Früher wurde hier Reis angebaut. Und in den Gewässern gefischt. Jetzt ist die Siliziuminsel nur noch ein Müllberg. Ein giftiges Ungestüm inmitten bleiverseuchten Wasser.
„Die Luft, das Wasser, der Boden und die Menschen, alles ist schon zu lange im Müll versunken. Manchmal können wir gar nicht mehr unterscheiden, was Müll ist und was nicht.“ (Zitat aus dem Ebook, Pos. 309)

Der chinesische Science-Fiction-Schriftsteller Quifan Chen fasst mit seinem Debütroman wortwörtlich heiße Eisen an. Er selbst stammt aus der Gegend Shantou, wo sich in der Nähe die Stadt Guiyu mit eines der weltweit größten Recyclingzentren für Elektroschott befindet und eine Umweltverschmutzung ungeahnten Ausmaßes stattfindet.
Das Thema um die Elektroschrottvermüllung und Plastikentsorgung ist aktueller denn je, hat doch China gerade im November 2018 Importverbot ⇔ für Müll verhängt. Wenn man bedenkt, dass alleine Deutschland 8.000 Tonnen unrecyceltes Plastik (Plastik! Da sind noch kein Elektroschrott gerechnet und keine Müllexporte der USA, etc.!) jährlich nach China exportiert, das verschifft werden muss, kann man ahnen, welches Klimaausmaß dieser Verschiffung zusätzlich zugrunde liegt.

So gesehen, muss man Quifan Chen wirklich dankbar sein, dass er dieses Thema in eine Geschichte verpackt hat und bei seinen Lesern für ein Entsetzen und hoffentlich auch für ein Nachdenken sorgt.

Made in China

Die Geschichte spielt in naher Zukunft. In einer Zeit, in der Elektroschrott hauptsächlich aus ausrangierten Prothesen, Chips und Implantaten besteht, denn die Reichen wechseln ihre Körperteile so beiläufig, wie man früher seine Armbanduhr gewechselt hat. (Zitat aus dem Ebook, Pos. 428) So ist dieser Berg aus giftigen Elektroschrott etwas makaber anzusehen, denn tote Hunde können dann – dank Hirnimplantaten – durchaus trotzdem mal zubeißen.

Scott Brandle verschlägt es geschäftlich auf die Insel. Er soll für das führende Recyclingunternehmen Wealth Recycle lukrative Geschäfte startklar machen. Sein Dolmetscher Chen Kaizong alias Caesar Chen soll ihn dabei unterstützen, er spricht nicht nur chinesisch, sondern hat auch Wurzeln zu einen der drei Clans, die auf der Insel über den Müll herrschen.

Der Anblick, den die Müllinsel bietet, ist wie aus einer anderen Welt. Überall liegen Berge von Metallgehäusen, kaputten Displays, Leiterplatten, Plastikteile, Drähte und anderer Schrott herum. Öfen und Säurebecken, die giftige Gase in die Luft verströmen und dadurch nicht nur die Atemluft beißend machen, sondern sich die Schmutzpartikel direkt auf die Haut kleben. Teiche, deren Wasser schwarz sind, zugemüllt mit Polyesterfolien. Und mittendrin: Menschen, die diesen Müll durchkämmen. Ohne Mundschutz, ohne Handschuhe, kaum vom Müll zu unterscheiden, so dreckig sind sie.
Diese „Müllmenschen“ erledigen die Drecksarbeit für den Kreislauf „Made in China“. Denn der so gewonnene Plastikmüll wird zu Kügelchen verarbeitet, der wiederum für die Herstellung aller möglichen billigen Produkte „Made in China“ dient, die in den Westen verkauft werden, bis er irgendwann wiederum als Müll in China landet. Ein endloses Unterfangen.

Mimi und der Luo-Clan

Mittendrin die Wanderarbeiterin Mimi. Eine von Hundert Millionen in diesem Land, eine der Müllmenschen, die Tag für Tag schuften und entsorgt werden, wenn sie nicht mehr funktionieren. Denn die Clans wachen über diese Müllmenschen, diese Sklaven der Müllindustrie. Die Clans behandeln diese Arbeiter wie Müll, erniedrigen sie, misshandeln sie, sortieren sie aus und lassen sie unwillkürlich verschwinden. Schläge und Elektroschocks, Brand- und Schnittwunden, Verstümmelungen, simuliertes Ertränken oder Begrabenwerden bei lebendigen Leib sind die Spezialitäten der Clans. Und einer dieser Clans verschleppt Mimi. Es passiert, was mit Müllmenschen hier halt so passiert. Eine Tortur, die anfängt wie immer, die dann aber in schwarze Magie mit Science Fiction auf chinesische Weise umschlägt und noch mehr unmenschliche Auswüchse annimmt.

Sie nennen uns »Müllmenschen«. Müll ist schmutzig, minderwertig, verabscheuungswürdig, nutzlos, aber allgegenwärtig. Jeden Tag produzieren sie ihren Müll, und sie können nicht ohne uns leben.

Zitat aus dem Ebook, Pos. 2557

Nichtsmenschliches

Nicht nur diese Müllindustrie ist unmenschlich, auch Teile der Geschichte haben nichts Menschliches an sich. Was anfängt wie ein gesellschaftskritischer Umweltthriller entwickelt sich dann zu Science Fiction mit einem Hauch schwarzer Magie mit einigen sehr brutalen Szenen, die sich jeglicher Vorstellungskraft entziehen.
Leider gibt es lange Passagen, die den Lesefluss trüben. Abgesehen von den vielen Figuren, die Raum im Buch bekommen, kommen auch Erläuterungen zwischendurch vor, die die Technologie näherbringen oder chinesischen Aberglauben einflechten. Eigentlich gut, etwas von der kulturellen Eigenheit dieser Region zu vermitteln, wären die Passagen kürzer. Auf den Punkt geschrieben.
Am Ende bleibt bei mir eine Geschichte zurück, die thematisch kaum zu toppen ist, die aber auch zwischendurch Lesedisziplin verlangt, weil zu viel und zu oft erläutert wird, und die Geschichte trotz brutalen Lebensschicksalen und Ausbeutung der schlimmsten Art ziemlich emotionslos zu lesen ist. Trotzdem ist es hier das Thema, das bleibt, das nachdenklich macht, das erschreckt. Und dafür ist man dem Autor Qiufan Chen dankbar. Für dieses heiße Eisen aus der globalen Müllindustrie.


Qiufan Chen
Die Siliziuminsel
Erschienen am 09.09.2019 im Heyne Verlag
Paperback , Klappenbroschur, 480 Seiten, ISBN 978-3-453-31922-6
Originaltitel: 荒潮 (Huang chao)
Übersetzung aus dem Chinesischen von Marc Hermann

Qiufan Chen: Die Siliziuminsel ©2019 Heyne Verlag

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