Nach zwölf Jahren kehrt Nina unverhofft in ihren Heimatort zurück und sorgt in den ansonsten sehr beschaulichen und ruhigen Ort für richtigen Wirbel. Denn nun werden alte Geheimnisse hervorgezerrt, die alle Beteiligten versucht haben zu vergessen. Doch manches kann man nicht vergessen, manches verfolgt einen ein Leben lang. Zeit auszupacken.

Michaela Kastel ist eine Wucht
Vor einem Jahr konnte mich die österreichische Nachwuchsautorin Michaela Kastel mit ihrem Debütthriller „So dunkel der Wald“ (Rezension →) schon überzeugen. Doch die junge Autorin hat mehr zu bieten, wie sich jetzt zeigt, denn ihr zweiter Thriller ist ganz anders als ihr erster: viel komplexer, viel anspruchsvoller, aber nicht weniger unterhaltsam und vor allem: dramatisch.

Ein kleiner beschaulicher Ort in Österreich ist auch hier wieder Schauplatz eines Dramas. Nach außen hin wirkt dieses Dorf mit den Einfamilienhäusern und gestutzten Hecken fast idyllisch, dem Wald im Hintergrund, der malerischen efeuberankten Schule. Aber wir, Thrillerleser, wissen: Manches Sein ist oft nur Schein. So auch hier. Denn hinter den Wänden geht es ganz schön dramatisch zu. Betrügerisch.
Das dies keine Familienwiedersehenssoap und kein gemütliches Klassentreffen wird, ist schon auf den ersten Seiten klar erkenntlich. Denn Nina weiß schon bei der Hinfahrt, wen sie mit „bloßen Händen“ töten könnte.

Unbehagen löst Nina gleich nach ihrer Ankunft aus. Vor zwölf Jahren ist sie übereilt aus dem Ort geflohen und genauso überrascht sind ihre ehemaligen Freunde, sie nun wiederzusehen. Besonders ihre ehemals beste Freundin Mel weiß nicht so recht, wie sie dieses Wiedersehen einordnen soll. Misstrauen macht sich breit und wie der Leser bald erfährt, ist dieses Misstrauen mehr als angebracht.

Komplex, anspruchsvoll und charakterstark
Verschiedene zeitliche Episoden (2006, 2007, 2019) wechseln sich mit unterschiedlichen Perspektiven (Nina, Tobias, Gregor) ab. Dadurch liest sich die Geschichte wie ein spannendes Puzzle, das erst nach und nach zusammengefügt werden muss. Und zusammengefügt muss hier jede Menge werden, denn die Risse in die Vergangenheit wirken tief und auf so manchem Handgelenk auch vernarbt.

Eine Stärke der Autorin sind die Charaktere. Nina, die Hauptfigur der Geschichte, ist eine typische Antagonistin. Keine Figur, die auf dem ersten Blick sympathisch ist – und auf den zweiten noch weniger, aber sehr stark und ungewöhnlich gezeichnet ist. Schon als kleines Mädchen wirkt sie wie aus einer eigenen Welt.
Ihr Gegenpol ist die beste Freundin Mel. Ein schüchternes, gut erzogenes Mauerblümchen, dem jegliches Selbstvertrauen fehlt. Die Szenen, die die beiden Mädchen beim Heranwachsen zeigen, sind schon ohne Drama eindrucksvoll zu lesen, weil sie sich trotz der charakterlichen Unterschiede ergänzen, vollenden und schließlich dann doch zum Drama führen.
Die beiden Brüder Tobias und Dominik sind neu im Ort und auch hier gibt es starke charakterliche Unterschiede: Dominik, der ältere der Brüder, der typische Mädchenschwarm und Draufgänger, der nur Unsinn und Party im Kopf hat, während sein kleiner Bruder Tobias der Denker, der Streber, der Ordnungsliebhaber der Familie ist, sind an Gegensätzen kaum zu überbieten. Diese Bruderszenen lesen sich dann wie eine unterhaltsame Sitcom, allerdings mit mehr Tiefgang.

Eine Perspektive gehört Gregor. Von den Perspektiven her wirkt er wie ein Störfaktor, denn er gehört nicht zur jugendlichen Clique, sondern ist Ninas Vaters. Doch er verkörpert diese Scheinwelt des Ortes und verstärkt Ninas kaltherzige Charaktereigenschaften noch, weil sie dadurch nachvollziehbar werden.

Ganz anders als das Debüt, aber richtig, richtig gut
Dividiert man den Inhalt des Romans auseinander, bleibt eigentlich eine schon tausendmal erzählte Substanz übrig: Rache. Dividiert man weiter, bleiben noch Betrug, Geheimnisse, Misstrauen und Hass zurück, deren Ursprung natürlich die Liebe ist. Also eigentlich alles alte Bekannte eines Thrillerlesers. Rechnet man hier das Umfeld (Schulkameraden, beste Freundinnen, Familie, Kleinort) hinzu, bleibt die Substanz noch immer im Gläschen „nichts Neues“ haften. Und doch schafft Michaela Kastel es, diese altbewährten, schon tausendmal erzählten Grundideen zu einem neu wirkenden Stoff zu verarbeiten, der durch die Erzählweise eine Sogwirkung besitzt, der sogar mich ergriffen hat – und ich mag normalerweise keine Teenagercliquengeschichten. Außer aus Kastels Feder: die darf diese Substanzen mischen, und sie mischt sie richtig gut. Also bitte mehr von charakterlichen Überraschungsgeschichten. Love it!


MICHAELA KASTEL
WORÜBER WIR SCHWEIGEN


Emons Verlag ⇔, 17.10.2019
320 Seiten, ISBN: 978-3-7408-0643-9
Aus dem Deutschen

Michaela Kastel: Worüber wir schweigen ©2019 Emons Verlag
  1. Huhu du Lieblings-Schurkin!

    Ich sehe das Buch etwas kritischer als du und bin mehr Fan ihres Debüts! Das was „So dunkel der Wald“ ausmacht, fehlte mir hier leider. Ich finde es jedoch sehr interessant, das sich die zwei Bücher der Autorin sprachlich so unterscheiden. Dies zeigt ihre Vielfalt auf und lässt mich auf ein weiteres Werk aus ihrer Feder gespannt warten.

    Ich fand es sehr gelungen die Perspektive des Vaters mit einzubauen und auf Mels zu verzichten. Und ich kann dir nur recht geben, Nina wurde von Seite zu Seite unsympathischer, das macht auch ihre Vergangenheit nicht wett (Stichwort Eltern). Das Ende fand ich wiederum echt gut, da es die Frage innerhalb der Seiten verstärkt – eine Frage der Schuld oder eine Verkettung von Ereignissen.

    Mukkelige Grüße!

    PS: Hab deinen Kommi bei meiner Rezension schon mit einem Auge gesehen, Antwort folgt und verlinkt bist du bereits <3

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