Ihr Thriller „So dunkel der Wald“ wird als Ausnahmethriller bezeichnet, und ist vor Kurzem mit dem Viktor Crime Award ausgezeichnet worden. Ein Preis für „eine neue Stimme der Thriller- und Kriminalliteratur“. Die Rede ist von der Wiener Autorin Michaela Kastel, die nicht nur als Buchhändlerin tätig ist, sondern auch Germanistik studiert und mit „So dunkel der Wald“ die Leser mit einem spannungsgeladenen, tiefschichtigen Thriller über eines der dunkelsten Themen überzeugt. (Rezension im Schurkenblog →)

„Mich interessierten beim Bücherschreiben vor allem die psychologischen Abgründe meiner Figuren“
Michaela Kastel, Schurkeninterview vom 21.11.2018


Michaela Kastel im Schurkeninterview:

In „So dunkel der Wald“ geht es um Kindesmissbrauch. Wurden Sie durch reale Fälle inspiriert, die z. B. in Österreich und Deutschland (Josef Fritzl, Wolfgang Přiklopil und Marc Dutroux) in den letzten Jahren ans Tageslicht gekommen sind? Waren diese Fälle sozusagen der Funke, der zu Ihrem Thriller geführt hat? Wie kommt eine so junge Autorin auf dieses harte Thema?

Reale Fälle haben da ehrlich gesagt überhaupt keine Rolle gespielt. Ich wollte ja auch keine Studie oder ein Problembuch schreiben. Das Missbrauchsthema ist im Buch zwar allgegenwärtig, weil es den Hintergrund der Figuren bildet und somit natürlich auch den Handlungsverlauf beeinflusst, jedoch wollte ich nie darauf herumreiten. Mich interessierten beim Bücherschreiben vor allem die psychologischen Abgründe meiner Figuren, darin könnte ich mich verbeißen, und ein solches Thema gibt in dieser Hinsicht natürlich unheimlich viel her. Ganz abgesehen davon ist Missbrauch ein Thema, das nur allzu gerne mit spitzen Fingern angefasst wird. Dabei ist es – leider – etwas Alltägliches und sollte auf gar keinen Fall tabuisiert werden.

Als Leser vermutet man, dass sich Autoren in ihre Figuren hineinversetzen müssen. Ist es schwierig in die Psyche eines Kinderschänders abzutauchen? Mussten Sie sich dazu überwinden? Oder gehen Sie ganz anders an die Charakterisierung ran?

Im Gegenteil, für mich ist gerade das Hineinversetzen in meine Figuren das Spannende am Schreiben. Je abgründiger, desto besser. Ich liebe es, in fremde Köpfe einzutauchen und psychologische Tiefen auszuloten. Für mich ist das Schreiben immer eine Art Gedankenexperiment; warum sind manche Menschen zu ganz gewissen Dingen fähig? Was hat sie zu solchen Menschen gemacht? Oder noch besser, könnte man das Handeln solcher Menschen bis zu einem gewissen Grad vielleicht sogar verstehen? So etwas in Geschichten herauszufinden und zu bearbeiten ist ganz einfach das, was ich am liebsten tue.

Michaela Kastel bei der BuchWien über ihren Thriller "So dunkel der Wald"

Michaela Kastel bei der BuchWien über ihren Thriller „So dunkel der Wald“

Wenn man über einen längeren Zeitraum an einem Kindesmissbrauchsthema arbeitet, „vergiftet“ das nicht einen? Kann man nach der Arbeit noch schlafen? Oder wird man von Albträumen und Horrorszenarien geplagt?

Ehrlich gesagt beeinflusst mich das Arbeiten an einem Text nur geringfügig. Schließlich ist es mein Projekt, das ich in- und auswendig kenne. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich der Regisseur eines Horrorfilms am Set gruselt. Es ist ein Job, der einem zwar extrem viel abverlangt, man fiebert mit, man staunt, man weint vielleicht hier und da, doch das alles hat mehr mit der emotionalen Verbundenheit zu tun, die man während des Schreibens zu seinem „Baby“ aufbaut, als mit dem Thema an sich.

Die beiden Kinder, Ronja und Jannik, sind zwei sehr unterschiedliche Figuren: Ronja, zum einen sehr verantwortungsbewusst, aber auch die treibende Kraft für die Hoffnung auf Freiheit, während Jannik wie von Paps dressiert wirkt, spurt und ausführt. Für den Leser ist dieser Unterschied natürlich ein Mehrwert, weil er zeigt, wie unterschiedlich Figuren (Menschen) mit solchen traumatischen Schicksalen umgehen. War das das Ziel, dass Sie die Sicht auf zwei Kinder gelenkt und sich nicht auf das Erlebnis eines Kindes beschränkt haben?

Auf jeden Fall. Hätte ich mich bloß auf ein Kind fokussiert, wäre alles ein wenig eindimensional geworden, denke ich. Außerdem lebt ja die gesamte Story von eben dieser Unterschiedlichkeit der beiden. Das Aufeinanderprallen ihrer unterschiedlichen Denkweisen löst erst den Konflikt aus, von daher hat sich für mich nie die Frage gestellt, mich mehr auf die eine oder die andere Figur zu konzentrieren. Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, mit all den unterschiedlichen Charakteren und Konfliktpotenzialen, und dementsprechend wollte ich sie auch aufbauen.

Ich liebe tragische Figuren, sie bieten in der Regel die meiste Vielfalt und machen unheimlich viel Spaß.
— Michaela Kastel, Schurkeninterview vom 21.11.2018
Welche Ihrer Figuren hatte für Sie persönlich den meisten Reiz beim Schreiben und warum? Mit welcher hatten Sie die meiste Arbeit?

Ich selbst bin ja ein riesen Jannik-Fan. Ich finde, er ist ungemein vielschichtig, sein innerer Konflikt war für mein Schreiberhirn ein gefundenes Fressen. Ich liebe tragische Figuren, sie bieten in der Regel die meiste Vielfalt und machen unheimlich viel Spaß. Schwierigkeiten hatte ich am meisten mit den Tagebucheinträgen (wobei ich jetzt natürlich nicht sage, aus wessen Sicht sie geschrieben sind).

Eine Frage, die sich mir beim Lesen Ihres Thrillers gestellt hat und die ich mir nicht beantworten konnte: Warum entführt Paps Mädchen UND Jungs? Kinderschändern sagt man allgemein nach, dass sie eine spezielle Vorliebe für Mädchen ODER Jungs hätten. Paps weicht von diesem Klischee ab. Gibt es dafür einen speziellen Grund?

Zum einen mag er wohl einfach Abwechslung. Zum anderen wird bestimmt auch eine Portion Kalkül dahinterstecken. Schließlich braucht Paps jemanden, der ihm behilflich ist, einen Handlanger, der Gräber schaufelt, die Kinder unter Kontrolle hält und ihm im Notfall zur Seite steht. Die Entführung von Jannik und Theo war daher gewiss auch eine Art Absicherung und Fortführung der „Familientradition“.

Der Emons-Verlag steht ja normalerweise eher für regionale Krimis. Ihre Geschichte spielt zwar in oberösterreichischen Wäldern, doch fehlt dem Roman das typisch Regionale, das man normalerweise in Regionalkrimis findet. Wie kam es dazu, dass Sie bei Emons veröffentlicht wurden?

Auf dem ganz klassischen Weg: Meine Agentin hat Emons das Manuskript angeboten und der Verlag fand es gut. Der Rest ist Geschichte. 🙂

„So dunkel der Wald“ ist als Psychothriller einzustufen. Warum haben Sie dieses Genre gewählt?

Gewählt habe ich dieses Genre eigentlich gar nicht, sondern eher das Genre mich, lach. Ich persönlich mag ja diese Genre-Unterteilungen nicht, weil ich wahnsinnig gut darin bin, Mischungen zu fabrizieren. Bei mir werden die Bücher das, was sie eben werden. In den seltensten Fällen überlege ich mir vorher, in welche Richtung ich gehe, und falls doch, dann wird es am Schluss meistens ohnehin ganz anders.

Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

In einem Interview für „Die Presse“ ⇔ sagten Sie, „So dunkel der Wald“ sei für Sie eher eine Art Liebesgeschichte und Sie wären verwundert darüber, dass Leser bei Besprechungen Wörter wie Horror und Albtraum verwenden würden.
Kann man die Geschichte um Paps, Ronja und Jannik tatsächlich als Liebesgeschichte sehen?

Ich finde schon. Ronjas tiefe Gefühle für Jannik sind schließlich der Dreh- und Angelpunkt, der den Verlauf der Geschichte bestimmt. Wären diese Gefühle nicht da oder zumindest nicht so stark, würde sich vieles anders entwickeln. Außerdem war die Liebesgeschichte der beiden als erstes in meinem Kopf. Von ihr ging der Reiz aus, der mich zum Roman inspiriert hat: zu zeigen, dass selbst zersplitterte Herzen noch Liebe empfinden können – und vielleicht auch an dieser Liebe zerbrechen. Daher wird „So dunkel der Wald“ für mich immer in erster Linie eine Liebesgeschichte sein.

Am 9. November haben Sie für „So dunkel der Wald“ den Victor Crime Award erhalten, der eine neue Stimme der Krimi- und Thrillerliteratur ehrt. (Anmerkung für Leser: Auf der Longlist standen sehr erfolgreiche Autoren wie Norbert Horst, Alex Beer, Andreas Gruber, Tom Hillenbrand, …)
Herzlichen Glückwunsch dazu!
Wie war dieses Erlebnis für Sie?

Vielen Dank! Es war unglaublich. Das heißt, nun ja, in gewisser Weise hatte ich es auch erwartet, denn wenn du für einen Preis nominiert bist, muss ein kleiner Teil von dir einfach davon ausgehen, dass du gewinnst, sonst brauchst du gar nicht erst zur Preisverleihung zu fahren. Aber als dann tatsächlich mein Name genannt wurde, ich gebe zu, das war schon ein ziemlich surrealer Moment.

Arbeiten Sie schon an einem weiteren Thriller? Wird es wieder Richtung Kindesmissbrauch gehen?

Ja, ich arbeite aktuell an meinem nächsten Emons-Roman. Es wird definitiv wieder in Richtung Spannung gehen, allerdings weniger düster und ohne Kindesmissbrauch. Aber auf jeden Fall wieder psychologisch. 🙂

Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Links und bibliographische Angaben
Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

Michaela Kastel: So dunkel der Wald ©2018 Emons Verlag

Michaela Kastel bei Facebook ⇔
„So dunkel der Wald“ – Emons Verlag ⇔

Rezension zu „So dunkel der Wald“ im Schurkenblog →

Bibliographische Angaben:
Michaela Kastel: So dunkel der Wald
Thriller, gebunden mit Schutzumschlag
304 Seiten, ISBN 978-3-7408-0293-6
Erschienen: 15.03.2018 im Emons-Verlag ⇔

  1. […] Interview mit Michaela Kastel – der BLOG der SCHURKEN 22. November 2018 at 9:15 […]

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  2. Allein durch das Interview will ich dieses Buch sofort lesen. Sehr interessant.

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    1. Das freut mich sehr! Thematisch sehr passend für Schurkenleser und die Umsetzung: absolut top!

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  3. Oh Iris, ein tolles Interview! Und was bin ich froh das Buch bereits hier liegen zu haben – aber ein paar Fragen habe ich überlesen, die lese ich lieber nach dem Buch. Hab ein wenig Befürchtung, mich sonst beeinflussen zu lassen 😉 Aber tolle Fragen, die neugierig machen in die Geschichte einzutauchen. Kindesmissbrauch und die Autorin wundert sich über Worte wie „Alptraum“, das reizt mich ungemein. Ich habe die Antwort aber nur überflogen – will ganz unbefangen herangehen.

    Eine sehr interessante Autorin! Hoffe mich kann auch das Buch einnehmen (begeistern klingt vielelicht eher unpassend?!).

    Liebst,
    Janna

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    1. Vielen lieben Dank! Bin sehr gespannt, wie dir das Buch gefallen wird und ob Michaela Kastel nach dem Thriller auch „im Auge behalten“ möchtest. Viel Lesespaß klingt jetzt wohl auch ziemlich unpassend bei der Thematik, oder? Liebe Grüße, Iris

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      1. Aber was sagt man denn dann …? 😀

        Bin definitiv nun nochmals angezuckert worden, es lesen zu wollen und werde danach berichten.

        Hab einen feinen Abend und fühle dich mal arg aus Gründen gedrückt <3

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  4. […] vom Blog der Schurken sprach mit Michaela Kastel über deren Thriller „So dunkel der Wald“ und das Schreiben über die Abgründe der […]

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  5. Ein sehr schönes Interview, wirklich klasse gemacht Iris!
    Ich habe das Buch im Auge, aber noch ist es nicht in meinem Regal zu finden – das Interview bringt das Buch aber dem ein ganzes Stück näher!

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