Ein starkes Debüt legt James Buckler mit „Endstation Tokio“ vor. Dieser Roman lebt von japanischer Widersprüchlichkeit, Uchi-soto, in einer schicksalshaften Rahmenhandlung, in der es um Neuanfänge, (Über)leben und die Liebe geht. Anziehend und reinziehend wirkt dieser Ausflug in dieses fremde Land mit den vielen Gesichtern japanischer Freundlichkeit. Lesen!


Land der Widersprüche

In Japan lässt man keine Stäbchen im Reis stecken. Das bringt Unglück. Man hängt Zettelchen, omikuji, auf einen Kampferbaum. Das bringt Glück. Geld. Oder Liebe.
Japan, ein Land der Widersprüche gepaart mit Aberglauben. Nach außen hin wirken die Japaner seriös, geradlinig, geschäftsmäßig. Doch hinter den blinkenden Fassaden sieht man Schatten. Tiefe Schatten. Diese Schatten entlässt James Buckler ins Licht, denn er führt den Leser nach Tokio, ins Paradies für Raucher, in die Stadt des Lärms, des Rauchs, der Lichter und der 4-Liter-Sake-Flaschen. Die Stadt der Frauen mit teurem Geschmack, die gerne in den Geschäften in Ginza und Shibuya einkaufen, die sich diese Einkäufe zwar nicht leisten können, die sich dafür aber Boyfriends suchen. Und das obwohl sie stetig um Ruf und Ansehen fürchten müssen. Denn darum dreht sich alles in Japan.
In Tokio. In der Endstation.

Endstation Neuanfang

Für Alex Malloy hätte Tokio eigentlich ein Neuanfang werden soll. Alles hinter sich lassen inklusive Familie. Doch Tokio macht es ihm nicht leicht, obwohl er dort bereits als Englischlehrer an der Excelsior School in Shinjuku Dori arbeitet.
Der Anwalt mit entzogener Zulassung zieht mit seinem Freund Hiro durch die Straßen Tokios. In zwiespältigen Lokalen, wo Frauen auf Boyfriends warten. Das ist nicht seine Welt und doch zeigen gerade diese Seiten die Widersprüchlichkeit des Landes. Hiro, nach außen hin der saubere Geschäftsmann, ist abends als Schatten in den Straßen Tokios unterwegs. Die Stadt mit den zwei Gesichtern. Alex lebt zusätzlich diese Widersprüchlichkeit aus, denn warum sonst hält er an Tokio fest, die Stadt, die ihm ewig als „gaijin“ bezeichnen wird, die es ihm so schwer macht, Fuß zu fassen. Okay, da gibt es eine Frau. Naoko. Und die zieht ihn trotz der Schatten wie auch Tokio selbst in den Bann. So ist das mit der Liebe. Oder mit dem, was man für Liebe hält.
Ein Bann eines Strudels, der abwärts führt. Immer weiter. Und weiter. Ganz nach unten. Bis nach Ushigome, Tokios Gefängnis, wo natürlich auch die Yakuza nicht fehlt.

Uchi-soto

Gefangen ist man auch als Leser. Fasziniert einerseits von dieser japanischen Doppelmoral, diesem Fenster, das nach außen hin sauber blitzt, nach hinten tiefe Schatten wirft. Uchi-soto. Drinnen draußen.
Gefangen ist man wie Alex im Strudel dieser Kettenreaktionen. Im Bann des Schicksals, der Ereignisse, die vorausdeuten lassen, dass sie nicht im Guten enden.
James Buckler hat hier wirklich ein starkes Debüt vorgelegt. Er nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn durch die Straßen Japans, durch Tokios zwei Gesichter. Mit einem gaijin an der Seite betretet man eine andere Welt, lernt Japan kennen, und die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaft wird nicht abgeschafft, nicht aufgelöst, sie wird verstärkt. Und das alles in einer schicksalshaften Handlung mit vielen Geheimnissen und noch mehr Schatten. Selbst als Leser fühlt man sich bis zum Schluss als gaijin und weiß, man wird für immer ein gaijin bleiben. In dieser Endstation. Tokio. Die Stadt der Lichter, des Rauchs, der teureren Frauen und den 4-Liter-Sake-Flaschen.

James Buckler muss man lesen, wenn man sich treiben lassen will von japanischer Widersprüchlichkeit ganz auf japanische Uchi-soto-Weise. Stark, anziehend, reinziehend. Ein Must-Read für Leser, die fremde Kulturen mit schicksalshaften Plot lesen wollen. James Buckler ist wie ein omikuji, der den Leser glückliche Lesestunden beschert. Man wird glückssüchtig, man wartet sehnsüchtig auf den nächsten Buckler-omikuji.

5 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
James Buckler: Endstation Tokio ©2018 Goldmann

James Buckler: Endstation Tokio ©2018 Goldmann

ENDSTATION TOKIO
Originaltitel: Last Stop Tokyo
Autor: James Buckler →
Erscheinungsdatum: 23.07.2018
Verlag: Goldmann Verlag →
Seiten: 352
ISBN: 978-3-442-31471-3
Aus dem Englischen → von Rainer Schmidt →

  1. Uh, das Buch ist auf dem Weg zu mir :3
    Daher hab ich nur die letzten beiden Absätze gelesen und er wendet japanische Begriffe?! Das mag ich ja immer sehr!
    Freu mich – hast mich echt angefixt auf das Buch 😀

    Antworten

    1. Ganz viel Lesespaß bei diesem Japan-Ausflug dir! Ich finde das Buch wirklich grandios, auch aufgrund der eingestreuten japanischen Bezeichnungen, die aber immer verständlich waren. Und diese Widersprüchlichkeit … herrlich zu lesen.
      Bin schon sehr gespannt, wie dir das Buch gefallen wird! Für mich war es ein Highlight in diesem Jahr.

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      1. Ich werde auf jeden Fall von diesem Buch berichten und wahrscheinlich schon auf twitter Kommentare von mir geben 😀

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  2. Mir geht es genau wie Christin, deine Rezension hat mich auf das Buch wirklich neugierig gemacht – da ist keine Rede von Klischeegeklimper.
    „… man wird für immer ein gaijin bleiben.“ Ja, das ist tatsächlich so.

    Hier liegt es inzwischen schon bereit!

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    1. Ich bin gespannt, wie dir die Reise mit James Buckler nach Tokio gefallen wird. Das ist ja eindeutig dein Spezialgebiet :-).

      Ich hoffe, von Buckler noch öfter was zu hören bzw. zu lesen. Der ist ganz oben auf meiner Favoritenliste gelandet. Aber ich bin auch nicht so oft in japanischen Gefilden zu finden wie du. 😉

      Viel Lesespaß dir! Ich warte gespannt auf deine Meinung.

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