In Crimson Lake ticken die Uhren anders. Verschlagener. Wie das Wetter. Der vermeintliche Zufluchtsort für verurteilte Mörder und versehentliche Kinderschänder entpuppt sich alles andere als ruhig, versteckt und abgeschnitten. Denn Ted wird gejagt, vorne von der Bürgerwehr und hinten von den Krokodilen. Und selbst jagt er mit der abgedrehten Amanda bald schon einen Mörder in dem kleinen Nest. Abgedrehter Thriller, der Spaß macht!


Überdreht, abgedreht

Jetzt ist es ja so, dass ich schon eine gewisse Neigung zu abgedrehten Figuren habe. Edward Conkaffey alias Ted Collins ist so eine. Zumindest auf den zweiten Blick. In Crimson Lake versteckt sich der ehemalige Drogenermittler aus Sydney vor seiner Vergangenheit. Denn das Leben hat Ted Collins übel mitgespielt. Vom einstigen Gesetzeshüter ist nur noch ein Scherbenhaufen vorhanden, denn 241 Tage im Gefängnis, ein Stempel als Pädophiler hat sein Leben gedreht. Abgedreht, um es genau zu nehmen.
Nun sitzt er also in diesem sumpfartigen Nest Crimson Lake in seinem eigenen Sumpf fest. Säuft Wild Turkey, redet mit seiner Pistole und hält als Familienersatz ein paar ebenso irrtümlich gestrandete Gänse. Hinter seiner Zuflucht lauern Krokodile und vor dem Haus die Bürgerwehr. Denn klar: So vermeintliche Kinderschänder will niemand haben. Auch seine Frau nicht mehr, die mittlerweile die Scheidung eingereicht hat und jeden Kontakt zu Teds Tochter verbietet.

Aber Crimson Lake beherbergt noch andere abgedrehte Individuen wie Ted. Dieses kleine hübsche Städtchen mit seiner hinterhältigen, tropischen Sonne und unvorhersehbaren Wolkenbrüchen ist auch Zufluchtsort der Privatermittlerin Amanda Pharrell. Die Frau mit den Pillendreher-Tremor und den ausgezehrten Schmetterlingstattoos übersteigt sogar noch Teds abgedrehte Traumaeigenschaften. Sie weiß, was er durchmacht, denn sie saß wegen Mordes ebenfalls im Gefängnis und ist die einzige, die Ted eine Chance auf einen Job gibt. Aber sie ist auch die, die man in Cairns und Umgebung nur auf dem Fahrrad sieht, denn niemals würde sie in ein Auto steigen. Und sie ist auch die, bei der man nie weiß, ob sie gefährlich oder einfach nur total übergeschnappt ist. Oder ein bisschen von beiden.

Wer glaubt, das reicht nun an abgedrehten überdrehten Figuren, der täuscht. Denn schlagende Bullen gehören ebenso zu diesem Städtchen wie fluchende, steinalte Pathologen und total überdrehte Fans eines Schriftstellers, der aus der Bibel verschwörungstheoretische Pornoliteratur macht. Naja, nun nicht mehr. Denn der ist irgendwie versumpft.

Tja, sagen wir mal so, in Crimson Lake ist alles ein klein wenig anders.

Candice Fox hat hier einen Thriller fabriziert, der eines zeigt: Wie schnell das Leben sich drehen kann von einem Mann, der fest im Leben steht, einen guten Job hat, eine Familie und einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Wie es ist, gejagt zu werden, obwohl man unschuldig ist. Wie es ist, aus dem Jäger zum Gejagten zu werden. Wie es ist, auf der falschen Seite am Tisch des Verhörzimmers zu sitzen. Wie es ist, wenn Freunde zu Feinden werden. Und wie unmöglich ein Neuanfang für einen solchen Mann ist.

Aber Candice Fox zeigt hier auch, dass in sumpfartigen ruhigen Nestern ganz viel Krokodile lauern. Nicht nur die, die bewegungslos in den Tümpeln hausen, sondern auch die, die eigentlich nach außen hin total unschuldig wirken und natürlich Amanda und Ted, eine verurteilte Mörderin und ein vermeintlicher Kinderschänder.
In so Sümpfen ist es gefährlich.

Die Stärke des Thrillers liegt für mich vor allem bei den Figuren. Überdreht, abgedreht, einerseits hoffnungslos, andererseits kämpferisch. Dazu kommt ein Spannungsstrang, denn Ted lebt hier einfach sehr gefährlich, immer gejagt, mal von der Bürgerwehr, mal von den Polizisten, dann wieder von Journalisten. Ihm bleibt keine Verschnaufpause. Dazu der Fall, an dem er mit Amanda arbeitet, um den verschollenen Schriftsteller tot oder lebendig zu finden. Und dann all diese vergrabenen Geheimnisse der Bewohner von Crimson Lake. Denn so beschaulich ist es da nicht. Und unter der Oberfläche brodelt es verdächtig tief.

Crimson Lake ist kein Thriller, der nach Schema A verläuft. Er hat thrill-Elemente, die den Leser durch die Seiten hetzen lassen, er hat aber auch teils komische Momente, durch die Überdrehtheit von Amanda, dann wieder sogar kritische Anzüge, weil Ted ja unschuldig ist aber von den Bewohnern am liebsten gelyncht werden würde. Das finde ich sehr interessant, dieser Mix, der da zu einem Ganzen geflochten wird, der dafür sorgt, dass Crimson Lake nicht als Stangenware durchgehen kann. Eher wie ein Scherbenhaufen, der zusammengeklebt wird, so dass daraus was Neues entstehen konnte.

Gut gemacht, gut zu lesen, mal was anderes im Regal. Und ich glaube, ich werde der Hades-Trilogie noch mal eine Chance geben. Da hatte ich nur den ersten Band gelesen, der mich einerseits fasziniert hatte, andererseits aber nicht so mitgerissen hatte, wie erwartet. Dennoch ist Candice Fox ein Name, den man sich merken muss und für Thriller steht, die den Leser überraschen können.

Ein unterhaltsamer Thriller-Mix der überdrehten, abgedrehten Art.

4 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenReiheninfo
Candice Fox: Crimson Lake ©2017 Suhrkamp Verlag

Candice Fox: Crimson Lake ©2017 Suhrkamp Verlag

CRIMSON LAKE
Originaltitel: Crimson Lake (2017)
Autor: Candice Fox →
Erscheinungsdatum: 09.10.2017
Verlag: Suhrkamp Verlag →
Seiten: 380
ISBN: 978-3-518-46810-4
Aus dem australischen Englisch → von Andrea O’Brien →
Reiheninfo: Band 1 der Crimson-Lake-Reihe →

„Crimson Lake“ – Reihe:

  1. Crimson Lake, 2017 im Suhrkamp Verlag
  2. Redemption Point, 2018 im Suhrkamp Verlag

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