So dunkel der Wald auch ist, so dunkel wie Paps nicht vorhandenes Herz kann er niemals sein. Michaela Kastel bringt Grauen und Schrecken auf die Lesecouch und das mit einer Tiefe, die den Leser gleich mit in das Loch und durch das Sonnentor zieht. Spannungsgeladener, tiefschichtiger Thriller mit grausamen Thema. Lesen!


Ronja, Räubertochter

Es geht tief in den Wald. Denn dort hausen Paps und seine Kinder. Paps klingt jetzt ja so richtig niedlich, lieblich irgendwie. Aber das täuscht. Gewaltig. Denn dieser Wald ist wirklich dunkel. Richtig düster, da hilft auch das Sonnentor nix, denn das Sonnentor ist nämlich auch gar nicht lieblich. Das dunkle Loch, in das Paps die Kleinen wirft, wenn sie nicht artig sind, nennen nur die Kinder Sonnentor. An irgendetwas muss man sich festhalten und sei es nur ein lieblicher Begriff in einer lieblosen, gewaltreichen Welt.

Michaela Kastel wirft dem Leser nämlich allerhand Abartigkeit auf die Lesecouch. Ohne Rücksicht, ohne Scham. Das fängt ja schon mit der Namensgebung an. Ronja. Ronja und Wald wird doch sofort assoziiert mit Ronja Räubertochter. Und dass diese Assoziation nicht ganz so falsch liegt, wird schnell klar. Denn Paps raubt wirklich. Kinder. Kinderseelen. Viele. Immer und immer wieder.

Ronja ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Inzwischen 20 Jahre. Doch wirklich viel von dieser Welt hat sie nicht gesehen, denn sie haust seit ihrem zehnten Lebensjahr bei Paps. Bäume, jede Menge, denn sie wohnt mit Paps mitten im Wald. Tote Tiere, denn sie leben von der Jagd. Zerbrochene, oder tote Kinder. Eigentlich beides. Denn Paps hat mit Lieblichkeit überhaupt nichts zu tun.
Ein Kommen und Gehen. Bei all den Namen. All den Löchern, den Gräbern, den Sonnentor-Kindern.

Freiheit ist Auslegungssache

Ronja kümmert sich um den Haushalt. Sie kocht, sie umsorgt die zwei Kleinen, Henna und Theo, die kranke Nika. Jannik ist mehr so Paps Handlanger, dressiert wie ein Hund, technisch begabt, er repariert das Auto, körperlich fit, er schaufelt Gräber. Und bei Paps kommen da schon einige Löcher zusammen.
So schwarze Löcher machen aber vor niemanden halt. Die Freiheit rückt näher. Ronja und Jannik wird eines klar: Sie sind frei. Oder auch nicht. Oder ein bisschen. Denn die Dunkelheit hat Jannik längst erfasst. Verschlungen. Selbst in Freiheit wird er diesen Schatten wohl nie mehr los.

„Wir sind frei. Wir wissen nicht, was das bedeutet, aber wir sind frei.“
Zitat aus dem Buch, S. 72

Hartes Thema, das in die Tiefe geht

Wirklich hart ist das Thema. Kindesmissbrauch. Kinderschändung. Kindstötung. Kindesentführung. Mitten im österreichischen Setting. Und so viele Namen. Verdammt viele. Lisa, Mona, Laura und Annika, Gerlinde, Lola. Und wie sie alle heißen.
Niemand schürt Verdacht. Jede Suche erfolgt erfolglos. Und nur wenige überleben Paps.
Was macht das aus Kindern, die dieses Martyrium, diesen Grauen, überleben? Das ist die Tiefe, in die das das Buch den Leser zieht. Ronja und Jannik sind so unterschiedlich. Während Ronja von einem normalen Leben außerhalb der Wälder träumt, flüchtet Jannik vor der Welt da draußen, die ihn so enttäuscht hat. Die ihn im Stich gelassen hat. Das ergibt natürlich Reibungspunkte zwischen den zweien.
Der Sog dieser Dunkelheit zieht alle immer weiter. Weiter hinab. Und hinab. Hinab.

… Dunkelheit bricht keine Menschen, sie verändert sie nur. Sie macht sie … dunkler.
Zitat aus dem Buch, S. 223

Michaela Kastel dringt ein in diese Dunkelheit. Ohne Maulkorb verbeißt sie sich in dieses Thema, diesen Grauen und reißt den Leser mit in eine Welt, die ungerecht, grausam und brutal ist. Während die Polizistin Sarah nach den Kindern sucht, zeigt Ronja das Ausmaß dieser Dunkelheit dem Leser. Und dunkel ist dafür gar kein Ausdruck. Denn so ein Kindesmissbrauch bleibt nicht spurlos. Er macht sprachlos. So wie dieses Buch. Dieses Thema.

Unglaublich spannend geschrieben. Erschreckend real erzählt. Und mit schwärzester Tiefe umgesetzt. Michaela Kastel muss man auf dem Schirm behalten. Ein Thriller, der nicht nur spannend zu lesen ist, sondern der auch nachdenklich macht, den Leser packt und nicht mehr loslässt. So muss Thrillerliteratur sein. Spannungsgeladen tiefschichtig.

(Einen Punkt Abzug gibt es nur für eine Frage, die ich mir nicht erklären konnte. Warum Paps, Jungs UND Mädels kiddnappt. Das habe ich bis zum Schluss nicht verstanden.)

5 von 5 Treffer! Böser Thriller für dunkle Lesestunden!

Bibliografische AngabenWeitere MeinungenÄhnliche Bücher
Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

SO DUNKEL DER WALD
Originaltitel: X (2009)
Autor: Michaela Kastel →
Erscheinungsdatum: 15.03.2018
Verlag: Emons Verlag ⇔
Seiten: 304
ISBN: 978-3-7408-0293-6
Aus dem Deutschen

Buchbeschreibung:
Eine klaustrophobische Welt aus Gewalt und Angst.
Ronja und Jannik führen ein Leben ohne Zukunft, seit sie als Kinder von einem gewissenlosen Entführer tief in den Wald verschleppt wurden. Eines Tages gerät die Situation außer Kontrolle, und die langersehnte Freiheit ist zum Greifen nahe. Doch was so lange ein Wunschtraum war, erscheint ihnen plötzlich fremd und beängstigend. Und die Jagd auf sie hat bereits begonnen ..
Eindringlich und schonungslos führt Michaela Kastel in eine klaustrophobische Welt aus Gewalt und Angst. Ein Ausnahme-Thriller.

Aus den Blogs:

  • „Düster wie das Cover“ sagt Philipp in seinem Krimilese-Blog ⇔ zum Buch. Sein Fazit: „„So dunkel der Wald“, für den Leser ein Experiment, wie viel Dunkel er ohne Hoffnung auf Licht ertragen kann – oder will.“
  • Einige Längen gibt es für Jessica vom Blog „Schattenwege“ ⇔ im Buch. Aber dennoch meint sie: Nüchtern erzählt, atmosphärisch und düster zum Thriller.
  • Total begeistert ist Maurice Feiel im Blog „Zwischen den Zeilen“ ⇔: „Für mich ist „So dunkel der Wald“ eine der besten „Entführungsgeschichten“, ich würde sogar meinen, eines der bestkonzipiertesten Thriller-Debüts der letzten Jahre.“

Aus dem Feuilleton:

Wem dieses Buch gefallen hat, dem könnte auch folgendes interessieren:

  1. Uuuuh, IRIS, du machst mich noch arm XD
    Das klingt übel und gut!
    Danke für den Tipp!

    Antworten

    1. Ha, ha, so soll es sein! Wie du mir, so ich dir (oder so :-)). Schönes Wochenende dir!

      Antworten

  2. Das klingt sehr spannend, ich glaube das Buch muss ich auf meine Leseliste setzen.

    Antworten

    1. Ja, solltest du wirklich! Ich finde es richtig gut, weil es eben nicht oberflächlich bleibt, sondern einfach zeigt, was solche Traumata auslösen können – und das ganz unterschiedlich. Und dazu noch ein Unterhaltungsplot. Einfach nur: toll zu lesen! Mit Mehrwert. 🙂

      Antworten

  3. Wo findest Du diese Thriller bloß immer? Auch wenn das Buch alles andere als harmlos und nicht nach fröhlicher Unterhaltung klingt, hast Du mich doch neugierig darauf gemacht. Das Buch klingt wirklich spannend!

    LG Gabi

    Antworten

    1. Nein, fröhlich ist es ganz und gar nicht. Erschreckend, düster, traurig. Ein Thriller-Plot mit Mehrwert, weil es eben psychologisch Tiefen ausleuchtet, aber in rasanter thrill-Unterhaltung.

      Das Buch habe ich in der Verlagsvorschau entdeckt. Ich glaube, ich verbringe die meiste Zeit sowieso beim Lesen der Vorschauen und auf den Verlagswebseiten *lach*. Meine Art, das Erbe der Jagd auszuleben :-). Schönes Wochenende dir!

      Antworten

  4. Och Iris mennoooo! Das Buch ist mir schon öfter begenet und bislang habe ich einen guten Bogen darum gemacht und dann kam dein Tweet der mich dann doch reizte und dann diese Rezension – man ey! Jetzt will ich das Buch sofort haben!!

    Antworten

    1. Yeah! Das freut mich! Also los, los, lesen! 🙂

      Antworten

      1. 😀 Immer dieser Stress *gröhl
        Erstmal kaufen, momentan stehts ganz oben auf der WuLi

        Antworten

  5. […] So dunkel der Wald → – Michaela Kastel […]

    Antworten

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