Das Unausgesprochene liefert in diesem Roman die Substanz. Und das Nichtvorhandene lässt die Geschichte beginnen. Zwei Figuren teilen eine Eigenschaft: Die Vergangenheit lässt sie nicht los, das Unausgesprochene ist allgegenwärtig und wirkt auf das Leben drastisch ein.

Edvard. Eine Woche nach der Beerdigung seiner Mutter fällt Edvard auf, dass im Zimmer seiner Mutter ein Bild fehlt: Das letzte Foto auf dem Edvard mit seinen Eltern zu sehen war. Entstanden vor 52 Jahren, an Edvards zehnten Geburtstag, kurz vor dem Verschwinden seines Vaters.
Auf der Suche nach dem Foto findet Edvard nicht nur das Bild, sondern auch ein Sparbuch mit einem beträchtlichen Guthaben, das auf seinen Namen ausgestellt ist, das viele Fragen aufwirft, zumal die Überweisungen alle aus norwegischen Städten stammen. Da er ohnehin nie an den Tod des Vaters geglaubt hat, macht er sich auf nach Norwegen um Antworten zu finden und die Bruchstücke seiner Vergangenheit zusammenzufügen.

Alva, die eigentlich Bianca heißt, ist die zweite Person, die unterwegs nach Norwegen ist. Offiziell will sie für eine Reportage recherchieren, doch viel mehr ist es wohl eine Flucht vor ihrem Mutterdasein, das sie selbst als schlecht einstuft, und eine Flucht vor ihrer neuen Beziehung, von der sie nicht weiß, ob es die richtige für sie ist.

Edvard und Alva treffen in der Bar auf dem Schiff aufeinander. Ein sehr ungleiches Paar und doch haben sie eine große Gemeinsamkeit: Beide können die Vergangenheit nicht loslassen und beide leben mit unausgesprochenen Dingen vor sich hin und versäumen dadurch viele Gelegenheiten, viel eigenes Leben, die Chance zur Veränderung.

Alexander Häusser schenkt uns einen Roman der unausgesprochenen Dinge. Nicht nur die Figuren selbst fallen dem Unausgesprochenen zum Opfer, auch der Roman lässt vieles unausgesprochen, zeigt Gedanken und Gefühle der Figuren, wertet dabei jedoch nicht und urteilt dann doch durch das Ende, die Wende, die die Figuren erfahren, ohne dabei alles ausgesprochen zu haben. Literarisch äußert feinfühlig zu lesen, keine Unterhaltung für zwischendurch, sondern ein Roman auf philosophischen Niveau. Ein Roman, der im Nachhinein die volle Wirkung entfacht, während er beim Lesen äußerst still und zurückhaltend wirkt. Eine Abwechslung.


Alexander Häusser
Noch alle Zeit

Pendragon Verlag, 14.08.2019
256 Seiten, ISBN: 978-3-86532-655-3
Aus dem Deutschen

  1. Huhu (=

    Ich hatte das Buch auch überraschenderweise vom Verlag bekommen und war erst verunsichert, ob es überhaupt eine Geschichte für mich beinhaltet. Cover ist wirklich schön und der Klappentext ließ mich doch neugierig werden. Diese Neugierde wird durch deine Worte noch verstärkt und ich bin gespannt, welch unausgesprochenes zwischen den Zeilen auf mich wartet!

    Mukkelige Grüße!

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    1. Viel Freude dir mit dem Buch! Bin sehr gespannt auf deine Meinung!

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  2. Das klingt wirklich nicht nach einem Buch für zwischendurch.
    Trotzdem danke für die Vorstellung 😀

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    1. Nein, ist kein Buch für zwischendurch. 🙂 Mehr so eines, das man wirken lassen muss.

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