Augsburg, 1890. Es gibt kaum Anstellungen, Maschinen ersetzen Arbeitskräfte. Selbstmorde stehen an der Tagesordnung, weil die Not gerade unter Frauen am größten ist. Ludwig Schüssler sucht nach Luise. Und bald auch nach weiteren verschwundenen Mädchen. Sie alle wurden vor ihrem Verschwinden von einem Maler gemalt. Doch die Wahrheit ist grausamer, als es anfangs den Anschein hat.


Schlechtes Wetter …

In der Reichsstadt Augsburg ist das Wetter wie die Gemütslage. Kalt und regnerisch. Die sintflutartigen Regenströme verwandeln so manche Straßen in Matsch. Männer mit Gehröcken und Melonenhüten finden sich Im Lahmen Hasen ein, besonders am Zahltag wird hier so mancher Lohn versoffen.
Hunderte Hufe klappern über das nasse Kopfsteinpflaster und die eisenbereiften Kutschenräder klirren ohrenbetäubend.
Viktor Glass lässt das Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal lebendig werden. Und das macht er nicht nur mit Landschaftsbeschreibungen, sondern vor allem durch die Handlung. Eine Zeitreise für den Leser beginnt. In eine Zeit, die besonders für weibliche Leser ziemlich abstoßend ist.

… schlechte Zeiten …

Die Geschichte spielt nämlich in einer Zeit des Umbruchs. Dienstboten verlangen plötzlich Lohn für ihre Arbeit und geben sich nicht mehr mit kostenlosen Essen und Wohnen zufrieden. Sehr zum Ärgernis ihrer Herrschaften natürlich. Auf der anderen Seite werden immer mehr Maschinen in den Fabriken eingesetzt und viele verlieren nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Hoffnung, ihre Zukunft. Besonders die Frauen trifft diese Umstellung hart.
Kein Wunder, dass die Selbstmordrate steigt. Dass sich so manche Frau absichtlich vor ein Pferdegespann wirft, was übrigens ein grausamer Tod ist. Andere werfen sich in die Lech. Oder werden vom Maler Berwanger gerade noch abgefangen.

… schlechte Männer

Frauenfeindlich liest sich die Geschichte durch und durch. Und das nicht wegen des roten Fadens, der sich darum dreht, dass junge, hübsche Mädchen plötzlich spurlos verschwinden. Ludwig Schüssler sucht nach ihnen und vermutet bald einen Menschenhandel hinter den verschwundenen Mädchen.
Nein, die Geschichte ist mehr als nur ein Krimiplot. Die Geschichte lebt durch die vorgestellte Zeit. Sie zieht den Leser rein und spuckt ihn in einem Jahrzehnt wieder aus, in dem man besonders als Frau nicht willkommen ist. In einem Jahrzehnt, in dem man als Frau täglich ums Überleben kämpft. Umgeben von schlechten Männern. Das spürt man. Auf jeder Seite, in jedem verdammten Satz.
Es ist eine Zeit, in der Männer die Not verarmter Frauen ausnutzen. So ist es auch ein Leichtes für den Maler Berwanger, junge, hübsche Frauen zu finden, die Modell stehen für seine Gemälde, sich fotografieren lassen. Doch die Folgen davon müssen sie alleine tragen. Denn nackte Frauen haben ihre Ehre verloren und können sich in Augsburg nicht mehr sehen lassen.

Starke Zeitgeschichte

Viktor Glass gelingt es, 1890 lebhaft zu erzählen. Eine Wiederauferstehung für eine Zeit, in der Vergewaltigungen mildernde Umstände aufgrund männlicher Natur erfahren. Für eine Zeit, in der Frauen sich aus der Not heraus selbst umbringen oder ganz gegen ihre Ehre, ein Stück Körper verkaufen, damit Männer sich an ihrem Anblick ergötzen können.
Viktor Glass schildert diese Zeit so nah, dass die Schwere dieser Zeit auch auf dem Leser lastet.

Dazu gibt es einen feinen Krimiplot. Denn Luise, die Freundin eines Soldaten, ist verschwunden und dieser Soldat beauftragt Schüssler, sie zu finden. Schnell wird klar, dass weitere Mädchen spurlos verschwunden sind und die Spur führt zu einem anrüchigen Verkäufer, der anrüchige Postkarten unter der Bauchtheke verkauft.
Aufgelöst wird das dann aber ganz anders. Was gut ist, denn so bleibt dem Leser auch am Ende eine Überraschung gegönnt.

Dieses Buch ist ein Lesetipp für alle Leser, die gerne in eine andere Zeit, eine andere Gesellschaft reisen, die sich treiben lassen möchten, von starker Zeitgeschichte, einer super starken Milieuschilderung gerahmt in einem feinen Krimi, der trotz gut ausgearbeiteten Plots aber schnell zur Nebensache wird, denn es ist die Zeit, die Viktor Glass eindrucksvoll lebendig werden lässt. Die noch einmal auflebt und sich einbrennt in das Hirn das Lesers. Für immer.

9 von 10 Treffer

Bibliografische AngabenReiheninfo
Victor Glass: Schüssler und die verschwundenen Mädchen ©2018 Pendragon

Victor Glass: Schüssler und die verschwundenen Mädchen ©2018 Pendragon

SCHÜSSLER UND DIE VERSCHWUNDENEN MÄDCHEN
Autor: Viktor Glass →
Erscheinungsdatum: 01.04.2018
Verlag: Pendragon Verlag ⇔
Seiten: 320
ISBN: 978-3-86532-609-6
Aus dem Deutschen
Reiheninfo: Band 1 der „Ludwig Schüssler“ – Reihe

Buchbeschreibung:
Augsburg 1890: Durch die Industrialisierung verlieren viele Dienstmädchen ihre Lebensgrund­lage. Einige von ihnen sehen keinen anderen Ausweg, als sich umzubringen, andere verschwinden spurlos. Die Polizei geht in allen Fällen von Freitod aus und stellt deshalb keine Ermittlungen an. Wenig später wendet sich ein Mann an den Privat­ermittler Ludwig Schüssler und erteilt ihm den Auftrag, nach seiner Verlobten zu suchen. Zunächst ist Ludwig skeptisch, aber schließlich findet er erste Hinweise auf einen organisierten Mädchen­handel.
Bei seiner Suche wird Schüssler von der außergewöhnlichen Caroline Geiger unterstützt. Gemeinsam setzen sie alles daran, die jungen Frauen lebend zu finden. Als in den Überresten einer alten Kelten­schanze menschliche Knochen gefunden werden, scheint es bereits zu spät zu sein …

„X“ – Reihe:

  1. Schüssler und die verschwundenen Mädchen
  1. Hach, verdammt… Die Zeiiiit! Würde das Buch so gerne sofort lesen XD
    Versuch es auf jede Fall noch im April zu machen, du hast mich einfach zu neugierig gemacht!

    Antworten

    1. Das Zeitproblem ist echt böse. Auch hier. Immer und immer wieder. 🙂

      Glass hat mich echt überrascht, denn Settings, die im 19. Jahrhundert spielen, lese ich normalerweise nicht gerne. Aber dieses Buch konnte mich so richtig emotional in diese Zeit versetzen (wenn auch mehr mit negativen Gefühlen *lach*).

      Soll ich an der Uhr drehen? So ein paar Runden nach links? 🙂

      Antworten

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