Wenn ausgerechnet Krankenhäuser und Gefängnisse zu den sichersten Einrichtungen eines ganzen Staates zählen, dann ist die Kacke so richtig am Dampfen. Wobei „dampfen“ eigentlich unmöglich ist, denn ohne Flüssigkeit kein Dampf. Und Wasser gibt es nicht mehr. Denn alles ist DRY.

„Kopfschmerzen, beschleunigter Herzschlag, Erschöpfung, brennende Augen, Schwindel. Ich kenne die Symptome akuter Dehydrierung.“ (Zitat aus dem Ebook, Pos. 4440)
Nicht nur Alyssa kennt diese Symptome, die vor dem Koma und schließlich dem Tod auftreten, sondern auch alle anderen, die in Südkalifornien vom „Tape-Out“ betroffen sind. Denn die Wasserhähne sind längst trocken und Millionen Menschen auf der Flucht oder in Evakuierungszentren gefangen. Kalifornien gleicht einem Kriegsgebiet mit Plünderern in den Straßen, zurückgelassenen Autos in einer endlosen Kolonne auf den Freeways. Als wäre das noch nicht schlimm genug, brennen die Wälder rundherum. Und mittendrin ein paar Jugendliche, die ums Überleben kämpfen.

Niemand nahm diese Folgen eines Klimawandels ernst. Bis auf Alyssas Nachbarn, die haben ihr Haus zu einer Festung umgebaut und Vorräte gebunkert. Dafür wurde Kelton, der in Alyssa verliebt ist, von seinen Schulkameraden als verrückt bezeichnet. Doch nun verlangen die Nachbarn, dass der Vorrat geteilt wird. Aber was tun, wenn man diese Vorräte für das Überleben der eigenen Familie braucht und die Vorräte ohnehin nicht für alle ausreichen?

Bedrohlich ist dieses Thema ohnehin, mit dem das Autorenduo Neal und Jarrod Shusterman (Vater und Sohn) auf den Klimawandel aufmerksam machen wollen.

Dazu lassen sie fünf total unterschiedliche Jugendliche inmitten dieser Katastrophe ums Überleben kämpfen. Alyssas Eltern sind verschwunden, als sie von einer Entsalzungsanlage Wasser holen wollten. Nun ist das Mädchen für ihren zehnjährigen Bruder Garrett verantwortlich, der zwischendurch ziemlich tollpatschig und leicht zu beeinflussen ist. Niemals könnte sie sich vorstellen, zu so einem Monster zu werden, in das die Menschen sich seit dem Ausnahmezustand verwandelt haben. Doch erwecken nicht solche Ausnahmezustände auch in hilfsbereiten Menschen ihre dunklen Seiten, wenn es um Leben und Tod geht?
Kelton ist der Survival-Typ dieser Gruppe, von Geburt an auf so einen Katastrophenfall vorbereitet worden. Doch auf alles hat sein Vater nicht mal ihn vorbereiten können.

Charakterlich sehr verschieden sind die Figuren. Von Warmherzigkeit bis zu Abgebrühtheit ist alles dabei, so dass es natürlich schwer ist, eine Gruppe zu bilden. Leider reicht eine gute Charakterisierung nicht aus, um den Leser mitleiden zu lassen. Die Geschichte miterleben zu lassen.

Obwohl die Handlung ständig in Bewegung ist, reißt sie einen nicht mit. Viele stereotype Geschehnisse hinterlassen ein Gefühl, als hätte man die Geschichte schon tausendmal gelesen. Die Shustermans greifen genau auf das zurück, was jeder von uns in einem solchen Katastrophenfall erwarten würde. Wir haben solche Beschwörungen schon x-mal irgendwo gehört oder gelesen oder beides. Dabei fehlt die Überraschung, es kommt kein neuer Aspekt auf, wenn man dieses Klima-Wassermangel-Szenario heraufbeschwört.

Zudem fehlt der Story einfach Emotion, obwohl die einzelnen Geschehnisse genau dies heraufbeschwören sollten. Aber selbst als die Jugendlichen völlig verzweifelt sind, weil sie am Ende ihrer Kräfte angekommen sind und unweigerlich der Tod bevorsteht, ist da kein Mitfiebern beim Lesen zu spüren. Man kommt sich schon selbst vor wie ein Zombie, der emotionslos Bilder vor sich ablaufen lässt und darauf wartet, dass die Szene wechselt. Dabei gäbe es wirklich massenhaft Stellen in der Geschichte, die emotionaler gar nicht sein könnten: die Enttäuschung und der Schock darüber, dass Menschen Monster sind, obwohl man ihnen hilft. Das Entsetzen, wenn man erfährt, dass die Hilfsgüter niemals für alle ausreichend sind. Die Trauer, wenn man jemanden verliert. Aber nix. Die Geschichte läuft wie vom Band.

Und so bleibt die Thematik „Folgen eines Klimawandels“ zwar bedrohlich, doch die Geschichte selbst durch stereotype Handlungen und ihre emotionslose Art wird wohl nicht nachhallen und ziemlich schnell vergessen sein. Trotz aller menschlichen Monster im Buch.

Wenn sie sterben muss, damit mein Bruder lebt, werde ich das Wasser nehmen und sie dem Tod überlassen. Henry hatte recht. Manchmal sind es die Monster, die überleben. Und jetzt bin ich das Monster.

Zitat aus dem Ebook, Pos. 4718

Jarrod und Neal Shusterman
DRY

Erschienen am 22.05.2019 bei Fischer Sauerländer
Paperback, 978-3-7373-5638-1
Übersetzung aus dem Englischen von Kristian Lutze und Pauline Kurbasik
Jugendbuch ab 14 Jahre

Neal & Jarrod Shusterman: Dry ©2019 Sauerländer
Neal & Jarrod Shusterman: Dry ©2019 Sauerländer

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