Ein rauer, rotziger Ex-Söldner-Bulle ermittelt mitten in Berlin. Mit ein paar nicht weniger rotzigen Kumpels eröffnet er eine Detektei mitten in Moabit. Der Tochter einer Frau, die Sascha Simoneit anheuert, wurde nämlich eine Niere entfernt. Doch die Organhändler sind Simoneit ebenbürtig. Und so Söldner kämpfen bis zum Letzten.


Raue, rotzige Typen

Es ist ja nicht so, als hätte Sascha Simoneit alle Chancen der Welt gehabt. Mit seiner Ausbildung zum knallharten Söldnermarinetaucher hat er sich wohl ein paar Wege selbst verriegelt. Irgendwann landete er bei der Polizei. Wo hätte man wohl sonst, knallharte ausgebildete Killermaschinen besser im Auge als dort? Sein Vorgesetzter bei der Polizei hat wirklich einiges durchgehen lassen, um dem Ex-Söldner im Team zu behalten, wobei das Alkohol- und Aggressionsproblem nicht die einzigen Handicaps des Zivilfahnders sind.

Ich war zu der Zeit im Polizeiabschnitt 33 als sogenannter »Kontaktbereichsbeamter«, kurz KoB genannt, im zauberhaften Berlin-Moabit eingesetzt. Weil sie gedacht hatten, dass ich mit meinem halb schwulen Ledertäschchen und einem Block Verkehrssündertickets bewaffnet wohl nicht allzu viel Unheil anrichten könnte. Doch, ich konnte. Genau wie zuvor als Zivilfahnder, oder besser Angehöriger des »Streifendiensts Verbrechensbekämpfung« im Rahmen Betäubungsmittel und Prostitution des Polizeiabschnitts 34, fand ich zielsicher jedes noch so kleine Fettnäpfchen. Auch wenn ich gar nicht danach suchte. Und nüchtern war. Ich hatte so oft verrissen und Scheiße gebaut, dass es mir inzwischen egal war.
Zitat aus dem Ebook, S. 19

Doch selbst der Polizei sind Grenzen gesetzt. Und der Geduldsfaden gerissen. In einem knappen Dreivierteljahr hat Simoneit es bereits geschafft, über ein „Dutzend Dienstaufsichtsbeschwerden und zwei Anzeigen wegen „Körperverletzung im Amt“ an Land zu ziehen“. Seine Waffe wurde durch eine Plastiknachbildung ersetzt, weil er einfach zu oft Gebrauch davon machte. Kein Wunder, dass aus dem Ex-Söldner schnell mal auch ein Ex-Bulle wird. Auf ex!

Kurden und Skorpione mitten in Moabit

Dieser Simoneit lebt mitten in Moabit, Berlin. Wo die Mhallamiye-Kurden aus der Kneipe seines Kumpels mal so eben wegen Schutzgelderpressung Hackschnitzel machen. Wo kleine Mungos (ein Jugendlicher namens Benjamin „Mungo“ Rivalla) von anderen drangsaliert werden. Wo sich aber auch Bastelgenies auf Ritalin wie Mehemt sich aufhalten. Oder metallsplitterbestückte Ex-Söldner wie Rizzo verschanzen. Und die Typen halten zusammen. So unglaublich das klingt, aber bald schon entsteht aus diesem Haufen ein illegales Multi-Kulti-Detektivteam.
Nur die Skorpione, die sind eigentlich eine wirkliche Plage, ein Teufelszeug, ein Schrecken, so richtig tief aus der Hölle entsprungen. Und die halten sich nicht nur in Moabit auf. Sondern auch in Südafrika, in Hamburg, in Sierra Leone, oder in Priština. Und vor denen hat selbst ein Ex-Söldner-Bulle Respekt, sind ja alle aus dem eigenen Verschlag, diese Typen.
Nur die Mutter der kleinen Maria, der illegal eine Niere entnommen wurde, kämpft wie eine Hyänenmama.

Rotzige Sprache, gefechtsmäßiger Aufbau

Gutenrath erzählt wie in einem Gefecht. Es fliegen die Szenen wie Kugeln, bei denen wild hin- und hergeballert wird. Kosovo wechselt sich mit Sierra Leone ab, Berlin mit Hamburg, Hamburg mit Eckernförde. Auch die Zeiten fliegen dem Leser um die Ohren. 1988, 1999, 2009, 2016. Das betrifft natürlich auch die Augen, durch denen gezielt wird. Der Leser begleitet mal in rotziger, sehr humorvoll zu lesender, Sprache Simoneit, der so einen typischen Söldnerslang auf Lager hat. Dann wieder einen der Skorpione, die ihre Brutalität aber auch mit mitleidschindenden Erinnerungen paaren. Das ist erstmal anspruchsvoll zu lesen, bis man die Scharfschützen kennt. Erst dann kann man sich beim Lesen unter die Kugeln ducken und das Schauspiel mal mit Schrecken, mal mit Boshaftigkeit, mal mit Rachegelüste beobachten.

Ein guter Auftakt einer neuen Thrillerreihe

Gutenrath kann schreiben, ja. Rau, rotzig, frei nach Schnauze lesen sich seine Szenen am besten. So hofft man als Leser, dass im nächsten Band Simoneit mehr Szenen bekommt, dass dieses Szenen-Zeitspiel-Gefecht etwas eingedämmt wird und dass wir wieder ein hartes Thema in die Detektei bekommen.

Ein guter Auftakt mit Luft nach oben. Aber Simoneit mit seiner raurotzigen Sprache sollte man im Auge, ähm, auf der Lesecouch, behalten.

3 von 5 Treffer. Rau, rotzig, unterhaltsam!

Bibliografische AngabenReiheninfo
Cid Jonas Gutenrath: Skorpione ©2018 Ullstein

Cid Jonas Gutenrath: Skorpione ©2018 Ullstein

SKORPIONE
Autor: Cid Jonas Gutenrath →
Erscheinungsdatum: 09.03.2018
Verlag: Ullstein Verlag ⇔
Seiten: 368
ISBN: 9783548289496
Aus dem Deutschen
Reiheninfo: Band 1 der „Sascha-Simoneit“ – Reihe

Buchbeschreibung:
Sascha Simoneit ist am Ende. Der Ex-Söldner ist wegen Alkoholmissbrauchs aus dem Berliner Polizeidienst geflogen. Doch er bekommt eine zweite Chance. Simoneit macht im Hinterhof einer Eckkneipe in Moabit eine Detektei auf. Dort hat er sich als Streifenpolizist Respekt verschafft, und auch Kiezgröße Benno Teufer steht auf seiner Seite. Schneller als Simoneit denkt, braucht er dessen Hilfe. Die Mutter eines kleinen Mädchens steht vor der Tür, dem illegal eine Niere entfernt wurde. Simoneit sieht rot.

„Sascha Simoneit“ – Reihe:

  1. Skorpione (Ullstein, 2018)
  2. ?
  1. Das klingt sehr schön „hard boiled“ und dass diese Detektei in Deutschland angesiedelt ist, gefällt mir nochmal extra gut. Ich behalte diese Serie im Auge.
    LG Gabi

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