Eigentlich müsste ihr Vater noch im Knast sitzen. Stattdessen steht er vor Polly, nimmt sie mit und versucht sie vor der Aryan Steel Gang zu schützen. Denn die hat einen Hinrichtungsbefehl für Nate und seine Tochter erhalten. Und schon bald jagt jeder jeden.


Sein Wille geschehe …

Wenn ein Wattestäbchen das Härteste ist, was man besitzen darf, dann sitzt man vermutlich irgendwo im Knast oder direkt im Hochsicherheitstrakt von Pelican Bay. Wenn man sich zusätzlich für einen Gott hält und trotz Wattestäbchenbewaffnung über Leben und Tod entscheiden kann, dann ist man wohl Crazy Craig Hollington selbst, der Kopf der Aryan Steel Bande.
Der hat wieder mal einen Hinrichtungsbefehl an seine Schergen rausgehauen.

Die Namen von drei Verurteilten wurden genannt: Ein Mann. Eine Frau. Ein Kind. Verlangt wurde eine besondere Art der Hinrichtung. Alttestamentarische Vergeltung.
Zitat aus dem Ebook, Pos. 49

So einfach geht das. Wenn man Gott der Gang ist. Dann ziehen andere in den heiligen Krieg, während man selbst, das Essen durch die Gitterstäbe serviert bekommt.

… wie im Knast so auch draußen

Nate McClusky hat fünf Jahre gesessen. Jetzt ist er draußen und er weiß, er hat ein „Whiteboys-Problem.“ Denn mit der Aryan Steel Bande ist nicht zu spaßen.
Also schnappt er sich seine Tochter und zieht ab. Nur wohin? Wohin, wenn dieser Gangstergott längst seine Soldaten ausgeschickt hat, um in direkt in die ewige Hölle zu schicken.

Auf der Venus herrschen andere Gesetze

Die elfjährige Polly ist schüchtern und zurückhaltend. Ganz anders als ihr Vater. Und trotz (oder gerade wegen) ihres hohen IQs kann sie mit Plüschteddybären sprechen und muss nicht an UFOs glauben, um zu wissen, dass sie eigentlich vom Planeten Venus kommt. Und dass sie wahrscheinlich nicht richtig tickt.
Klingt nach abgekackten Bockmist?
Ist es auch. Natürlich weiß sie, dass sie längst zu alt für Teddybären ist und dass sie nicht von der Venus kommt und dass ihr Vater „einer von den Bösen, ein Gangster“ ist und eigentlich ins Gefängnis gehört, wo er nicht ist, denn er steht vor ihr, also muss er ausgebrochen sein, die hätten ihn doch nie rausgelassen, … Und dass sie nicht mit ihm fahren sollte, ihre Mutter hätte ihn nie geschickt, aber jetzt ist er hier und ihre Mutter nicht, und nimmt sie mit.

Auf Erden beginnt ein Roadmovie

Was dann beginnt, ist ein Roadmovie durch Kalifornien. Denn Nate hat nur einen Wunsch: Seine Tochter vor der Aryan Steel Bande zu schützen. Blöd nur, dass sie Unterstützung von so ziemlich jeder Gang bekommen, die da draußen rumläuft. Und hinter ihnen her ist.
Als Film würde „Die Rache der Polly McClusky“ sicherlich gut funktionieren. Die Szenen wechseln flott, sind ständig in Bewegung, Figuren tauchen auf und werden wieder beseitigt. Dazu die vielen Gangster mit ihren blauen Blitzen (Zeichen, die für begangene Morde der Gang stehen), Woody-Woodpecker-Tattoos der Peckerwood Nation, 88er der Hitleranhänger, böse Jungs der Nazi Dope Boys, der Blood Skins, den Odin’s Bastards.

Der Teufel steckt im Detail

Jetzt ist es aber keine göttliche Komödie und kein Film, sondern eine Gangsterrachegeschichte auf Papier. So mit allem Drum und Dran. Verfolgte und Verfolger, Schusswechsel, natürlich gibt es Tote, Polizei, die sich einmischt und jagt, Junkies, Auftragskiller und eben Vater und Tochter, die auf der Flucht sind.
Und ja, das klingt teuflisch gut und in Dantes Sinn.
Wenn da nicht diese seichte Sprache wäre, die nur aufgehübscht wird mit ein bisschen kindlichen Gangsterjargon. Revolverheldaugen, Kirschlimohaare, Wassermelonenhaare. Bockmist, Alter!
Inhaltlich liest sich die Story wie Erwachsenenliteratur, stilistisch aber eher für Elfjährige.

Und dann dieses Mädchen! Polly. Dieses schüchterne, zurückhaltende Schulmädchen, das von ihren Mitschülern gemobbt wird, ihren Vater für seine böse Taten verurteilt, sogar Angst vor ihm hat und mit ihrem Teddy ihre Gefühle abspricht. Ausgerechnet dieses Mädchen soll sich in wenigen Wochen zu einer ausgewachsenen Gangsterbraut entwickeln.
Das hätte nicht mal Dante hinbekommen. Dieses Mädchen hat ein Gewissen, ist traumatisiert vom Anblick ihres Vaters, traumatisiert vom Tod ihrer Mutter und traumatisiert von der Welt ihres Vaters, die in ihre gekracht ist.
Ausgerechnet dieses Mädchen soll sich mit den bösesten Jungs der Stadt anlegen. Furchtlos. Gewissenlos. Unerschrocken handeln wie ein blauer Blitzträger anstatt als blauer Blitz zu enden.
Das ist verrückter als das Teddybärengequatsche. Sogar noch verrückter, als die vielleicht mögliche Herkunft vom Planeten Venus. Das ist verkackter Bockmist. Ungelogen.

Für Zwischendurch okay, sofern man sich mit dem seichten Textstil anfreunden kann und nicht auf Glaubwürdigkeit bei der Figurenentwicklung wert legt. Dafür bekommt man jede Menge schnelle Schüsse und viele, viele Gangstertypen in allen Variationen. Für mich ist dieses Buch leider nicht erwachsen genug, wenn auch inhaltlich ganz interessant und rasant zu lesen.

Hunde sind keine Menschen. Menschen sind Hunde. Sie kommen, wenn du schnippst. Sie drehen durch, wenn keiner zuschaut. Haben hinterher ein schlechtes Gewissen. Den Starken lecken sie die Pfoten und die Schwachen fallen sie an. Aus Langeweile richten sie Zerstörung an. Zerkauen, was sie lieben. Sie brauchen das Rudel. Ficken, was sie können, essen und trinken, was sie können, selbst wenn sie’s hinterher rauskotzen. Sie lieben denjenigen, der ihnen Liebe gibt, auch wenn er nicht gut ist, sondern verdorben und gemein. Hunde sind keine Menschen. Menschen sind Hunde.
Zitat aus dem Ebook, P. 1884

Knappe 3 von 5 Treffer. Inhaltlich für Erwachsene, stilistisch für eher für jüngere Lesen. Für zwischendurch.

Bibliografische Angaben
Jordan Harper: Die Rache der Polly McClusky ©2018 Ullstein

Jordan Harper: Die Rache der Polly McClusky ©2018 Ullstein

KILLER
Originaltitel: She Rides Shotgun (2017)
Autor: Jordan Harper →
Erscheinungsdatum: 23.02.2018
Verlag: Ullstein Verlag ⇔
Seiten: 288
ISBN: 978-3-550-08150-7
Aus dem Amerikanischen → von Conny Lösch →

Buchbeschreibung:
Polly McClusky ist elf und eigentlich zu alt für den Teddybär, den sie überallhin mitnimmt, als überraschend ihr Vater Nate vor ihr steht. Der ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, um Polly das Leben zu retten. Denn auf Polly ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Nate hat sich im Knast einen mächtigen Feind gemacht: die Gang Aryan Steel hat ihn und seine Familie zu Freiwild erklärt. Nates Exfrau wurde bereits getötet, Polly ist die Nächste auf der Liste. Auf der Flucht durch Kalifornien werden Vater und Tochter zu einem starken Team. Nates Kampftraining macht aus dem schüchternen Mädchen einen selbstbewussten Fighter. Und durch Pollys Scharfsinn halten sie den Vorsprung vor ihren Verfolgern. Bald ist Nate jedes Mittel recht, damit Polly wieder ein Leben ohne Angst führen kann.

  1. Also ich bin mit fast der Hälfte durch, daher hab ich nur nach unten gescrollt, die Zahl gesehn und mir meinen Teil gedacht. Meine Meinung kommt auch noch. Und dann les ich hier nochmal alles durch 😀 Aber ahne irgendwie, dass meine anfängliche Freude, sich bei dir einordnen könnte… warten wirs ab 🙂

    Antworten

    1. Bin schon sehr gespannt, wie das Buch bei dir abschneidet! Anfänglich war meine Freude auch riesig :-).

      Antworten

      1. Als der Teil mit den Wattestäbchen im Hörbuch kam, musste ich lachen, da der Sprecher es so zwanghaft ernst aussprach XD
        Das legte sich aber zum Glück und anfangs dachte ich echt, dass die Sprache klappen könnte. Polly hat crazy und kindlich, bei Nate rauer und derber. Nur irgendwie verschwimmt dann alles und die zahlreichen Personalisierungen waren statt perfekt inszeniert, nur noch ein Zucken im Mundwinkel wert … so ich darf jetzt icht zu sehr in die Tiefe gehn, sonst schreib ich hier meine halbe Kritik nieder XD (die folgt diese Woche noch)
        Also ja, auch ich war enttäuscht!

        Antworten

        1. Ja, die Wattestäbchen. 🙂 Ich habe jetzt einen ganz anderen Blick auf diese Dinger. *lach*

          Ich sehe, dir ging es wie mir. Anfangs dachte ich auch: Woah, die Sprache, ich liebe sie. Aber das Gefühl legte sich bald, eben genau aus dem Grund, den du nennst: Es verschwimmt alles. Bin schon sehr, sehr, sehr gespannt auf deine Kritik!

          Antworten

  2. Ah, sieste, und ich hatte erst noch kurz überlegt, es dann aber nach der Leseprobe sein gelassen und den Titel von meiner Vormerkliste gestrichen. Schien nicht die schlechteste Entscheidung gewesen zu sein, danke für deine Meinung! 🙂

    Antworten

    1. Aaaaaber es klang soooo gut! *schnief* Und fing auch super an. Menno! Muss Leseproben nun auch wieder etwas weiter lesen als nur die erste Seite :-).

      Antworten

  3. Kirschlimohaare? Da versagt meine Fantasie.

    Eigentlich mag ich Roadmovies. Und ich mag auch das literarische Gegenstück zu „Ballerfilmen“ mit wenig ausgefeilter Handlung, aber tollen Verfolgensjagden und Straßenschlachten. Aber ganz so seicht muss es auch nicht sein und sollte wenigstens mit starken Charakteren glänzen. Ich glaube, da gibt es andere Bücher, die mich mehr locken. Danke für die Buchvorstellung.

    LG Gabi

    Antworten

    1. Hallo Gabi,
      tja, ich würde das Buch nur für Leser empfehlen, die Jugendbücher wirklich lieben. Denn sprachlich und stilistisch ist es eher für Elfjährige geschrieben, nur eben inhaltlich spricht es Erwachsene an und ist darauf zugeschnitten.
      Liebe Grüße dir, Iris

      Antworten

  4. Hi Iris,

    ich würde dich gerne auf kathrineverdeen verlinken, wenn’s recht ist. Rezi erscheint nächste Woche, ein bisschen gnädiger fällt sie aus. 🙂 Deine Kritik aber ist großartig, du schreibst unheimlich amüsant und präzise! Allein der Einstieg mit der Wattestäbchenbewaffnung… *grins*

    Alles Liebe
    Alexandra

    Antworten

    1. Natürlich, gerne! Und vielen Dank! Freue mich schon auf eine weitere Meinung zum Buch (ich denke, die Meinungen werden hier insgesamt sehr gemischt ausfallen). Schönes Wochenende dir!

      Antworten

  5. Der Titel ist feinst, aber spätestens bei „[..]nicht auf Glaubwürdigkeit bei der Figurenentwicklung wert legt“ bin ich raus! Es muss nicht der tiefste Tiefgang sein, aber so ein wenig abkaufen muss ich die Story schon beim lesen – kann ich nicht, wenn es den Figuren an Glaubwürdigkeit fehlt! schade um deine Lesezeit

    Antworten

    1. Ich hoffe dennoch, von diesem Autor kommt noch was. Das war ja ein Debüt und die Idee finde ich noch immer spitze. Und mit ein bisschen Übung … tja, dann haben wir vielleicht bald einen ganz tollen Gangsterautor am Werken :-).

      Antworten

  6. […] Rezension dieses Buches auf dem Schurkenblog | Beitrag von Sonja Hartl über „Verbrecherische […]

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: