Schlicht erzählt Larry Brown über das Leben von Fay, einem 17jährigen Mädchen, das von ihrem gewalttätigen Zuhause ausreißt, um ein besseres Leben zu führen und dann doch nur in einem Striplokal landet, wo Alkohol und Gewalt wieder an der Tagesordnung stehen.
Ein sehr atmosphärischer Südstaaten-Roman mit einem Hauch von Coming-of-Age und einem Ende, das hoffnungslos düster ist. Denn die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber: sie stirbt.


Raues, biergetränktes Mississippi

Es könnte schön sein dort, wo Fay aufgewachsen ist. Unendliche Weiten, Baumwollplantagen, Wälder, Seen zum Angeln oder Schwimmen.
Doch das Leben von Fay ist nicht schön. Ganz und gar nicht schön. Ihr Vater ist so ein Beispiel für ein schroffes, gewalttätiges, alkoholgeschwängertes männliches Exemplar eines Mississippi-Mannes. Da wird schon mal der eigene Sohn gegen ein Auto getauscht und lüstern nach der eigenen Tochter gehechelt.
Kein Wunder, dass Fay Reißaus nimmt und abhaut. Irgendwo hin nach da draußen, in die Weiten Mississippis, am besten zur Küste, wo es warm ist, wo es Wasser gibt, in ein neues Leben. Ein schönes Leben.

Was das Mädchen noch nicht weiß: Manche Leben meinen es nicht schön. Und so macht sie sich mit einem Päckchen Zigaretten und wenigen Dollars auf in ihr neues Leben.

Schlichte Sprache mit Country-Flair-Atmosphäre

Larry Brown schrieb diese Coming-of-Age-Story im Südstaaten-Roman-Stil bereits 2000 und wurde nun 2017 endlich von Thomas Gunkel ins Deutsche übersetzt. Seine Sprache ist schlicht, aber dennoch zeigt er das Land atmosphärisch dicht. Er erzählt nur, er bewertet nicht, er moralisiert nicht, er zeigt nur und lässt den Leser das Mississippi-Mädchen begleiten, durch ein Land, das rau ist, dessen Männer schroff sind, dessen Männer sich Mädchen nehmen wie Bier aus Kühltruhe.

Es ist kein gutes Land für junge Mädchen. Aber Fay weiß sich zu wehren und tut auch dies ganz nüchtern und sachlich.

Es war sinnlos, darüber nachzudenken, sich den Kopf zu zerbrechen. Was passiert war, war passiert, und es war zu spät, um etwas daran zu ändern. Das hier war jetzt ihr Leben. Sie musste bloß damit klar kommen.
Zitat aus „Fay“ von Larry Brown, S. 225

Nie hört man sie klagen. Sie lebt von einem Augenblick zum nächsten, von einem Ort zum nächsten. Alles wirkt nüchtern, obwohl die Geschichte so viel Düsternis und Hoffnungslosigkeit mit sich zieht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt

Fay landet schließlich bei einem State Trooper, Sam Harris, der mit seiner Frau Amy in den Wäldern nahe eines Sees wohnt und das Mädchen dort aufnimmt. Alles scheint sich zum Guten zu wenden, das Leben, das Fay sich erhofft hat, scheint nun endlich in Erfüllung zu gehen. Sie kauft mit Amy ein, kocht, schwimmt, geht mit Sam angeln und lernt das Lesen.
Doch Larry Brown ist einer von den bösen Autoren, einer von den Autoren, die ihre Figuren ausreizen, es ihnen nicht leicht machen, den Figuren Hoffnung geben und diese dann erbarmunglos sterben lassen.

Denn so wie der Roman beginnt, so viel darf verraten werden, endet er auch. Düster, hoffnungslos, verloren. Irgendwo in einem Striplokal gibt es noch mehr von diesen rauen, schroffen, biergetränkten Männern, die Frauen wie ihre Bierflaschen behandeln.

Und so liest sich das Buch frauenfeindlich und zeigt Mississippi als ein Land der Männer, die sich nehmen, was sie wollen, aber auch ein Land der Frauen, die sich – zumindest manchmal – zu wehren wissen.

„Fay“ ist kein Wohlfühlroman. „Fay“ ist hoffentlich nur ein fiktiver Blick auf das harte Leben inmitten eines Südstaates, inmitten von Mississippi.
„Fay“ ist Lesern empfohlen, die nicht nach actionreicher Spannung suchen, sondern nach Atmosphäre, nach Geschichten über unfaire Leben, inmitten rauer, schroffer, alkoholisierter, kiffender Männer, nach hoffnungslos, verlorenen Leben mit ganz viel Countrymief. Und davon hat Larry Brown jede Menge in die Seiten gepackt. Sehr, sehr lesenswert!

5 von 5 Treffer

Bibliografische AngabenWeitere Meinungen
Larry Brown: Fay ©2017 Heyne Hardcore

Larry Brown: Fay ©2017 Heyne Hardcore

FAY
Originaltitel: Fay (2000, Algonquin Books, Chapel Hill)
Autor: Larry Brown →
Erscheinungsdatum: 06.05.2017 (Hardcover), 12.11.2018 (Klappenbroschur)
Verlag: Heyne Hardcore →
Seiten: 656
ISBN: 978-3-453-27096-1
Aus dem Amerikanischen → von Thomas Gunkel →

Aus den Blogs:

  • Constanze Matthes vom Blog „Zeichen & Zeiten“ ⇔ hat in ihrem Blog wirklich eine schöne, ausführliche Rezension zu „Fay“ verfasst und kommt zum Schluss: „Brown ist ein großartiges spannendes Drama von düsterer Schönheit gelungen.“

Aus dem Feuilleton:

  • Irene Binal lobt via Deutschlandfunk ⇔ ebenfalls die Schlichtheit des Erzählstils, die aber dennoch schroff ist, und immer authentisch.
  • Marcus Müntefering beschreibt bei Spiegel Online ⇔ „Fay“ als „romangewordener Countrysong“ und sieht das Buch als ganz große Entdeckung.
  • Hans Jörg Wangner von der Stuttgarter Zeitung ⇔ kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass „Fay“ ganz große Epik ist, und wünscht dem Buch viele Auflagen.
  • Ulrich Noller interviewt im WDR ⇔ den Verleger Markus Naegele über Larry Brown, der leider schon verstorben ist. Markus Naegele umschreibt das Buch wirklich treffend als „ein Sittenbild der dunklen Seite des Südens“.

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