Das Buch ist böse. Es metzelt. Aber was soll man auch von einem Western erwarten, der in Mexiko ausgetragen wird? Also echt. Natürlich fließt Blut. Und manchmal auch Tränen. Und es wird gestorben. Na, eigentlich getötet. Geschlachtet. In Foltermanier. Am staubigen Fließband Catacumbas. Ein blutiger Western mit bösem Setting und total unterschiedlichen Figuren. Western-Lesetipp!


Lesen auf eigene Gefahr!

Wer zart besaitet ist, liest jetzt mal weg. Wer kein Blut sehen kann, schaut sich das schöne Schurkenbild im Banner an. Alle, die jetzt noch hier sind: Auf geht’s in ein blutiges Westernabenteuer!
Vorsicht, nicht ausrutschen, denn wir reden hier nicht von Blutstropfen, sondern von Bächen, Seen, eine blutige Überflutung.

Dabei fängt es ja fast idyllisch an. Aber anfangs, um das Jahr 1902, sind wir ja auch noch in Texas, bei einem Gentleman, einem angehenden Hotelier, wenn er nicht so viel Pech gehabt hätte. Deswegen kommt ihm dieser Job gerade recht.
Nathaniel Stromler ist der genannte Gentleman. Selbst zu dieser Zeit, in diesem Land, in dem eigentlich jeder mit irgendwas bewaffnet ist, weigert er sich, selbst eine Waffe zu tragen. Erstaunlich, dass er sich der Gruppe um die Brüder Plugford und ihren Vater, dem knallharten Cowboy Long Clay, dem Neger Patch-Up und dem Indianer Deep Lakes anschließt. Buenos hombres. Todos.
Für eine Mission, die nicht ganz integer klingt. Aber das Geld. Das Geld könnte er gebrauchen für seine Verlobte und seinem Traum von einem eigenen Hotel.
Er weiß nicht, worauf er sich einlässt. Und schon gar nicht, wie die Geschichte enden wird. Er weiß nur, dass seine Mexikanisch-Kenntnisse gebraucht werden und er einen reichen Mann spielen soll.

Kaum zu glauben, dass zu dieser Zeit, in diesem Land ein Beisammensein zwischen Weißen, Schwarzen und Indianern derart zu einem Zusammenhalt führen kann. Aber Zahler hat dies wirklich glaubhaft eingefädelt. Die harten Männer, denen man kaum Ehre und Herz zutrauen würde, haben nämlich auch andere Seiten. Das ist nicht verstörend, das macht die Figuren menschlich und glaubwürdig. Die Charakterisierung und auch die damaligen Ansichten zwischen Weißen, Negern, Indianern und Mexikanern sind wirklich gut gelungen und ihr Miteinander zeigt die rassistischen Ansichten zu dieser Zeit, die aber manchmal nur verbal, nur nach außen hin getragen werden. Im Herzen sieht das oft ganz anders aus. Hut ab!

Die bunte Truppe macht sich auf. Nach Catacumbas. Mexiko.

Catacumbas

Was jetzt so süß klingt wie eine drollige, mexikanische Zeichentricktruppe heißt übersetzt eigentlich: Katakomben. Im Deutschen fällt der süße Klang schnell ab, oder?
Und tatsächlich ist Catacumbas nur für Männer mit Geld eine süße Verlockung. Für die Schwestern Dolores und Yvette ist dieser Ort die Hölle. Sie werden gehalten wie Vieh, am Leben erhalten mit nach Schimmel schmeckender Suppe, die ihnen durch einen Schweinedarm eingeflößt wird, und zu abartigen Sex mit nach totem Fisch stinkenden Männern gezwungen.
Die Schwestern gehören zur Plugford-Familie. So viel darf verraten werden. Und ihr könnt euch nun ausmalen, wie die Geschichte weitergeht. Aber mit düsteren Farben. Und ganz viel rot. Noch mehr rot. Viel mehr rot.

Brutaler Western

Zahler schont seine Leser nicht. Und die Figuren schon gar nicht. Die knallharte Rachestory rächt sich nämlich mit vielen Toten. Mit Quälereien, Folterungen, Hirnmasse, Verstümmelungen und Unmengen an Blut.
Aber doch liest sich die Geschichte bei all der Gewalt nicht etwa platt, sondern auch mit Herz, mit Hoffnung, mit der Erkenntnis von Unfairness und Schuld.

Es ist kein oberflächliches Westernmassaker, sondern eine Geschichte, die zwar splatterartig daherkommt, aber doch die vielen Seiten von unterschiedlichsten Typen zeigt, die eben nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt werden können. Denn jeder Mensch trägt eine dunkle Seite in sich. Bei manchen ist es eben nur ein wenig mehr davon. Oder viel, viel mehr.

So viel Dunkelheit und Röte muss der Leser ertragen. Und wird dafür mit einer brutalen, flotten Westernstory im Vollgalopp belohnt.

»Auf einer instinktiven Ebene«, sagte Long Clay, »fürchtet ein Mann Folter und Entstellung mehr, als er den Tod fürchtet. Er kann sich vorstellen, wie es ist, gebrandmarkt zu sein, weil er sich schon mal verbrannt hat; er kann sich vorstellen, wie es ist, blind zu sein, weil er schon mal in einem dunklen Raum gegen die Möbel gestolpert ist; und wenn er je irgendeine Form von Schmerz in den Weichteilen hatte, kann er sich vorstellen, wie es sich anfühlen könnte, kastriert zu werden. Der Tod ist völlig anders für ihn, weil er eine Unbekannte ist. Der Mann könnte sogar glauben, dass er der Anfang einer neuen Art von Existenz ist – wie diese Himmelsfantasien, die eure Schwester hat. Aber der Mann macht sich keine Illusionen darüber, welche Art Leben einen verstümmelten, blinden Kerl erwartet, dessen Penis entfernt wurde.«
Aus dem Ebook, Pos. 4769, von S. Craig Zahler: „Wie Schatten über totem Land“

7 von 10 Treffer

Bibliografische Angaben
S. Craig Zahler: Wie Schatten über totem Land ©2017 Luzifer Verlag

S. Craig Zahler: Wie Schatten über totem Land ©2017 Luzifer Verlag

WIE SCHATTEN ÜBER TOTEM LAND
Originaltitel: Wraiths Of The Broken Land (2015)
Autor: S. Craig Zahler →
Erscheinungsdatum: 15.12.2017
Verlag: Luzifer Verlag ⇔
Seiten: 400
ISBN: 978-3-95835-277-3
Aus dem Amerikanischen von Madeleine Seither
Reiheninfo: Einzelband

Buchbeschreibung:
Bei ihrem verzweifelten Versuch, zwei entführte Schwestern zu befreien, die man in die Prostitution gezwungen hat, stürmt eine Gruppe wild zusammengewürfelter Charaktere durch das Mexiko des Jahres 1899. Ihre Reise ist dabei nicht nur ein Ritt in die Hölle, sondern auch in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenzen. Diese Geschichte zerrt Sie von Anfang bis Ende erbarmungslos durch Staub, Dreck und Blut. Ähnlich wie in seinem Film »Bone Tomahawk“ schuf S. Craig Zahler mit diesem Buch eine außergewöhnliche Western-Erfahrung, die Elemente des Horrors mit der brachialen Gewalt des Asiatischen Kinos vereint.
Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt …
SCHATTEN ÜBER TOTEM LAND ist roh, brutal und unnachgiebig. Ein Roman, der an vielen Stellen bekannte Stoffe der großen Leinwand oder der Pulp-Literatur zitiert, und trotzdem ein Western ist, der seinesgleichen sucht.

  1. *räusper*
    Also, wenn ich jetzt nicht EXPLIZIT auf dieses Wort aufmerksam gemacht worden wäre, wäre es mir gar nicht so aufgefallen. Warum? Es passt zum Kontext und ich kenne Zahler. Ich weiß wie er schreibt.
    Feine Kritik, die Lust auf das Buch macht!

    [Meinen Tipp zu solchen Sachen, hab ich dir auf FB hinterlassen ;)]

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