Grandioses Hörspiel über ein verruchtes Berlin in den 20er Jahren

In der Mulackstraße 15 jazzt und swingt es überall. Zigarrenrauch schwebt durch die Straßen. Alkoholgeschwängerter Berliner-Slang mischt sich mit Gestöhne. Huren mit französischen Akzent puhlen um Freier, andere mit russischen Akzent saufen Wodka und knallen mit der Peitsche. Zwischendrin kümmert sich Minna mit Berliner-Schnauze um ihre Enkelin, ihre Huren, ihre Freier und so manchen korrupten Bullen und dunklen Gesellen aus der Straße.

Mittendrin ein achtjähriges Mädchen, das bei ihrer Oma, der Bordellbesitzerin Minna, aufwächst, während ihr Vater sich als Gigolo um betuchte Frauen kümmert.

Anna Basener lässt die Mulackstraße mit ihren Kneipen und Hurenzimmern wiederauferstehen, denn die Mulackstraße mit ihren Hurenzimmern und der „Ritze“ gab es wirklich.

Trailer zu „Die juten Sitten“ von Anna Basener ©Audible Original

Eine Geschichte mit lebendigen Rückblenden

Hedi, so heißt das Mädchen, das in der Mulackstraße 15 zwischen Huren und Freiern aufwächst, sitzt inzwischen im Gefängnis. Sie hat es bis zur Hollywood-Diva geschafft, doch ihre letzte, ihre wahre Geschichte, soll sie unsterblich machen. Viel von einer Diva hat sie nicht mehr, die roten Haare zeigen Ansatz, ihr Gesicht ist ungeschminkt und sie lechzt nach weißen Rosenblüten, von denen sie Reinigungsmittel ablecken kann. Und doch bezaubert sie Noah, einen Journalisten, ein Buch über ihr Leben zu schreiben und ködert ihn damit, dass er der erste ist, der die wahren Hintergründe zum Mord erfahren wird. Denn bis jetzt hat sie über das Mordmotiv geschwiegen.

Fünf Leben, eine Geschichte, viele Träume und Hoffnungen in der kleinen „Ritze“ des Scheunenviertels

Rückblickend erzählt Hedi vom Leben in der Mulackstraße. Vom Bordell „Die Ritze“, das sich auf nur vier Metern Breite zwischen zwei Häuserblocks quetscht. In diesen Rückblenden begegnet man Colette, der besten Hure des Scheunenviertels, die mit französischen Akzent so manchen Mann betört, nur den einen nicht, an dem ihr Herz hängt. Eigentlich spart sie für Paris, legt jeden Pfennig zur Seite, doch ihr Herz lechzt nach dem Unerreichbaren und obwohl die achtjährige Hedi sie warnt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Natalia ist ein anderes Kaliber. Wer bei ihr zahlt, bekommt keinen Sex, sondern mietet den Hurenbock, um ordentlich versohlt zu werden. Sie spült Wodka wie Wasser hinunter, zwängt ihren Körper in ein enges Korsett und hat doch hinter diesen Lack- und Lederpanzer ein Herz: ein Herz für Hedwig, ihre „Rybka“.

Die „Ritze“ gehört Minna, die früher selbst als Prostituierte gearbeitet hat, inzwischen aber von der Zimmermiete der Huren und dem Ausschank lebt. Minna muss die Konkurrenz im Auge behalten, ebenso wie den Bullen, der sie erpresst. Die Gesetze ändern sich, und dadurch auch die Gefahren, die Vor- und Nachteile verschieben sich.

Und da gibt es ja noch den Toten. Der ändert alles.

Eine Geschichte mit wahren Hintergrund

Anna Basener baut die Geschichte auf wahren Begebenheiten auf. Die „Ritze“ gab es wirklich in der Mulackstraße. Und mit ihr auch die Hurenstübchen. Der Tresen und die Inneneinrichtung des Hurenzimmers im Dachgeschoß kann sogar noch heute im GründerzeitMuseum im Gutshaus Mahlsdorf ⇔ angesehen werden inkl. einer Scheidendusche, die damals mit verdünnten Essig gefüllt war, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Auch die Geschichte des Prostitutionsgesetzes lässt Basener in die Geschichte fließen. 1927 wurde in Deutschland das Geschlechtskrankheitengesetz verabschiedet. Auch diese Änderung kommt in der Geschichte vor, als Colette ihren Beruf mit diesem Gesetz endlich als anerkannt empfindet. Nur Minna sieht in der Gesetzesänderung nur Nachteile.
In den 20er Jahren war der Krieg zwar vorbei, doch viele Menschen hatten keine Arbeit. Besonders Frauen, die noch immer von Männern abhängig waren, hatten oft nur eine Chance Geld zu verdienen: die Prostitution. Basener zeigt ihre Huren aber nicht als Opfer, vielmehr sehen die Prostituierten ihre Freier als Opfer.

Auch die homosexuelle Bewegung kommt im Hörspiel vor, denn Berlin galt schon damals als toleranteste Stadt und beherbergte zahlreiche Transvestiten. Ebenso gibt es einen Blick auf die „besonderen Gäste“, die sich in die „Ritze“ verirren, die hier abseits vom Rampenlicht ihren Gelüsten frönen. Denn tatsächlich hangen schon Marlene Dietrich oder Bertold Brecht dort ab. Basener wirft auch einen kritischen Blick auf Probleme, mit denen sich Frauen in allen Branchen herumschlagen mussten, denn Frauen waren sehr auf ihren Körper reduziert, nicht nur im Rotlichtmilieu. 

Selbstverständlich gibt es auch weißes Pulver. Kokain. In den 20er Jahren schnupften sich viele das Hirn mit dem weißen Zeugs weg. Auch das Adlon, Berlins elegantestes Hotel der Zeit, wo die wohl wildeste Frau Berlins  Anita Berber damals untergekommen ist, wird zum Schauplatz auserkoren. Und so geht es weiter, eine geschichtliche Zeitreise auf unterhaltsame Art.

Nur die Figuren, die Geschichte, sind fiktional.

Grandiose Atmosphäre, die die 20er Jahre auferstehen lässt

Das Hörspiel ist aber nicht nur inhaltlich beeindruckend, sondern auch die Umsetzung ist grandios gelungen. Das fängt schon mit der 20er-Jahre-Musik an. Es swingt durch die Kopfhörer, sodass man sich nicht wundern würde, wenn die eigenen Haare danach in Wasserwelle gelegt wären.

Besonders Ursula Werner, die Oma Minna spricht, lässt Berlin zum Leben erwecken. Im leichten Berliner-Slang behauptet sie sich in der Mulackstraße oder singt auch mal ein paar Zeilen hinter dem Tresen. Als Hörer fühlt man sich dadurch wie zu Hause. Bei Oma. In der Gaststube.

Saskia Rosendahl, die Colette eine Stimme gibt, verzaubert nicht nur Freier mit ihren französischen Akzent, sondern auch den Hörer. Colette, die total gutmütig gezeichnet ist, bekommt durch Rosendahls Stimme zusätzlich eine große Portion Gutmütigkeit verpasst. Den krassen Gegensatz dazu liefert Natalia Belitski (die Stimme von Natalia), die wodkagetränkt kratzbürstig durch die Hörer ihren Befehlston auf die Leute loslässt, aber trotzdem etwas Melancholisches mitschwingen lässt.

Tja und Fritz stöhnt sich durch Edin Hasanovics Stimme durch die Geschichte, während Jeanette Hain, die Hedi spricht, wie ein Ruhepool wirkt und dadurch den Umstand glaubwürdiger macht, dass Hedi wirklich nichts bereut, sondern mit allem abgeschlossen hat und nur noch die letzte Szene zu Ende bringen will.

Dazu kommt noch die Geräuschkullisse und Berlin ist erwacht. In den 20er Jahren.

Top-Hörbuch für über 18-Jährige und eine Kritik an mancher Kritik

Es ist natürlich schon beim Anblick klar, um was es in der Geschichte geht: Um ein Bordellleben in den 20er Jahren. Der Titel wird auch mit dem Hinweis geführt, dass die Geschichte nicht für unter 18-Jährige geeignet ist. Es kommt ja nicht nur viel Gestöhne darin vor, wie erwartet, wenn man ein Puff betritt, sondern auch unterschiedliche sexuelle Praktiken und manchmal Szenen ohne Einverständnis für sexuelle Übergriffe, um es mal zu umschreiben, welche bestimmte Menschen triggern könnten.

Aber all das ist bei einem Titel wie diesen zu erwarten. Umso mehr amüsieren mich ein paar Rezensionen bei Audible, die derbe Wortwahl, zu viel Sex, etc. kritisieren. Was erwartet man bei einem Hörspiel aus dem Bordell? Die derbe Sprache gehört doch in dieses Milieu, wäre dies anders, geglätteter, wäre die ganze Story nicht mehr authentisch.

Oder: Zu wenig historisches. Auch über das bin ich beim Lesen der Kundenkritiken gestolpert und dem muss ich wirklich widersprechen, denn Anna Basener hat nicht nur das Setting geschichtlich wiederauferstehen lassen, sondern wie oben schon geschrieben Gesetze, Frauenemanzipierung, die homosexuelle Bewegung, etc. in die Geschichte fließen lassen. Und dies auf unglaublich gute Art, denn die wahren Begebenheiten sind unscheinbar mit der Geschichte verwoben. Als Sittengemälde ist dieses Hörspiel ein Volltreffer, und man bekommt, was suggeriert wird: eine derbe Sprache aus dem Rotlichtmilieu. 

Ein Blick hinter den Tresen der Ritze

DIE JUTEN SITTEN
Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten.
Hörspiel von Anna Basener


Sprecher: Jeanette Hain, Saskia Rosendahl, Natalia Belitski, Edin Hasanovic, Ursula Werner, Leonard Scheicher
Spieldauer: 8 Std. und 30 Min.
Erscheinungsdatum: 28.03.2019 Anbieter: Audible Studios
Kategorie: Romane, Zeitgenössische Literatur


  1. Ich LIEBE deine Rezension! Hätte ich es nicht schon gehört (( btw: liebsten dank fürs Verlinken <3 )), hätte ich mir dieses Hörspiel umgehen zugelegt!

    Mukkelige Grüße!

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