Aron Mulder wurde vor fünf Jahren verdächtigt, seine Frau getötet zu haben. Er wurde damals für unschuldig befunden.
Nun erlebt sein Sohn Alexander in den USA das gleiche Schicksal: Er sitzt in Untersuchungshaft, weil ihm vorgeworfen wird, an Mardi Gras seine Freundin mit acht Messerstichen getötet zu haben. Obwohl er beteuert, unschuldig zu sein, zeigen alle Indizien auf ihn als Täter.
Die Chefermittlerin Hanna Vincennes glaubt nicht an die Schuld Alexanders. Doch die zuständigen Behörden wollen den Fall schnell abschließen und Hanna selbst kämpft erneut gegen einen drohenden Burn-out.
Ein Thriller, der mich leider nicht überzeugen kann.


Das Spiel beginnt an Mardi Gras

Mardi Gras, das ist Fasching in New Orleans, eine Nacht, in der noch mal so richtig gesündigt wird, bevor es dann in die Fastenzeit übergeht. Ein guter Tag, um ein böses Spiel zu beginnen.
In den Straßen sammeln sich verkleidete Gestalten, darunter auch ein Mann im Skelettkostüm. Die perfekte Tarnung für ein Verbrechen, so eine Ganzkörpervermummung. Er trifft sich mit Nathalie Underwood, einer 25-jährigen Studentin.
Kurze Zeit später ist die junge Frau tot. Acht Messerstiche. Ihre Leiche zurückgelassen in den Sümpfen von Louisiana, wo zwischen Schilf rote Alligatoraugen aufleuchten.

Schicksal, Karma, Erbe oder alles wiederholt sich

Nathalies Freund Alexander van Zandt rückt sofort ins Visier der Polizei und wird in Gewahrsam genommen. Da er gebürtiger Niederländer ist, bekommt in den Niederlanden Aron Mulder die Nachrichten mit. Der lebt zurückgezogen in einem ebenerdigen Ferienhaus mit drei Zimmern, ohne Internet, Fernsehen oder Telefon.
Aron und Alexander sind Vater und Sohn, die ein schweres Schicksal teilen. Aron wurde vor fünf Jahren verdächtigt, seine Frau getötet zu haben. Nun ist es sein Sohn, der in Untersuchungshaft sitzt und verdächtigt wird. Wie so ein schlechtes Karma wiederholt sich die Geschichte von damals.

Diese Grundidee klingt wirklich reizvoll. Denn als Leser fragt man sich, ob Alexander vielleicht so traumatisiert ist, dass er vielleicht wirklich der Täter sein könnte. Dass Aron vielleicht gar nicht so unschuldig ist, wie er den Anschein macht. Oder dass Arons Vermutung stimmt und der Täter von damals nun weitermacht.
Klingt doch gut, oder?

Für unschuldig befunden zu werden ist etwas anderes, als unschuldig durchs Leben zu gehen.
Zitat aus dem Buch „Zeuge des Spiels“ von Heerma van Voss & Heerma van Voss, S. 16

Zwei Brüder, die schreiben

Autorenpaare haben ihren Reiz. Oftmals wechseln sie sich kapitelweise beim Schreiben ab, wie zum Beispiel Strobel und Poznanzski. Doch bei dem niederländischen Brüderpaar ist es gar nicht so leicht, zu durchschauen, wie sie gearbeitet haben. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie sie gearbeitet haben, wenn ich ehrlich bin.
In den Niederlanden haben sich beide Autoren bereits etabliert, auch bei uns gibt es Übersetzungen von Thomas Heerma van Voss („Stern“, „Stern geht“) oder „Abels letzter Krieg“ von Daan Heerma van Voss, das im Dezember erscheint.
Sie sind also keine Neulinge. Und doch liest sich „Zeuge des Spiels“ sehr unausgereift.

Figuren, denen man ein Kostüm überstülpt

Mardi Gras scheint sehr passend, in die Geschichte einzuleiten. Denn auch die Figuren wirken, als hätte man ihnen ein Kostüm übergestülpt und dann gesagt: Mach mal!

Alexander van Zandt wirkt in seiner Zelle mehr resigniert als trauernd, wütend oder gar um seine Freiheit kämpfend. Sein Vater, der extra in die USA reist, um seinen Sohn zu helfen, lässt auch keine Emotionen beim Lesen aufkommen. Er versucht zwar allerhand, den Fall zu klären, aber emotionale Spannung will dabei keine entstehen.
Dass Hanna Vincennes um Versetzung bitten will, ist gut. Wirklich gut. Denn die Chefermittlerin in dem Fall, die mit Burn-out zu kämpfen hat, hat nicht wirklich mehr zu bieten als ein Bauchgefühl, das sie aber verdrängt. Überhaupt scheinen alles ihre Kollegen zu machen, nur dass der Leser davon rein gar nix mitbekommt. Erst das dritte Verhör wird kurz geschildert und selbst das bleibt sehr an der Oberfläche. Es fehlen Fallbesprechungen, es fehlen Ermittlungsarbeiten. Es werden dem Leser nur oberflächliche Bruchstücke vorgeworfen.
Warum ein weiterer Verdächtiger mit arabischen Wurzeln erwähnt wird, ist mir beim Lesen auch nicht klar geworden. Wenn man schon seine moslemische Herkunft erwähnt, sollte das auch weiter ausgeführt werden, finde ich. Diese Eigenschaft ist für die Geschichte gar nicht relevant.

Trotz dieser sehr oberflächlichen Charakterisierungen und Handlungsschilderung hat die Geschichte durchaus Tempo. Schade ist nur, dass meiner Meinung nach, das Potential der Story gar nicht ausgeschöpft wurde. Denn auch die Auflösung lässt mich sehr unzufrieden zurück, zumal die Vater-Sohn-Schicksalidee ihren Reiz hat, die dann aber von einer schon tausendmal geschriebenen Tätermotivation abgelöst wird.

Schade.

Jeder Mord ist ein Versuch, sich Erleichterung zu verschaffen…
Zitat aus dem Buch „Zeuge des Spiels“ von Heerma van Voss & Heerma van Voss, S. 225

2 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Heerma van Voss: Zeuge des Spiels ©2018 Schöffling & Co.

Heerma van Voss: Zeuge des Spiels ©2018 Schöffling & Co.

ZEUGE DES SPIELS
Originaltitel: Ultimatum (2015)
Autor: Daan Heerma van Voss → und Thomas Heerma van Voss →
Erscheinungsdatum: 07.08.2018
Verlag: Schöffling & Co. →
Seiten: 304
ISBN: 978-3-89561-208-4
Aus dem Niederländischen → von Ulrich Faure →

  • Krimisofa.de ⇔: „Maximal ein durchschnittlicher Krimi“
  • Gunnar Wolters beim Kaliber.17 ⇔ ist mit der langweiligen zweiten Hauptfigur und dem Plot an einigen Stellen unzufrieden, lobt aber die Suspense.
  1. Ziemlich gute Rezension, gefällt mir 🙂

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  2. Gut geschrieben und wir sind da ziemlich auf einer Linie.
    Du hast wirklich recht, aus der Figurenkonstellation hätte man so einiges mehr machen können.

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    1. Um diese verschenkte Vater-Sohn-Schicksalswiederholung trauere ich wirklich nach. Das wäre sicherlich super psychologisch zu lesen gewesen.
      Allerdings finde ich auch, dass durchaus Spannung vorhanden ist. Zwischendurch jedenfalls. Überlege, ob ich mir die zwei Brüder nicht noch einzeln anlesen werde. Mal sehen.
      Danke dir!

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  3. […] Buch „Zeuge des Spiels“ → der Brüder Heerma van Voss hat mich etwas zwiegespalten zurückgelassen. Das Tempo in der Story […]

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