Wenn so ein Neuanfang ausgerechnet in Wien startet, dann kann das nur ungut werden. Zumindest wenn man Norah Richter heißt und eine Bettlerin prophezeit, dass man bald jemanden töten wird.
So ein Prater eignet sich einfach perfekt zum Showdown. Besonders dann, wenn er geschlossen ist. Ein ruhigerer Thriller mit überraschenden Ende!


„Der Tod gehört nach Wien“ (S. 335)

Melanie Raabes drittes Buch führt uns nach Wien. Aber nicht nach Wien mit seinen Würstelbuden, Stephansplatz-Touristengedränge oder klappernden Droschken, schwungvollen Walzer und dem Wiener Schmäh, nein, Raabe führt uns in ein düsteres Wien, eine „Edvard Munchs Vision von einem Wien, ein Finsterwald aus Asphalt, verzerrt und bedrohlich“ (S.16).
Richtig seltsam fängt es auch an. Nicht nur für Norah Richter, der Hauptfigur, sondern auch für den Leser. Denn kaum ist Norah in Wien, wo sie einen Neuanfang starten will, angekommen, sagt ihr eine Bettlerin voraus:

Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken.
Zitat aus dem Buch, S. 22

Und damit hat Melanie Raabe ihre Leser am Haken. Denn natürlich fragt man sich sofort: Warum soll eine ganz normale Frau zur Mörderin werden? Warum ausgerechnet am 11. Februar? Und was hat es mit Arthur Grimm auf sich, den Norah bis jetzt noch gar nicht kennt?

Umzugskisten voller Fragen

Das Spannungsmuster, nachdem Melanie Raabe ihre Geschichte aufbaut, ist natürlich nicht neu. Schon gar nicht, wenn man Raabes vorherige Romane (Die Falle, Die Wahrheit) gelesen hat. Die deutsche Autorin ist bekannt für eine manchmal poetische Sprache, bildhafte Beschreibungen und einen ruhigeren Spannungsaufbau, der mehr unter der Oberfläche brodelt, nach und nach Geheimnisse lüftet und die Geschichte erst einmal damit beginnt, in dem sie viele Fragen aufwirft. Genauso verläuft es auch in „Der Schatten“.

Nachdem Norah diese ominöse Botschaft erhalten hat und ein paar weitere unerklärliche Vorfälle passieren, sucht sie diesen Arthur Grimm. Das alles klingt nach geheimnisvoller Spannung, doch leider verläuft die Story dennoch stellenweise schleppend. Raabe lässt sich viel Zeit, die Hauptfigur zu zeigen, das Umfeld, das Auspacken kleiner Geheimnisse, Fährten und Vorausdeutungen. Streut hier und da – versteckt – kleine Details ein, die den Leser hoffen lassen, dass es endlich thrillermäßig losgeht. Doch der muss warten. Lange. Bis zum letzten Drittel, denn so ein Umzug nach Wien dauert halt.

Norah Richter, eine Neu-Wienerin, mit der man erst warm werden muss

„Journalistin, Neu-Wienerin“ steht in ihrem Instagram- ⇔ und Twitterprofil ⇔. Ja, Norah Richter kann man folgen. Wenn man das möchte. Wäre Norah eine echte Neu-Wienerin hätte ich mit ihr wohl nichts am Hut. Sie ist nicht gerade eine Sympathieträgerin. Einerseits setzt sie sich trotzig für Toleranz und Gerechtigkeit ein, andererseits kauft man ihr das nicht ab. Sie behandelt ihre Freunde nämlich wie ein trotziges Kindergartenkind. Ihre Freunde müssen jederzeit parat stehen, wenn sie ihre Probleme bei ihnen abladen will. Tun sie das nicht, ist da nichts mit Toleranz, im Gegenteil, dann reagiert sie trotzig und schmollt. Und eigentlich ruft sie ihre Freunde nur dann an, wenn sie ihre Probleme erörtern möchte. Auch das ist nicht unbedingt ein Sympathiepluspunkt und vorteilhaft bei der Freundessuche. Kein Wunder also dass die Neu-Wienerin ziemlich verlassen durch die Straßen tingelt.

Ein Roman, der den Leser an der Nase herumführt, …

… ihn beinahe behutsam durch die Story führt, der gekonnt verschleiert, was dahintersteckt. Ein ruhiger Thriller, der genussvoll zu lesen ist, dem aber leider fast bis zum Schluss trotz aller Geheimnisse die Spannung fehlt.
Für zwischendurch okay, ansonsten für Leser empfehlenswert, die sich gerne von der Auflösung überraschen lassen möchten und ruhigere Thriller mögen.

3 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Melanie Raabe: Der Schatten ©2018 btb

Melanie Raabe: Der Schatten ©2018 btb

DER SCHATTEN
Autor: Melanie Raabe →
Erscheinungsdatum: 23.07.2018
Verlag: btb Verlag →
Seiten: 416
ISBN: 978-3-442-75752-7
Aus dem Deutschen →

  1. Ich glaube, beim btb Verlag kommen fast ausschließlich Krimis und Thriller heraus, bei denen die Spannung zu Beginn eher sekundär ist. Ich hab in den letzten 12 Monaten 4 Bücher vom btb-Verlag gelesen und bei allen vieren war es so. Deshalb bin ich bei dem Verlag immer vorsichtig, weiß aber gleichzeitig auch, was mich erwartet.

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    1. Ja, damit hast du ganz sicherlich Recht. Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung. Trotzdem stöbere ich gerne in den Büchern von btb, weil die mich manchmal total überraschen können. Sei es vom Thema oder vom Stil her. Das ist irgendwie wie Roulette spielen: Entweder man hat einen Volltreffer oder eben ein Buch, das einem gar nicht gar gefällt. 🙂
      Nur Durchschnittsbücher finde ich langweiliger *lach*.

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  2. Du hast für meinen Geschmack sehr gut eingefangen, was diesen Roman ausmacht.
    Ich mag schon gerne Thriller, die von Anfang bis Ende mit Action gespickt sind und bei denen man kaum zum Luftholen kommt. Aber diese ruhigeren Bücher, bei denen man schon genau nach dem „Thrill“ Ausschau halten muss, sind genauso nach meinem Geschmack. Und weil Melanie Raabe eine so schön düster-morbide Atmosphäre geschaffen hat, war das ein Buch nach meinem Herzen.
    Norah mochte ich übrigens auch nicht wirklich gern. Ich habe ihr Engagement bewundert, aber im wirklichen Leben wäre sie sicher auch nicht meine Freundin geworden.
    LG Gabi

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    1. Hallo Gabi,
      ich freue mich mit jeder Rezension, jeder Leserstimme, die positiver ist als meine. Die Autorin ist ja eine absolute Sympathieträgerin, der man gerne ganz viele Leser wünscht. Und zum Glück lese ich fast täglich pure Begeisterung zu „Der Schatten“.
      Mir hat ihr Erstling „Die Falle“ viel besser gefallen. Das war so fein psychologische aufgebaut und der erste Satz … der erste Satz ist heute noch ein Highlight in meiner Sammlung der besten Buchanfänge. Und die Sammlung ist wirklich klein.
      Eine schöne Lesewoche dir! Liebe Grüße, Iris

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