„Quittengrab“ ist wohl so ein kriminelles Kammerspiel der besonderen Art: Viele Figuren fordern anfangs den Leser, lassen ihn eine Romeo und Julia – Geschichte mit schweizerischen Humor lesen, die sich wie ein Familientreffen anfühlt. Okay, zwischendurch wird es auch ganz dramatisch, besonders wenn Beanie ihre Kopfbedeckung lüftet oder Commissario Meier einen auf alleinerziehenden Papa macht. Aber von Anfang an…


Diese Schweizer!

Die Schweizer Autorin Susanne Kasperski lässt in „Quittengrab“ gleich mal gefühlt die Hälfte der Schweizer Einwohner einmarschieren. Und weil die Schweiz sogar noch weniger Einwohner als Österreich hat, treten auch noch ein paar Londoner auf. Da aber heute alles unter Multikulti läuft, fehlen auch israelische und palästinensische Bürger nicht. Und falsche Polen. Natürlich, die gibt es einfach überall.
Daraus webt sie dann ein komplexes schweizerisches Krimispiel mit großer Figurenvielfalt, das den Leser am Anfang wirklich fordert. Und so manchen vielleicht sogar überfordert.

Wer sich von den vielen Figuren, die da am Anfang ihre Szenen beschreiten, nicht abschrecken lässt, wird mit einem humorvollen Krimispiel belohnt. So in der Art „Romeo und Julia goes Switzerland“.

Romeo und Julia auf schweizerisch

Keine Panik! Man muss kein Shakespeare-Fan sein, um die schweizerische Form von „Romeo und Julia“ zu durchschauen. Kasperski kopiert auch nicht Shakespeares Sprache, die wäre ohnehin Englisch, sondern „Schtärnesiech„, im Gegenteil, sie erzählt szenisch wie im Film die Story. Aber die Grundstory, die Story im Hintergrund, jaaa, die ist sich schon ähnlich mit dem Weltklassiker. In „Quittengrab“ geht es nicht nach Italien, sondern der Leser macht eine kurze Reise nach Jerusalem. Dort beginnt der erste Akt von „Romeo und Julia goes Switzerland“. Also auf die Stühle, fertig, los!

Eine kurze Reise nach Jerusalem

Gleich am Anfang lernen wir Nour und Yaron kennen. Die beiden schmieden Pläne. Fluchtpläne. Denn wie in Romeo und Julia gehören auch Nour und Yaron verfeindeten Familien an. Und London soll das Ziel sein.

Dann geht es ab in die Schweiz, wo es wirklich abgeht. Erst mal mit dem jüdisch-amerikanischen Autor, der eine Lesung im Züricher Schauspielhaus hält. Wobei eine Lesung wirklich untertrieben ist, denn das ist eher so ein Multimedia-Spektakel, das schocken soll. Hat sich das wohl bei Schätzing abgeguckt, dieses Spektakel.
Geschockt sind dann auch alle, aber doch weniger von dem Spektakel als vielmehr von dem Übergriff auf den Autor, der nun im Koma liegt.
Natürlich wird sofort ermittelt, doch der Fall ist von Anfang an schwierig. Verworren. Ein Video taucht im Internet auf, so dass auch ein terroristischer Anschlag nicht ausgeschlossen werden kann. Zürich im Ausnahmezustand. Commissario Meier muss also auch die Neonazi-Szene beleuchten und nicht nur die PR-Kampagne im Auge behalten, die sehr grenzwertig ist. Dass sich unter den Zuschauern auch viele Jugendfreunde des Autors befinden, macht die Sache nicht einfacher, sondern höchstverdächtig. Und dann tauchen auch noch Knochen eines Babys auf. Oder gehört der Knochenfund doch zu einem Keltengrab?

Alles sehr undurchsichtig. Sehr verworren, diese Schweizer.

Ein kriminelles Kammerspiel mit vielen Figuren und Schweizer Humor

Dem Leser wird am Anfang alles abverlangt. Die Figuren wechseln, die Szenen ändern sich, es herrscht ein großes Durcheinander und passt sich damit auch für den Leser an den Fall an: Verwirrung. Überall. Ein großes Durcheinander.
Es gibt einige Verdächtige, auch der Literaturkritiker Sebastian Lippert rückt in den Mittelpunkt, der noch nie ein gutes Haar für die Texte von Dan Weisz übrig hatte.

Weil sich Commissario Meier von der Kantonspolizei Zürich Oberland auch nicht zweiteilen kann (genau genommen ist das eigentlich auch gar nicht sein Fall), übernimmt seine Freundin Zita die Recherchen in London und beleuchtet den Hintergrund des Autors. Und Beanie, die eigentlich die Weisz-Ermittlung leitet, hat … sagen wir mal … ein etwas haariges Problem. Das alles zusammen ist wohl Schweizer Humor, und der gefällt mir, als Österreicherin, sehr gut.

Ein etwas anderer Krimi, der sich am Ende lohnt

Was sich jetzt aber wie ein großes Kuddelmuddel anhört, wird bald zu einem Krimispiel der besonderen Art. Ein Kammerspiel mit vielen Figuren. Man darf nur keiner richtig trauen.
So nach und nach rückt man den Kern der Wahrheit näher, die vielen Figuren schälen eine gemeinsame Vergangenheit und ein großes Geheimnis heraus, wo auch Romeo und Julia ihren Platz in der Geschichte haben.

Gut gemacht, hat die Autorin das, wenn man sich durch den etwas figurenüberladenen Anfang durchgekämpft hat, macht die Geschichte richtig Spaß beim Lesen. Und am Ende erfährt man auch, welche Kinder das Fundament für den Frieden sind. Wenn sie überleben. Das zahlt sich aus. Und macht Lesespaß!

4 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Gabriela Kasperski: Quittengrab ©2018 Emons Verlag

Gabriela Kasperski: Quittengrab ©2018 Emons Verlag

QUITTENGRAB
Autor: Gabriela Kasperski →
Erscheinungsdatum: 20.09.2018
Verlag: Emons Verlag →
Seiten: 384
ISBN: 978-3-7408-0430-5
Aus dem Deutschen →

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