Dieses Debüt von Bill Beverly, der Literatur und Schreiben an der Trinity University in Washington unterrichtet, entpuppt sich als gelungene Coming-of-Age-Geschichte mit einem Schuss Roadtrip-Movie. Denn die Fahrt zu einem Auftragsmord hält für die jungen Gangmitglieder allerhand Überraschungen bereit, an denen sie wachsen und reifen … oder eben nicht.
Young-Gangsters on Tour!


Los Angeles ohne Sternchen

Also, schön ist die Gegend nicht, in der East aufwächst. Keine Sternchen auf den Böden, wie man sie in Los Angeles vermuten würde, viel eher findet man eingetrocknetes Blut hier und da. Hunde, die sich gegen die Zäune schmeißen, plärrende Fernseher hinter vergitterten Fenstern. Ein Stück die Straße rauf beginnt The Boxes, eine Gasse gepflastert mit Reihenhäusern, deren Türen und Fenstern mit Sperrholz verbarrikadiert sind. Hinter diesen Barrikaden versteckt sich ein Crackhouse, das East mit seinen Ghettojungs bewacht. Dem 15-jährigen gehört der Vorgarten, während seine Jungs die Straße im Visier haben.
Eigentlich alles wie immer. Bis auf die Feuerwehrautos, die durch die Gegend rauschen. Dann geht alles ganz schnell. Die Polizei stürmt das Haus, ein Mädchen wird vor Easts Augen erschossen. Und nichts ist mehr, wie es war.

Ein Young-Gangster-Roadtrip quer durch die USA, der sich als Coming-of-Age-Geschichte entpuppt

East bekommt von Fin einen neuen Auftrag. Mit zwei weiteren Jungs, dem Möchtegern-Witzbold Michael Wilson und dem schlauen Walter, und Easts jüngeren Bruder Ty, der so ein „Mir-scheiß-egal-Typ“ ist, soll er einen Auftrag erledigen. Einen, der tödlich endet. Einen Auftragsmord.
Richter Carver Thompson soll nämlich als Zeuge aussagen und das muss verhindert werden. Also machen sich die vier Afroamerikaner mit neuen Identitäten in einem Van auf nach Wisconsin, wo der Richter sich zum Angeln aufhalten soll. Gekleidet in Dodgers-Hemden und unter Dodgers-Mützen getarnt, weil „Weiße mögen Baseball. Weiße mögen die Dodgers.“ (S. 63), geht es los.
Doch East kommt zum ersten Mal nach draußen. Er hatte bisher nie The Boxes verlassen und die Welt da draußen ist verlockend, die Lichter von Las Vegas, die Mädchen. Unterwegs entwickelt sich die Geschichte in eine Coming-of-Age-Story, die Jungs streiten, reagieren übermütig, müssen Verantwortung übernehmen, lernen sich selbst treu zu sein, … so dass die Fahrt allerlei selbsteingebrockte Hindernisse überwinden muss und die Jungs an den Erlebnissen reifen. Oder eben nicht. Es geht alles schief, was schief gehen kann, ein Problem jagt das nächste und dazwischen dieses Staunen über scheinbar Alltägliches, Normales.
Besonders diese Charakterentwicklung hat Bill Beverly in seinem Debüt gekonnt umgesetzt. Die vier Jungs sind total unterschiedlich, besonders die Brüder East und Ty, wobei sich East Fragen über Loyalität stellen muss, über Familienbande, über das Leben, den Tod, Verantwortung. Dazu kommt diese bedrückende Last, die East mit sich herumschleppt, einfach weil er in einem Gangstermilieu geboren und aufgewachsen ist, und scheinbar hoffnungslos drin steckt.
Das macht die Geschichte emotional zu lesen, denn als Leser fragt man sich: Kommt er da je wieder raus? Will er das überhaupt oder wird er auf ewig blind die Aufträge ausführen, die man ihn aufgibt.

Eine düstere, hoffnungslose Story im Noir-Stil

Die 3000 Kilometer lange Reise ist nicht nur für East interessant, der zum ersten Mal in seinem Leben die Welt außerhalb von The Boxes sieht, sondern auch für den Leser, der ihn dabei begleitet. Obwohl East ein kleines Gangmitglied einer Drogenbande und selbst keinesfalls ein Unschuldslamm ist, so sieht man den Jungen in ihm, der staunt, wie kalt die Nächte im Hinterland werden können. Im nächsten Moment ist er wieder völlig in seinem Auftrag versunken, hat kein Problem damit eine Waffe zu benutzen, nur um dann wieder in Zweifel zu geraten, wenn unbeteiligte Dritte zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
Es ist so ein inneres Hin- und Herziehen, ein Zerreißen, bei dem niemand weiß, wie wird sich East entscheiden, welchen Weg wird er gehen, er selbst eingeschlossen. Und doch ahnt man: East wird den Auftrag zu Ende bringen, er galt schon immer als folgsam.

Es ist so eine Suche, nach dem richtigen Platz im Leben, überhaupt die Suche nach richtig und falsch.

Beeindruckend zu lesen, versinkt der Leser in diesem düsteren Lebenssumpf und sucht an Easts Seite einen Ausweg. Egal wohin, egal mit welchem Namen, irgendwohin, irgendwie. Und das liest sich verdammt noir, düster, hoffnungslos in all den Facetten eines scheinbar ausweglosen Lebens.

Doch East fühlte sich einfach nur vollkommen fertig. Das war der Preis. Die Woche war eine Wunde, die zu betrachten er sich noch nicht traute. Und doch spürte er, dass sie blutete.
Zitat aus dem Buch „Dodgers“ von Bill Beverly, S. 281

5 von 5 Treffer

Bibliografische Angaben
Bill Beverly: Dodgers ©2018 Diogenes

Bill Beverly: Dodgers ©2018 Diogenes

DODGERS
Originaltitel: Dodgers (2016)
Autor: Bill Beverly →
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
Verlag: Diogenes Verlag →
Seiten: 400
ISBN: 978-3-257-07037-8
Aus dem Amerikanischen → von Hans M. Herzog →

  1. Uh, liebe Iris, da hast du mich ja mal wieder neugierig auf ein Buch gemacht. Dieses Buch habe ich schon in der Verlagsvorschau entdeckt und es da ja auch schon auf meinem Blog bei den Neuerscheinung-Favoriten vorgestellt. Dann habe ich es aber irgendwie wieder aus den Augen verloren. Und jetzt hat es von dir 5 von 5 Treffern erhalten. Na wenn das mal kein überzeugendes Argument ist. Da hat es Dodgers doch direkt wieder auf meine Liste geschafft. Danke für die Empfehlung bzw die Erinnerung. Und schön, dass es dir so gut gefallen hat. Ich fand, schon der Klappentext klang total vielversprechend.
    Ganz liebe Grüße, Julia

    Antworten

    1. Hallo liebe Julia!
      Das freut mich riesig!
      Ja, das Buch hat 5 von 5 Treffer bei mir gelandet und das, obwohl ich ganz was anderes bekommen habe, als ich erwartet habe :-).
      Ich hoffe auch, dass noch mehr kommt von Beverly. Dir hoffentlich viel Spaß beim Lesen! Und vielen Dank für deine Zeilen! Liebe Grüße, Iris

      Antworten

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