Er heißt „Dionysos“. Er tötet Frauen, die sich für Frauenthemen engagieren. Seit 14 Monaten arbeitet die Berliner Staatsanwältin Helena Faber bei der Aufklärung der Morde. Nun gibt es eine vierte Leiche, wieder eine Frau. Tot. Ermordet. Ausgeblutet. Nur gerät Helena Fabers Leben mehr und mehr aus den Fugen. Was besonders blöd ist, denn der Täter hat sie längst im Visier.


Ungewöhnlich und teils makaber …

… ist ja an sich schon einmal gut. Wer mag schon das Gewöhnliche?
Helena Faber ist so eine ungewöhnliche Heldin. Eine, die eigentlich so gar nicht in das Heldenkorsett passt. Okay, sie ist – wie in Thrillern allgemein üblich – natürlich von ihrem Kriminalpolizisten-Mann getrennt lebend. Hat zwei Töchter und lebt im Berliner Westend. Alles ganz normal also. Aber hier endet auch schon die typische Thriller-Helden-Charakterisierung, denn nicht nur, dass Helenas „batteriebetriebener Freund“, der Vibrator, einen Namen hat (Angelo übrigens!), nein, sie angelt sich alle nicht batteriebetriebenen Angelos, die nicht bei drei auf den Bäumen sind und, sie vergisst zusehends Dinge. Wichtige Dinge. Dinge des Alltags. Immer mehr und mehr.
Das ist nun für eine Staatsanwältin, die einen Serienkiller jagt, der wiederum sie jagt, natürlich nicht so gut. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Uwe Wilhelm macht das aber möglich, zeigt den Zerfall, macht die ganze Story dadurch spannender. Und ungewöhnlicher. Und provoziert damit auch in gewissen Maßen den Leser.

Wo war ich stehen geblieben?

… und provozierend!

Provokation gehört hier sowieso dazu. Überhaupt provoziert hier jeder jeden und jeder alles. Ein Typ, der durch seine unzensierte – frei nach Schnauze – Direktheit polarisiert. Und wie! Nicht nur dieser *Ironie Anfang* sympathische *Ironie Ende* Universitätsprofessor und Buchautor Rashid Gibran provoziert seine Studenten und überhaupt jeden, der es wagt, sich ihm gegenüber zu stellen, auch seine Thesen sind provozierend. Ein Beispiel:

„Frauenhass!“, rief Gibran aus. „Richtig. So alt, dass wir uns nicht mehr erinnern, wann er begann. Wie begegnen ihm bei Aristoteles, in der Bibel, im Krieg, in der Cosmopolitan und hier in der Universität. Er ist universelles Kulturgut und so allgegenwärtig, dass Sie sich an ihn gewöhnt haben.“
Zitat aus dem Buch „Die sieben Farben des Blutes“ von Uwe Wilhelm, S. 33

Darüber geht es auch in seinem Buch, das sich ausgerechnet Dionysos als Vorlage für seine Verkündungen genommen hat. Gibran ist ein empathieloser, knallharter direkter Typ, der sich einen Dreck darum schert, was andere über ihn sagen. Das macht ihn beinahe wieder sympathisch, findet ihr nicht? So ein bisschen jedenfalls.

Jetzt haben wir also eine Ermittlerin, die manchmal nicht mal weiß, wie sie heißt, einen Professor, der an Liebenswürdigkeit jederzeit zu überbieten ist und einen Mörder, der da draußen in den Straßen Berlins noch immer Frauen jagt und sie ausbluten lässt. Und das in ungewöhnlicher provozierender Form.

Was fehlt? … Moment, mir fällt das gleich wieder ein.

Philosophie trifft Thrill!

Natürlich das Thema. Der Hintergrund. Das Backend, wie man heute sagt. Das ist natürlich auch ungewöhnlich und provozierend. Es geht um die Stellung der Frau, um Frauenrechte, um Frauenthemen. Darum, wie ungerecht es ist, dass nur Frauen Leben gebären können und Männer eine höhere Selbstmordrate haben, früher sterben als Frauen und überhaupt – Mann, diese armen Männer. Und das Ganze auf philosophisch. Denn Thrill trifft Philosophie oder umgekehrt.
Wo war ich?
Ach ja. Das Thema. Die Opfer verbindet nämlich einiges: Alle sind Frauen, alle verbluten, alle setzten sich zu Lebzeiten für Frauenthemen ein. Natürlich kann jetzt da nur ein männlicher Mörder dahinterstecken. Und der ist leider ganz schnell vom Leser verdächtigt und enttarnt, was schade ist, denn dieses Katz-und-Maus-Spiel macht ja einen Thriller auch für Leser spannender.
Trotzdem ist es ungewöhnlich, dass das gar nicht so sehr stört, wie man annehmen würde. Denn Helena Faber weiß ja nicht, wer dahinter stecken könnte. Überhaupt weiß sie inzwischen verdammt wenig, denn ihr Leben spielt nur noch dazwischen ab. Und wer da die Fäden im Hintergrund zieht, tja das ist ebenfalls … nein, das verrate ich jetzt nicht. Habs vergessen ;-).

Besonders der philosophische Ansatz gefällt mir richtig gut. Rein in die geschichtlich-biblische-mythologische Frauenbewegunganschauung, die obendrein auch noch recherchiert und nicht erfunden ist. Und da haben wir den Schlamassel der Provokation. Philosophisch betrachtet muss man zum Fazit kommen: Das Dionysos-Problem musste ja so kommen. Ging ja gar nicht anders, das haben Frauen durch die Bewegung selbst provoziert, weil sich die Männer provoziert fühlen durch so viel Bewegung. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier, alles außerhalb der Gewohnheit bringt ihn aus dem Gleichschritt, stört das System, dass sich Mann so lange aufgebaut hat.
Philosophisch betrachtet sind aber Männer wirklich arme Würste, die ganz schnell schlapp hängen, wenn eine starke Frau ihre Grenzen verlässt. Nicht philosophisch betrachtet, ist dieser Thriller eine ganz starke, ungewöhnliche Provokation, die sich ungewöhnlich gut lesen lässt. Und philosophisch betrachtet, könnte man jetzt endlos weiter philosophieren, was für mich auch zum Fazit führt: Ein verdammt gutes Buch, das provoziert und zu Provokation antörnt. Wäre wohl ein gutes Buch für eine philosophische Leserunde!

Wo war ich?

Ach ja, beim zweiten Band. „Die sieben Kreise der Hölle“. Damit geht es weiter. Muss nur noch einen Post-It auf meinen Laptop kleben.

5 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenReiheninfo
Uwe Wilhelm: Die 7 Farben des Blutes ©2017 Blanvalet

Uwe Wilhelm: Die 7 Farben des Blutes ©2017 Blanvalet

DIE SIEBEN FARBEN DES BLUTES
Autor: Uwe Wilhelm →
Erscheinungsdatum: 17.07.2017
Verlag: Blanvalet Verlag →
Seiten: 480
ISBN: 978-3-7341-0344-5
Aus dem Deutschen →
Reiheninfo: Band 1 der Helena-Faber-Reihe →

„Man out of prison“ – Trilogie bzw. „Badass Get Out of Jail“ – Reihe:

  1. Die sieben Farben des Blutes, 2017 bei Blanvalet Verlag → Rezension
  2. Die sieben Kreise der Hölle, 2018 bei Blanvalet Verlag → Rezension

Hinweis: Die Bände unbedingt der Reihe nach lesen, da sie miteinander verbunden sind und mit teils offenen Ende, das im nächsten Band fortgesetzt wird, weitergehen. Auch die Figurenkonstellation zieht sich durch die Bände. Also die Reihe von vorne anfangen!

  1. Gnaaaaah, meine Wunschliste – Mein SUB!
    Das Buch kann man sich ja jetzt nur noch vormerken 😛

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  2. […] Achtung, die Besprechung spoilert den ersten Band →! […]

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  3. Wollte gerade deine aktuelle Rezi lesen und bin nun hierher gehüpft, da ich dachte es ginge um dieses, aber es war der Folgeband – und ja, ich schreibe tüddelig, aber du verstehst mich 😀 (unterstelle ich dir mal frech!)

    Als das Buch rauskam war ich angefixtt und irgendwie schwand mein Interesse mit der Zeit, weiß gar nicht mehr warum … du hast mich nun wieder neugierig gemacht und es wandert mal zurück auf die Wunschliste!

    Wünsch dir ein hoffentlich entspanntes WE!! (Was macht eig. dein Troll??)

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    1. Hallo liebe Janna,
      du und tüddelig? Du doch nicht! 🤣 Das passt schon! 🤗

      Die Reihe ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Mal ein bisschen anders, besonders durch die Hauptfigur im ersten Band. Der zweite Band ist mehr Mainstream, dafür aber rasant zu lesen und vom Thema her knallhart. Lies auf alle Fälle mal rein!

      Mein Troll hat sich vorerst getrollt. Momentan herrscht Ruhe, zum Glück. Dir auch ein schönes Wochenende und liebste Grüße!

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      1. Band 1 ist zurück auf der WuLi (=

        Und was den Troll angeht, hoffe ich gaaaaanz doll für dich das er in seiner Höhle bleibt und dort verrottet! <3

        Dito!!

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        1. Yeah! Und ja, der Höhlenbewohner darf ruhig in seinen Katakomben bleiben. 🙂

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  4. Hallo liebe Iris,
    was wollte ich jetzt nochmal? Ach ja, das Buch, haben, lesen und dann philosophieren. Du hast mich total angefixt mit dieser grandiosen Rezension. Das Buch hatte ich bis dato nicht wirklich auf dem Schirm, dachte es wäre so ein allerwelts Dingens, du weiß was ich meine. Jetzt gehe ich die andere Rezi lesen und weiß genau wie es ausgeht….meeeeeh

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    1. Hallo liebe Kerstin,
      das freut mich und ich hoffe, du liest es, denn ich wäre unglaublich neugierig auf deinen Eindruck zum Buch! 🙂 Schönen Sonntag dir noch!

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