt man gar nicht, dass der Thriller im Duo entstanden ist. Obwohl ich darauf geachtet habe :-). Und die Details, die die beiden Autorinnen eingebaut haben, ohne die Handlung zu verzögern, fand ich mega. Also: lesen!

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      1. 😀 Ich fand „Anonym“ echt gut, trotz der Action, woraufhin direkt „Fremd“ einzog und immer noch ungelesen hier steht *lach

        Aber dieses Buch ist definitiv auch gemerkt! Und wenn du „mega“ schreibst, will das schon was heißen (=

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