„Der Wanderer“ ist bereits der dritte Thriller des italienischen Autors Luca D’Andrea, der Südtirol als Setting hat. Doch dieser Thriller ist anders als seine beiden Vorgänger. Ganz anders. „… ein subtiler Ort. Subtile Orte waren Irrtümer des Systems. Kleine Risse, durch die Leute wie er sich hineinmogelten, um Geschichten zu stehlen.“ (Zitat aus dem Buch, S. 140) Genau das ist „Der Wanderer“, ein Roman, in dem D’Andrea allerhand Subtiles hineinmogelt und es Spaß macht, diese subtilen Dinge zu entdecken.

Kein Kreuz in Kreuzwirt

Südtirol als Setting kennen wir ja schon aus den Thrillern von Luca D’Andrea. Dieses Mal trifft es Kreuzwirt, ein Dorf in einem Tal im Nordosten Südtirols. Ein Kaff, in dem es keine Kirche gibt, dafür aber „Scheißdeutsche und Idioten“.

Kreuzwirt hatte schon mal bessere Zeiten gesehen. Inzwischen wurde es einverleibt von einer Familie: den Perkmanns. Als das Perkmann-Oberhaupt beerdigt wird, entdeckt Sibylle ein Foto in ihrem Briefkasten. Ein Foto, das 1999 aufgenommen wurde. Ein Foto, auf dem ihre Mutter Erika zu sehen ist. „Die narrische Erika“ tot. Unter einem Tuch. Und mittendrin ein 20jähriger junger Mann, der lacht.

Ein Foto, das es gar nicht geben dürfte

Dieses Foto veranlasst Sibylle den Mann auf dem Foto zu suchen. Sie will nun die Wahrheit wissen, denn sie zweifelt den Selbstmord ihrer Mutter an. Mit ihrer schlammverdreckten Yamaha und einem Klappmesser in der Gesäßtasche findet sie den Mann: Antonio Carcano, der Mann, der auch „Sophie Kinsella in Lederhosen“ genannt wird. Tony, der Schriftsteller, der mit „Der Kuss am Ende des Sonnenuntergangs“ erfolgreich ist und sich anstatt eines Gesprächs eine Watschn der Motorradbraut einfängt.

Ein ungleiches Ermittlerpaar erweckt Kreuzwirt zum Leben

Bald ermitteln beide, Sibylle und Tony, was es mit Erikas Tod auf sich hat. Denn eines ist klar: Irgendwas stimmt hier nicht. Das Foto ist der Beweis. Das Foto, das eigentlich nicht existieren dürfte, das nicht nur in den Polizeiakten fehlt, sondern auch Spuren aufweist, die die Polizeifotos nicht haben. Und so beginnen Sibylle und Tony in Kreuzwirt zu stochern. Und schrecken damit das ganze Dorf auf.

Und bald wird klar: Hier stimmt vieles nicht. Erika, die ihre Tarotkarten als Bild eines lächelnden Kolibris auflegt. Die Dorfbewohner, die alle nach einer Pfeife tanzen. Die Geheimnisse. Und dann kommt noch:

Das andere, das Subtile

So weit klingt das nach einem Ermittlerkrimi, der in einem Dorf spielt, der gerne die Perspektiven, die Zeiten wechselt. Es liest sich auch wie ein Ermittlerkrimi, mit einem zwar unprofessionellen Ermittlerduo, aber allerhand typischen Wer-war-es-, Was-ist-passiert-Fragen. Und doch ist es ungewohnt vertrackt für einen Thriller von Luca D’Andrea. Denn wer die Vorgängerthriller kennt, erkennt schnell: die Geschichte liest sich ganz anders. Viel ominöser, viel abstrakter, viel verflochtener, vielleicht für manche auch verwirrender und das hat nichts mit Erikas okkulter Wahrsagerei zu tun.

Tatsächlich: Diese Geschichte entwickelt sich äußerst ominös. Und wenn man als Leser selbst etwas stochert, finden sich Antworten. Subtile Antworten. Geheimnisvolle.

Was wenn die Realität zur Fiktion wird oder die Fiktion Realität ist? Und der Wanderer eine Unterwanderung ist?

Spätestens bei der Erwähnung von „Die Unaussprechlichen“ von Friedrich von Juntz (Anmerkung: Da führt die falsche Schreibweise „Junzt“ von D’Andrea den Leser auch nicht in die Irre) stellt man als Leser die Fragen hinter den Fragen. Was macht ein fiktionales Buch eines fiktionalen Autors, das gerne H. P. Lovecraft zugesprochen wird, in diesem fiktionalen Buch? Lovecraft, den D’Andrea gerne in Interviews übrigens als Vorbild erwähnt. Und die Krotn Villa, in der die Familie Perkmann wohnt, hat also den Namen auch nicht zufällig bekommen (Anm.: Tempel der Kröte kommt in „Die Unaussprechlichen“ vor). Und weitere Namen ergeben nun ihren Sinn, trotz absichtlich falscher Schreibweise.

Der richtige Spaß kommt nach dem Lesen

Ja, da geht die Entdeckungstour erst richtig los. Als wäre dieser Thriller als ein Rätsel nach dem Rätsel für seine Leser geschrieben worden, der Fiktion und Wirklichkeit mischt, der dieses Verflochtene selbst nach dem Lesen weiterhin in die Realität trägt. Ein richtiger Wanderer, der sich einschleust in diese Welt, sich mischt mit dem Erfundenen und dem Realen, die Grenzen auflöst.

Denn auch Tony könnte eine Wandererfigur sein. War doch D’Andrea selbst ein journalistisches Greenhorn, der durch einen Erika-Fall (in der Realität die in Südtirol ermordete Ulrike Reistenhofer) mit dem harten True-Crime konfrontiert wurde. Das war übrigens auch 1998!

Ich will auch gar nicht alles verraten. Aber ich kann euch versichern, der Spaß dieses Thrillers fängt erst richtig nach dem Lesen an. Beim Lösen des Rätsels, beim Nachsinnen des Gelesenen, beim Entdecken dieser Grenzauflösung zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Erst dann begreift man den Wanderer wirklich und darf selbst als Wanderer diesen Thriller unterwandern und erkennt überhaupt erst, was der Wanderer ist. Ein subtiles Highlight, das Karte für Karte aufgedeckt werden muss, damit man „das Lächeln des Kolibris“ erst richtig begreift. Obwohl begreifen hier wirklich die falsche Erwartung ist, denn wenn man D’Andreas Unterwanderung erst einmal entdeckt hat, glaubt man überall eine entdeckt zu haben. Das ist eine äußerst subtile literarische Unterwanderung, deren Entdeckung unglaublich viel Spaß macht. Nach dem eigentlichen Lesen.


Der Wanderer
Luca D’Andrea

Erschienen am: 23.09.2019 im Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60025-1 (Paperback), 384 Seiten
Übersetzung aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth
Originaltitel: Il respiro del sangue

Luca D'Andrea: Der Wanderer ©2019 Penguin Verlag

Weiterführende Links:

Kronen Zeitung vom 17.04.2008 ⇔ über den Mordfall der Steirerin Ulrike Reistenhofer 1998 in Südtirol
Auf Webarchive.org ⇔ der Beitrag der Kleinen Zeitung: „Mädchenmord. Polizei sucht einen Dichter“

Im Blog von Sabine Ludwig ⇔ gibt es ein Interview mit Luca D’Andrea, indem der Autor sein Erlebnis mit dem Mordfall Ulrike erzählt.

Bei deacademic ⇔ könnt ihr mehr über „Unaussprechliche Kulte“ von Friedrich Wilhelm von Junzt erfahren.

Bei Engelpedia ⇔ erfahrt ihr mehr über „Unaussprechliche Kulte“

  1. Danke fürs Verlinken. Wie gesagt, mir hat der Vorgänger-Thriller besser gefallen.
    Schönes Lese-Wochenende!
    Sabine

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    1. Sehr gerne! Sehr interessantes Interview!
      Ja, vom Lesevergnügen her haben mir die Vorgänger-Thriller auch besser gefallen (daher „nur“ eine 3-Treffer-Wertung), Atmosphäre, Setting & Plot.
      Dieser hier scheint eher ein Thriller zu sein, der aus der Reihe tanzt. Das Vergnügen hatte ich tatsächlich erst nach dem Lesen, als ich diese „subtilen Dinge“ entdeckte :-).
      Auch dir ein schönes Lese-Wochenende, vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Grüße, Iris

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  2. Na da hast du mich aber nun angefixt! ich habe noch ein ungehörtes Hörbuch des Autors hier (welches hab ich gerad nicht im Kopf, Titelmerken und ich passt nicht so). Und hier hätte ich gar nicht unbedingt zum Buch gegriffen, aber du machst neugierig auf die Geschichte und zuckerst durch all die Frage an!

    Mukkelige Grüße

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    1. Vielleicht „Das Böse, es bleibt“ oder „Der Tod so kalt“? Das sind die beiden Vorgänger, die ebenfalls in Südtirol spielen. – Ist aber keine Reihe, die Figuren sind bei jedem Band neue, nur das Hauptsetting bleibt.
      Die sind beide unterhaltsamer zu lesen – perfekt für zwischendurch zum Abschalten vom Alltag ;-).

      Das aktuelle Buch „Der Wanderer“ würde ich nur denjenigen empfehlen, die danach gerne auf Recherche gehen möchten oder eben das Subtile beim Entdecken dieser „Übergriffe“ vom Fiktionalen in das Reale erleben möchten.

      Freut mich, dass ich dich an dein ungehörtes Hörbuch erinnern konnte. Und viel Spaß im mörderischen Südtirol!

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