Blog durchsuchen
Kerstin Ehmer: Der weiße Affe

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe ©2017 Pendragon Verlag
Kerstin Ehmer: Der weiße Affe ©2017 Pendragon Verlag

Mit ihrem beeindruckenden Krimidebüt entführt Kerstin Ehmer den Leser gekonnt in die 20er-Jahre nach Berlin. Das verruchte Setting schwebt förmlich beim Lesen über der Lesecouch, die Pferdedroschken scheinen bis in die Leseecke zu klappern und die Geschichte erscheint undurchschaubar und lädt zum Mitraten ein. Ein Lesetipp für Leser, die eine Zeitreise machen möchten.


Berlin, ick könnt dir lieben

Wenn Hufgeklapper auf Katzenkopfsteinpflaster zu hören ist, wenn Pferdedroschken Automobilen weichen müssen, Fräuleins rauchend mit weißen Häubchen im Hinterhof pausieren, Handkarren an Einbeinigen vorbei geschoben werden, Männer mit horngefassten Brillengläsern und Zylindern auf dem Kopf stolzieren, tja, dann hat man 2017 verlassen und ist mitten in den 1920er gelandet.
Wenn dann noch zusätzlich kleine ausgemergelte Mädchen und Jungs nach Essen betteln, in verruchten Bars behaarte Männerhände aus Damenkleidern hervorlugen, Männer tanzend die Wirkung von Anziehung und Abstoßung ausprobieren, die Luft nach Opium und Morphium riecht, Nasen weiß gepudert von Kokain leuchten, dann sind es die frühen 20er in Berlin.
Willkommen mitten in „Der weiße Affe“ von Kerstin Ehmer. In einer anderen Welt. In einer anderen Zeit.

Berlin, ein heißes Pflaster in Katzenkopfoptik

Mittendrin in diesen 20er Jahre Berlin stürzt sich Ariel Spiro mit Kaltstart in den neuen Job und ins Nachtleben. Der Provinzkriminalkommissar aus Wittenberge wird sogleich mit einem Mordfall an dem jüdischen Bankier Eduard Fromm konfrontiert. Dass man es in Berlin mit Regeln nicht so genau nimmt, wird auch gleich bei dem ersten Opfer klar: Mit einigen Schweinefleischwürstchen im Magen wird der Tote vor der Wohnungstür seiner Geliebten Fräulein Hilde erschlagen aufgefunden. Seine Brieftasche fehlt natürlich auch.

Oh, du kriminelles Berlin mit deinen dunklen Hinterhöfen verführst den Provinzpolizisten zusehends. Und mich auch. Denn Berlin hat von allen viel: Tänzerinnen, verruchte Bars, Künstler, jede Menge Kokain, homosexuelle Treffpunkte. Auf all dies trifft Spiro zum ersten Mal in seinem Leben. Mit einer Wucht lernt er das Großstadtleben kennen, und mit ihm der Leser.

Jetzt ist es aber eben Berlin. Und in Berlin scheint Monogamie ein Fremdwort zu sein. Denn auch das Fräulein Hilde hat eigentlich einen Freund und der wird schnell hauptverdächtigt. Das schnelle Stadtleben hat aber eben eine ungewohnte Schnelligkeit in sich, und so schnell wie Spiro einen Hauptverdächtigen im Visier hat, der ihn in die tiefste Schwärze der Stadt führt und zu Männern, die Kinder kaufen, so schnell macht der Fall eine Wendung.
Denn selbst die Familie Fromm ist nicht so fromm, wie der Name es deutet. Spiro kämpft in einem Sumpf von Verführungen, Andeutungen, Unterstellungen. Der neue ist der neue, scheint durch die verruchtesten Bars zu tingeln und wird von seinen Kollegen beäugt. Nur Bohlke, der Polizist, der den Krieg nie hinter sich gelassen hat, steht an seiner Seite. Muss er auch. Vorschrift ist Vorschrift. Auch wenn er – oh Wunder – das nicht so genau nimmt. Ich sagte, ja, in Berlin haben Regeln einen eigenen Sinn.

Ein Wirrwarr von Verdächtigen

Erst der Freund von Fräulein Hilde, dann die engsten Familienmitglieder des Getöteten, die Zahl der Verdächtigen steigt im Laufe der Geschichte. So langsam verliert Spiro dann auch noch den Vertrauensvorschuss seines Vorgesetzten und droht wieder in die Provinz abgeschoben zu werden. Ein bisschen hat er sich nämlich vom Stadtleben verführen lassen, der Herr Spiro auf Probe.
Dazwischen gibt es kursiv geschriebene Kapitel, die wie unter Wahn oder im Drogenrausch zusammenfantasierte Königinnengeschichten erzählen. Anfangs tappt man als Leser völlig wirr durch diese Kapitel. Doch man ahnt es, diese Kapitel sind wichtig, aber völlig undurchschaubar, diese milchgebende Königin mit dem bösen Mund. Dann wieder klärt der Fantasienebel auf, ein Junge, der eine Schule besucht, taucht auf, und wird von eingebildeten Krokodilen und Dschungel verschluckt. Wirr. Absolut wirrwarr. Was aber irgendwann gelöst und völlig verständlich gewahr wird.

Alleene die Sprache könnt ick knutschen

Und dann diese Sprache! Nie hätte ich gedacht, dass Berliner Dialekt derart gut lesbar ist. Nebenfiguren dürfen nämlich „frei Schnauze“ reden. Und so finden zwischendurch Dialoge in Berliner Dialekt statt, was das Setting noch viel authentischer macht.
Dieses Buch bringt den Leser wirklich zurück in die 20er Jahre nach Berlin. Schillernd, verrucht, überwältigend ist diese Stadt, diese Zeit, dieses Buch auf mich Provinzleserin. Toll!

„Der Jünther is nich jewalttätich, der nich. Wenn Se wissen wolln, wat jewalttätich is, da komm Se Freitach wieder, Freitach, wenn der Eugen Arbeit hatte, wenns Jeld gibt und dann inne Kneipe. Jrün und blau hat er den Jünther geprügelt, als sie ihn zurückjeschickt haben aus der feinen Schule. …“
Zitat aus „Der weiße Affe“ von Kerstin Ehmer, S. 213

PS: Wer jetzt noch wissen möchte, was hinter dem ominösen Titel „Der weiße Affe“ steckt, googelt mal nach „Judenporzellan“ oder „Mendelsons Affe“. Wer es genau wissen will, liest das Buch.

5 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Kerstin Ehmer: Der weiße Affe ©2017 Pendragon Verlag
Kerstin Ehmer: Der weiße Affe ©2017 Pendragon Verlag
DER WEISSE AFFE
Autor: Kerstin Ehmer →
Erscheinungsdatum: 30.08.2017
Verlag: Pendragon Verlag →
Seiten: 264
ISBN: 978-3-86532-584-6
Aus dem Deutschen →

Aus den Blogs:

Aus dem Feuilleton:

Geschrieben von
Iris Tscharf
Kommentare

Iris Tscharf

Autorbiografie in Kürze

Serie: Ich und Hörbücher? - Warum ich mich für Audible entschieden habe
Luca D'Andrea: Der Wanderer
Blogarchiv:

Der Thriller ist die letzte Zuflucht des Moralisten.

— Zitat von Eric Ambler

Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um den Schurkenblog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten. Du kannst das Abo jederzeit abmelden.